Phot. Frances L. Swayne.

Abb. 496. Somalgräber. Die auf ihnen errichteten Steine machen sie weithin kenntlich.

Ehescheidungen kommen häufig vor und sind leicht herbeizuführen. Mit Zustimmung der beiderseitigen Eltern können auch kirchlich geschlossene Ehen für ungültig erklärt werden. Scheidet sich das Ehepaar, dann zieht die Frau mit ihren Sklaven und Sklavinnen, den Kindern, die aus der Ehe hervorgegangen sind, und ihrer Abfindungssumme einfach ab. Etwas Unehrenhaftes wird darin nicht erblickt, und ein jeder Teil hat das Recht, sich wieder zu verheiraten; er macht auch meistens davon Gebrauch.

Beim Tode eines Mannes erfordert es der Brauch, daß der Bruder des Verstorbenen die Witwe heiratet.

Bei den Somal ist es das Mädchen, das sich den Ehegatten mit Billigung ihrer Eltern wählt. Auch bei diesem Volke wird vor der Hochzeit ein Brautpreis ausbedungen, der bei den habsüchtigen Forderungen des Schwiegervaters oft ziemlich hoch ausfällt; natürlich werden dabei auch die Vermögensverhältnisse des Werbers in Betracht gezogen. Der Preis bewegt sich von wenigen Rupien und einem halben Dutzend Schafe und Ziegen bis zu hundert Kamelen und wird in zwei Raten bezahlt, die eine Hälfte sogleich bei seiner Feststellung, die andere vor der Hochzeitsfeier. Die Trauung selbst ist eine sehr einfache Sache. Nachdem der Preis bezahlt worden ist, begeben sich Braut und Bräutigam in die Wohnung des Kadis, woselbst der künftige Gatte ein feierliches Gelübde ablegt des Inhaltes, daß er dem Mädchen Wohnung geben, es ernähren, kleiden und versorgen werde. Nachdem der Kadi noch einige Koranverse vorgelesen hat, ist die Handlung beendet, und der junge Ehemann führt seine Frau in sein Haus. Am Abend dieses Tages wird dann aber noch ein Iyar ([Abb. 495]) abgehalten, zu dem alle Freunde des Paares eingeladen werden. Ein Iyar besteht in Sang und Tanz, den der Bräutigam eröffnet. Im übrigen beteiligt er sich nicht weiter daran, sondern zieht sich, nachdem er das Zeichen zur Eröffnung gegeben hat, mit zwei Freunden in seine Hütte zurück. Darauf nähern sich einige Männer unter dem Gesang eines Liedes, das für diese Gelegenheit besonders verfaßt wurde und aus guten Ratschlägen für das junge Paar besteht, der Hütte und beschreiben einen Halbkreis um sie. Zwei Leute treten hervor und führen einen bestimmten Tanz, Shirbo genannt, auf, wobei sie mit den Füßen aufstampfen und Luftsprünge machen. Ist der Shirbo zu Ende, dann schließen sich die Freundinnen der Braut den Männern an, und alle begehen jetzt zusammen den eigentlichen Iyar. Sie tanzen im Kreise, klatschen in die Hände und stampfen nach dem Takte eines besonderen Liedes mit den Füßen, bis sie erschöpft umfallen. Darauf werden noch Erfrischungen umhergereicht, und die Gäste brechen auf. An allen diesen Festlichkeiten nimmt die Braut keinen Anteil; es gehört zum guten Ton, daß sie sich dabei überhaupt nicht sehen läßt.

Im großen und ganzen hält der Somal viel von seiner Frau; er behütet sie sorgfältig. Wenn sie ihm treu bleibt und ihn mit Kindern beschenkt, heiratet er häufig genug keine zweite mehr, obgleich ihm das mohammedanische Gesetz, wie wir bereits wissen, vier Frauen zu nehmen gestattet.

Beim Todesfall eines Abessiniers versammeln sich Freunde und gute Nachbarn draußen im Hof des Sterbehauses, und die Frauen erheben eine Wehklage und einen Totengesang. Die Leiche wird auf ein gerüstartiges Holzgestell mit geschnitzten Füßen gelegt, mit Ochsenhautstreifen verschnürt, mit Stoff zugedeckt und von kräftigen Männern zum Begräbnisplatz getragen, wo man den Toten, dem man das Gesicht nach Osten gewendet hat, ins Grab senkt. Nach dem Begräbnis findet für gewöhnlich noch ein Festgelage statt. Vierzig Tage später gibt es zur Erinnerung an die Auferstehung ein zweites, und im dritten sowie im zwölften Monat nach dem Tode wiederholt sich die Feierlichkeit abermals. Zum Zeichen der Trauer wird das Haar kurz geschnitten.

Unter den Somal fällt ein hoher Prozentsatz den blutigen Raubzügen und Fehden zum Opfer. Denn Räubereien stehen unter diesen Stämmen gleichsam auf der Tagesordnung; natürlich werden dabei viele Menschen getötet. Die Gegenpartei verlangt dementsprechend Sühne und beginnt, falls eine solche nicht bezahlt wird, die Fehde von neuem. So hören die blutigen Kämpfe meistens nicht eher auf, als bis ein großer Teil der Leute hat daran glauben müssen. Kommt schließlich ein Ausgleich zwischen den Parteien zustande, so währt der Friede leider oft genug auch nicht allzu lange, denn irgendein gestohlenes Kamel oder ein Streit um ein Weib bringen die Kugel von neuem ins Rollen, und bald liegen sich die Stämme wiederum in den Haaren. Auf diese Weise wird die Volkszahl der Somal stark geschmälert. Der bekannte Afrikareisende und Geograph Philipp Paulitschke schätzte ihre Gesamtzahl noch Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auf mehr als zwei Millionen. Nach neueren Berechnungen aber beträgt ihre Kopfzahl kaum eine Million.

Phot. American Colony, Jerusalem.