Abb. 413. Madagassische Zauberer weissagen mittels Getreidekörnern,
die sie auf einer Matte in sechzehn Häuschen hinlegen, darauf Figuren aus ihnen bilden und deren Bedeutung dann auslegen.
Der Madagasse unternimmt nichts Wichtiges, ohne daß er einen Zauberer zu Rate zieht. Dieser breitet eine Handvoll Getreide oder eine Anzahl Samen nach gewissen Regeln auf einer Matte aus und bildet aus ihnen sechzehn Figuren, deren Bedeutung er nach einem bestimmten Gesetz auslegt ([Abb. 413]). Überhaupt sind die Zauberer, die bald Mpanazary, bald Ombissa, Mpisikidy oder Masina und so weiter heißen, auf der ganzen Insel sehr wichtige Persönlichkeiten. Sie stehen in dem Rufe, nicht nur wahrsagen und Kranke heilen zu können, sondern auch die Macht zu besitzen, das Ody, einen Talisman, anzufertigen, der gewöhnlich aus kleinen Stücken geschnitzten Holzes, den Enden von Ochsenhörnern, die mit Glasperlen verziert sind, und Krokodilzähnen besteht. Die Hörner und Zähne werden mit Sand oder Erde, auch mit verschiedenen kleinen Gegenständen, wie vergoldeten Nägeln, Eisenabfällen und anderem mehr angefüllt. Nachdem der Zauberer Gott angerufen und das Zaubermittel noch mit Rinderfett eingerieben hat, händigt er es gegen Barzahlung seinem Kunden aus, der es nun beständig um den Hals trägt und fortan überzeugt ist, daß er bei allen seinen Unternehmungen vom Glück begünstigt sein werde. So zum Beispiel wird er überall Gegenliebe finden, gegen Kugeln sowie gegen Krokodilbisse gefeit sein, bei Diebstählen unentdeckt bleiben und auch in allen übrigen Dingen stets Erfolge zu verzeichnen haben. — Mit diesen Zaubermitteln und Fetischen ist fast stets ein Fady verknüpft, das heißt ein Verbot bestimmten Handlungen oder bestimmten Fleischsorten gegenüber. Bei Nichtbefolgung dieses Fady verliert der Ody seine sämtlichen Tugenden und büßt seine Kraft ein. Dieser Brauch des Fady, der über ganz Madagaskar verbreitet ist, erinnert sehr an das Tabu in Ozeanien.
Die früher üblichen Gottesurteile sind jetzt mehr in Wegfall gekommen, aber bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinein wandte die einheimische Regierung zur Ermittlung eines Verbrechens noch die Tangenprobe an, so benannt nach der je nach der genossenen Menge mehr oder weniger giftigen Frucht des Tangenbaumes (Tanginia venenifera), die der Verdächtigte essen mußte; übergab er sich nach ihrem Genuß, dann galt seine Unschuld für erwiesen. Andere Ordalien sind jetzt noch in Gebrauch (siehe unten).
Phot. W. D. Marcuse.
Abb. 414. Madagassische Fischerboote.
Die Hauptbeschäftigung der Frauen von Madagaskar ist das Zerstampfen von Reis für den Tagesbedarf; nebenbei weben sie auch primitive Stoffe zu Kleidern und flechten Matten, Körbe und Hüte aus Binsen oder Reisstroh. Die Männer dagegen führen, sofern sie nicht gerade, wie einige Bewohner von Merina, Kaufleute oder eigentlich Hausierer sind, ein vollkommen müßiges Leben, ausgenommen während der Zeit des Säens und Erntens. Entsprechend dieser ihnen angeborenen Trägheit geben sie auch gute Hirten ab. Die Küstenmadagassen, deren einzige Beschäftigung das Fischen ist, sind oft tüchtige Seeleute, die auch über gut gebaute Boote ([Abb. 414]) verfügen. — Als Unterbrechung des süßen Nichtstuns, das den gewöhnlichen Zustand der Madagassen ausmacht, sind ihnen Vergnügungen willkommen; auch dem Spiel ([Abb. 415]) sind sie sehr ergeben. Ein jedes Familienereignis gibt Anlaß zu Gesellschaften und Festen; Geburt, Hochzeit, Tod, das Errichten eines neuen Hauses, die Ankunft eines vornehmen Fremden, die Befreiung von einem Unglück, wie etwa einer Epidemie oder einer Überschwemmung — dies alles dient als Vorwand zu einem Freudenfest, bei dem Ochsen geschlachtet, viel Rum getrunken und getanzt wird. Der Tanz ist auf der ganzen Insel eine der beliebtesten Unterhaltungen ([Abb. 416]); langsame Bewegungen in anmutigen, ungezwungenen Stellungen kennzeichnen ihn. Ebenso sind die Madagassen sehr musikliebend ([Abb. 417]).
Phot. G. Grandidier.