Phot. Yei Ozaki.

Abb. 52. Japanisches Allerseelenfest,

an dem Laternen vor die Häuser gehängt und Hanffeuer in der Vorhalle angezündet werden, um die Geister der Verstorbenen zu bewillkommnen, während im Hause für sie ein Altar mit besonders zugerichteten Speisen und Kuchen errichtet wird.

Die Buddhisten feiern ein Allerseelenfest, das wunderbare Bon-matsuri, vom 13. bis 16. August, denn um diesen Zeitpunkt, so glaubt man, suchen die Seelen der Toten ihre Hinterbliebenen auf. Von einem Ende des Reiches bis zum anderen werden freudige Vorbereitungen getroffen, um diese geisterhaften Besucher zu bewillkommnen. Die Kirchhöfe werden aufgesucht, die Grabsteine ([Abb. 53]) gewaschen und mit Blumen geschmückt, vor den Hügeln wird Weihrauch verbrannt, und vor den Häusern sowie den Altären werden Laternen aufgehängt, die von leuchtender, durchscheinender Schönheit sind, manchmal die Form von zart abgetönten Lotusblumen aufweisen und durchweg mit rosa und weißen Lotusblumen, sowie mit Fransen und langen Bändern aus feingeschnittenem Papier verziert sind. Auf den „Geisteraltar“, eine auf vier mit Fadennudelgewinden verzierten Bambuspfählen ruhende, mit einer Kryptomerienumzäunung versehene Strohmatte, werden „Willkommenkuchen“ und „glückbringende Klöße“, in Lotusblätter eingehüllt, sowie verschiedene Früchte und Beeren den Geistern als Speise hingesetzt, desgleichen für sie Gefährte in Gestalt kleiner Ochsen und Pferde, entweder aus Stroh geflochten oder aus Eierpflaumen und Melonen zugeschnitten, aufgestellt. Auf dem Lande geht die ganze Familie mit brennenden Laternen in den Händen zu den Gräbern, den ankommenden Seelen entgegen, zündet draußen vor dem Hause überall Hanfstockfeuer an ([Abb. 52]), um sie zu begrüßen, und stellt bei den Toren Schüsseln mit Wasser auf, damit sie sich die Füße waschen können. Am 14. August kommen die Priester, um vor dem Altar Gebete zu sprechen, und am nächsten Tage werden alle Feuer wieder angezündet, um die scheidenden Geister hinauszugeleiten. Altmodische Leute zünden sich an solchem Feuer ihre Pfeifen an und treten über dasselbe, um sich bestimmte Krankheiten fernzuhalten. — An der Küste besteht in manchen Gegenden der Brauch, kleine Boote aus Stroh mit Papiersegeln und winzigen Gefäßen für Wasser und Weihrauch für die wiederkehrenden Geister auszusetzen; auf dem Segel dieser Boote steht der buddhistische Name des Toten geschrieben. An manchen Orten schmückt man die Boote abends auch mit kleinen Laternen, an anderen setzt man nur schwimmende Laternen aus.

Die Ainu. Im nördlichen Japan (Jesso) sowie auf der Südspitze Sacchalins und auf den Kurilen wohnen die Ainu, ein Volk, das ehemals die ganze ostasiatische Inselkette, von den Kurilen angefangen bis Liu Kiu, sowie das Amurgebiet auf dem Festlande bewohnt haben muß und höchstwahrscheinlich von hier aus zur Steinzeit nach Japan einwanderte. Anscheinend trafen die Ainu hierbei auf eine einheimische Urbevölkerung, die die Bezeichnung Koro-pok-guru führte und mit ihnen zusammen, sowie mit hinzugewanderten mongolischen und malaiischen Elementen die heutige Bevölkerung Japans hervorbrachte.

Die Ainu sind klein, stehen in der Größe sogar noch den Japanern nach, sind aber von kräftigem, gedrungenem Körperbau. Ihr Kopf ist länger als bei den Mongolen, ihr kurzes, rundes Gesicht besitzt tiefliegende, rundliche, gerade stehende Augen (meistens ohne Mongolenfalte), die von buschigen Augenbrauen überschattet werden, und etwas vorstehende Jochbeine. Die Nase ist kurz, an der Wurzel schmal, nach unten hin aber ausladend. Der große Mund besitzt wulstige Lippen, das Kinn ist breit. Die Hautfarbe gleicht im allgemeinen der der Japaner, zeigt aber einen Stich ins Rötliche. Das Haar ist ebenfalls straff und tiefschwarz. Eine auffällige Erscheinung ist die besonders starke Behaarung der Ainu, die um so wunderbarer erscheint, als sie mitten unter Völkern leben, die im Gegensatz dazu besonders spärlich behaart sind. An den Männern fällt der üppige Bart auf, der bis an die Ohren und ziemlich an die Augen heranreicht, desgleichen der Reichtum an Haaren am ganzen übrigen Körper, die ihn wie ein Pelz bedecken. Im großen und ganzen weisen die Ainu in ihren Gesichtszügen mehr Ähnlichkeit mit den kaukasischen, als mit den mongolischen Völkern auf; Bälz stellt sie geradezu mit den russischen Bauern in Parallele. Die Ainu sind von Charakter gutmütige, höfliche, man kann beinahe sagen, unnatürlich kriechende, unterwürfige, dabei aber träge und arbeitscheue, sowie dem Trunke und dem Tabakgenuß sehr ergebene Leute.

Phot. Gebr. Haeckel.

Abb. 53. Japanisches Grab,

mit allen möglichen Gebrauchsgegenständen bedeckt, um dem Toten die Reise in das Jenseits zu erleichtern.