Abb. 415. Madagassen beim Spiel,

auf das sie viel Zeit zu verwenden pflegen, besonders die Sakalaven. Der Einsatz besteht in Eiern.

Phot. G. Grandidier.

Abb. 416. Sakalaventanz zu Maintirano.

Er ist gekennzeichnet durch langsame Bewegungen und zwanglose, anmutige Stellungen. Die Tänzer bewegen sich dabei langsam von der Stelle, während sie mit den Armen eigentümliche Drehungen ausführen.

Ohne Nachkommen zu sterben, gilt bei ihnen als das größte aller Übel, was bei ihrer großen Verehrung der Vorfahren und ihrer feudalen Gesellschaftsgliederung erklärlich erscheint. Daher war es Vorschrift, daß, wenn ein Mann kinderlos starb, die Witwe von neuem heiratete, damit „der Keim wieder auflebe“. Das Bestreben eines jeden Madagassen läuft somit darauf hinaus, eine möglichst große Nachkommenschaft zu haben; nicht damit zufrieden, was ihm die Natur gewähren kann, macht es ihm Freude, noch andere Kinder zu adoptieren, wo dies nur möglich ist. Bei all dieser Liebe zu den Kindern und dem Wunsche nach einer großen Familie muß es um so mehr wundernehmen, daß die schreckliche Unsitte des Kindsmordes auf Madagaskar so verbreitet war. Es hängt dies aber mit dem stark ausgeprägten Aberglauben an Unglückstage und -stunden zusammen. Wird ein Kind zum Beispiel um Mitternacht im Monat Mai

geboren, dann gerät die Familie in große Bestürzung, denn das Kind wird dann ein Zauberer. Erscheint es zu der Stunde auf der Welt, wenn die Ochsen auf die Weide oder die Leute an die Arbeit gehen, dann steht zu befürchten, daß aus ihm ein Verschwender werde. Der ganze Monat September gilt für verhängnisvoll, denn die in ihm Geborenen werden sicherlich Bösewichter oder bringen den Eltern Unheil, wenn sie nicht gar deren Tod verursachen. Daher schafft man sie sofort entweder durch Lebendigbegraben oder Ertränken aus der Welt. Eine Ausnahme machen allein diejenigen, die gegen zwölfeinhalb Uhr mittags, das heißt wenn die Sonne ihre Strahlen gerade auf die Türschwelle sendet, das Licht der Welt erblicken; jedoch dürfen auch sie nicht so ohne weiteres am Leben bleiben, sondern werden einem Gottesurteil unterworfen. Man legt das Kind vor den Ausgang einer Ochsenhürde und wartet ab, ob die Tiere beim Herausgehen ihm einen Schaden zufügen. Auch wenn es nur von ihnen verwundet werden sollte, ist es dem Tode verfallen; nur wenn es unverletzt bleibt, läßt man es am Leben. Für die Geburt eines Prinzen dagegen ist nach dem Aberglauben der Madagassen der September gerade günstig, denn sie meinen, daß man, um ein großer und berühmter Fürst zu werden, recht böse sein und jeden mit Füßen treten müsse. Eine glückliche Zukunft steht ferner den Kindern bevor, die im Juli zur Welt kommen, besonders dann, wenn die Sonne aufgeht, oder wenn ihre Strahlen zwischen vier und fünf Uhr nachmittags die Hauspforten vergolden; denn dann wird der neue Weltbürger sehr große Reichtümer einernten. Man kennt aber auch Mittel und Wege, um das böse Schicksal eines unter ungünstigen Aussichten geborenen Kindes abzuwenden. So muß man bei einem Februarkinde, das man zu einem Brandstifter bestimmt glaubt, schnell eine kleine Hütte aus Erde und Kalk machen und sie verbrennen, oder man kann auch eine Heuschrecke oder einen Maikäfer als Opfer darbringen.

Die Schwangere ist mancherlei Fady unterworfen. Sie darf keine Ochsenschnauze essen, weil sonst ihr Kind eine schnauzenförmige Oberlippe bekäme, ebensowenig das Fleisch eines bestimmten Wasservogels, weil seine Beine sonst so dünn wie bei diesem Tiere werden würden, auch nicht von einem Raubvogel, weil das Kind sonst diebische Eigenschaften annähme; sie darf sich auch nicht über eine taubstumme oder geisteskranke Person lustig machen, weil das Kind dann die gleichen Eigenschaften erwürbe, und anderes mehr. Naht die Stunde der Geburt, dann versammeln sich die Angehörigen und jeder von ihnen nimmt nach dem Vorbilde des ältesten Familienmitgliedes etwas Wasser in den Mund, das dann auf die Gebärende ausgespien wird.