Ein Mullah oder Priester treibt die bösen Geister aus den Kindern aus. Für gewöhnlich begleitet ihn ein Diener, um in einem Gefäß dafür eine Belohnung einzusammeln.

Eine merkwürdige Form der Kinderehe treffen wir bei den Newâr in Nepal an. Hier wird ein jedes junge Mädchen bereits als Kind mit einer Betelfrucht verheiratet und diese dann in den heiligen Fluß geworfen. Nach erlangter Geschlechtsreife wird dann ein wirklicher Gatte für dasselbe ausgewählt. Fällt die Ehe unglücklich aus, dann kann die junge Frau in ganz leichter Weise sich von ihrem Manne trennen; sie braucht ihm nur eine Betelnuß unter sein Kopfkissen zu legen und dann davonzugehen. Nicht minder sonderbar ist die Sitte der Kalva Kunbis in Gujarât: ein heiratsfähiges Mädchen, das aber keinen Freier gefunden hat, mit einem Blumenstrauß zu vermählen und am nächsten Tage die verwelkten Blumen in den Brunnen zu werfen. Das Mädchen gilt dann für eine Witwe, darf sich aber später, wenn sich der richtige Gatte findet, wirklich verheiraten. Überhaupt begegnen wir der Sitte des Verheiratens mit einer Pflanze, einem Tier und selbst einem Gegenstand mehrfach in Indien. Eine Braut der Kangra, die ihre Verpflichtung zur Heirat gern aufheben möchte, kann sich ihrer dadurch entledigen, daß sie in den Wald geht und sich hier mit irgendeinem wilden Gewächs verheiratet, indem sie rings um dasselbe ein Feuer anzündet. Damit ist ihre Verlobung gelöst. Reiche Hindu, die keine Kinder besitzen, pflegen manchmal eine Tulasipflanze mit einem Brahmanen zu verheiraten und betrachten diesen dann als ihren Schwiegersohn. Hat ein Mann zwei oder drei Frauen bereits verloren, dann läßt er durch eine Frau einen Vogel einfangen und diesen von ihr als Tochter adoptieren. Er heiratet dann den Vogel, zahlt auch den Brautpreis an die Adoptivmutter, läßt sich aber von ihm sogleich wieder scheiden und verheiratet sich schließlich mit einer wirklichen Gattin, die ihm dann als Folge der Zeremonie am Leben erhalten bleiben soll.

Phot. Wiele & Klein.

Abb. 193. Mohurrumfest in Mylapore,

bei dem ein verziertes Gebilde, Tabut genannt, welches das Grab des Märtyrers Husain aus Karbela darstellen soll, nach einem offenen Platz, einem Wasserbassin oder einem Flußufer getragen wird.

Eine Werbung gibt es im gewöhnlichen indischen Haushalte nicht; die Heirat wird von der Familie des Mädchens dadurch meistens in die Wege geleitet, daß sie einem Heiratsvermittler den Auftrag gibt, einen passenden Jüngling auszusuchen, eine keineswegs für jenen leichte Sache in Anbetracht der vielen Kasten und sonstigen üblichen Einschränkungen hinsichtlich der Auswahl. Sind die Verhandlungen zum Abschluß gelangt und die Mitgiftfrage geregelt, dann findet eine formelle Verlobung statt. Damit setzt bereits die große Zahl der Hochzeitszeremonien ein, die sich sehr in die Länge ziehen und in ihren Einzelheiten nach Kaste, Religion und Lebensstellung verschieden ausfallen. Daher lassen sie sich auch nur ganz im allgemeinen schildern. Natürlich bedarf ein so wichtiges Ereignis, wie es die Hochzeit vorstellt, eingehender Prüfung durch den Astrologen, ob der Stand der Gestirne auch ein günstiger ist. Ist die Hochzeit beschlossene Sache, dann finden Tag um Tag in den beiden elterlichen Häusern etwa eine Woche lang verschiedene konventionelle Handlungen statt, bevor der Zug des Bräutigams zum Hause der Braut aufbricht. Zu diesen gehören unter anderem das Bauen eines Hochzeitsschutzdaches, sowie das Salben des Paares. An manchen Orten besteht auch die seltsame Zeremonie des Verschluckens einer Mangoblattrippe. Der Bruder der Mutter steckt ihr ein Geschenk in Gestalt von Geld und Schmuck in die linke Hand, während die Frau des Barbiers ihm das Mittelstück eines in der Hochzeitshütte aufgehängten Mangoblattes gibt, das er der Mutter an den Mund hält. Diese beißt ein Stück davon ab, legt es sich in die hohle rechte Hand und gießt ein wenig Wasser hinzu. Darauf hält die Mutter das Blatt über den Kopf ihrer Tochter und schluckt es.

Phot. Wiele & Klein.

Abb. 194. Mohurrumfest in Madras.