Er schlief nun ein und träumte, daß eine Frau zu ihm in das Zelt träte. Sie war hochgewachsen und ziemlich bejahrt. Sie sagte: »Ich danke dir, junger Mann, meiner Tochter wegen, aber dich zu belohnen, wie du es verdient hast, steht nicht in meiner Macht; jedoch will ich, daß du diese alte Sense annimmst, die ich hier unter deinen Sattel lege. Ich hoffe, daß sie dir von Nutzen sein wird, und sie wird stets gleich gut schneiden, wohin sie auch trifft. Nie darfst du sie im Feuer glühen; denn dann taugt sie nichts mehr; sollte es dir aber nötig erscheinen, so darfst du sie gern an einem Stein wetzen.« Darauf verschwand die Frau.

Der Ernteknecht erwachte aus seinem Schlaf und sah, daß sich der Nebel gelichtet hatte, und daß es heller Tag war. Die Sonne stand hoch am Himmel. Das erste, was der Mann zu tun hatte, war, seine Pferde zu sammeln und sich zum Aufbruch zu rüsten. Darauf band er das Zelt zusammen und packte es auf die Pferde; als er aber seinen Sattel von der Erde aufhob, fand er darunter eine halb abgenutzte Sense mit Rostflecken. Da erinnerte er sich des Traumes und verbarg die Sense, zog weiter, und alles ging gut. Den Weg fand er bald, und nun ging es, so schnell er nur konnte, den bewohnten Gegenden zu. Als er aber nach dem Nordland kam, wollte ihn niemand in Dienst nehmen; denn alle hatten die Ernteleute, die sie brauchten, schon gedungen, und es war bereits eine Woche von der Heuernte verstrichen. Da hörte er, daß in der Gegend eine Frau wohne, die noch keinen Ernteknecht angenommen hätte. Sie war reich an Gut, und man glaubte, sie könne mehr als Brot essen. Sie pflegte keine Ernteleute zu dingen, und nie begann sie das Heu früher zu mähen als eine Woche oder vierzehn Tage nach den anderen; und doch wurde sie meist ebenso schnell auf ihrem Heimacker fertig wie die übrigen. Wenn sie dann wirklich ab und zu einen Knecht in Dienst genommen hatte, behielt sie ihn nicht länger als eine Woche und gab ihm keinen Lohn. Zu ihr wies man den Südländer, nachdem man ihm gesagt hatte, wie sie wäre, und da er nirgends Arbeit finden konnte, ging er dorthin und bot sich an, ihr das Heu zu mähen. Sie nahm ihn gut auf und sagte, daß sie ihm erlauben wolle, eine Woche dazubleiben. »Aber Lohn gebe ich dir nicht,« sagte sie, »außer, wenn du so viel Heu in einer Woche mähst, daß ich am Sonnabend nicht alles, was du gemäht hast, zusammenharken kann.« Das schien ihm eine gute Bedingung zu sein, und er begann also zu mähen.

Er nahm nun seine Sense, das Geschenk der Huldrefrau, und sie schnitt gut, fand er. Nie brauchte er sie zu schärfen, und so mähte er ununterbrochen fünf Tage lang. Es gefiel ihm dort sehr gut, und die Frau war sehr freundlich gegen ihn. Einmal kam er in die Schmiede; dort sah er eine ungezählte Menge Sensenschäfte und Harken und einen großen Haufen Sensen. Er wunderte sich darüber und fand, die Frau hätte nicht gerade Mangel an Erntegerät.

Am Freitag Abend ging er zu Bett, wie immer. Nachts träumte ihm, daß die Huldrefrau, die ihm die Sense geschenkt hatte, zu ihm käme und sagte: »Viel Heu hast du schon gemäht, aber deine Herrin wird nicht viel Zeit brauchen, um es zusammenzuharken, und dann jagt sie dich fort, wenn sie dich morgen überholt. Geh darum in die Schmiede, wenn du glaubst, daß das Heu, das du gemäht hast, nicht ausreicht, und nimm so viele Sensenschäfte wie du für gut hältst, befestige Sensen daran und trage sie aufs Feld hinaus und sieh zu, wie es dann geht.« Nachdem die Huldrefrau das gesagt hatte, ging sie fort, der Ernteknecht aber erwachte, stand auf und begann zu mähen. Morgens kam seine Herrin hinaus und trug fünf Harken in der Hand. Sie sagte: »Viel Heu hast du gemäht, viel mehr, als ich geglaubt hätte.« Darauf legte sie die Harken hier und dort auf die Wiese und begann zu harken, und da sah der Ernteknecht, daß sie viel Heu zusammenharken könnte, die anderen Harken jedoch nicht weniger, obgleich er keinen Menschen bei ihnen sah. Als die Mittagszeit näher rückte und er sah, daß das gemähte Heu nicht ausreichen würde, ging er in die Schmiede und holte einige Sensenschäfte und befestigte Sensen daran. Dann ging er wieder hinaus und verteilte diese Sensen auf der ungemähten Wiese, und alle fingen an zu mähen, und augenblicklich wurde der Fleck größer. Das ging nun den ganzen Tag so, bis zum Abend, und das gemähte Heu reichte aus. Abends aber ging die Frau nach Hause und nahm ihre Harken mit. Den Ernteknecht bat sie, ihr zu folgen. Sie sagte, er verstände mehr, als sie gedacht hätte, und davon würde er Gutes haben, und solange er selbst wolle, könne er nun bei ihr bleiben. Er blieb den Sommer über bei ihr, und sie wurden gut miteinander fertig. Sie ernteten viel Heu, ließen sich aber doch gute Zeit. Nach der Ernte gab sie ihm einen sehr großen Lohn, und damit zog er nach dem Südlande. Im nächsten Sommer und allen folgenden, die er auf Erntearbeit zog, nahm er Dienst bei ihr. Dann übernahm er selbst einen Hof auf dem Südlande und wurde immer für einen tüchtigen Mann gehalten. Er war ein flinker Seemann und geschickt zu allem, was er in Angriff nahm; immer mähte er sein Heu allein und nahm dazu nie eine andere Sense als die, welche ihm die Huldrefrau geschenkt hatte, und trotzdem wurde er ebenso schnell mit seinem Heimacker fertig wie andere Leute.

Da geschah es eines Sommers, daß er zum Fischen hinausruderte; da kam sein Nachbar zu seiner Frau und bat sie um eine Sense; denn er hätte seine Sense zerbrochen und wüßte nicht, wie er sich sonst helfen sollte. Da begann die Frau unter den Gerätschaften ihres Mannes zu suchen und fand die gute, alte Sense, aber keine andere. Sie lieh dem Bauern die Sense, warnte ihn aber davor, sie im Feuer zu glühen; denn das tue ihr Mann nie, sagte sie. Er versprach es und ging nach Hause. Er befestigte die Sense an dem Schaft, begann zu mähen, konnte aber keinen einzigen Strohhalm mit ihr schneiden; darüber wurde er zornig und begann die Sense zu wetzen; aber das half nicht. Da ging er in die Schmiede, um die Sense zu hämmern, und er dachte, es wäre keine Gefahr dabei, wenn er die Sense auch im Feuer glühen würde. Sobald sie aber ins Feuer gekommen war, schmolz sie wie Wachs und wurde zu lauter Eisenschlacke. Er ging zu der Frau und erzählte ihr, wie die Dinge lägen; sie fürchtete sich nun sehr, denn sie wußte, daß ihr Hausherr sehr erbost sein würde, wenn er es erführe, und das war denn auch der Fall; jedoch hörte man nicht, daß er sich lange darüber ärgerte, nur gab er seiner Frau einen Backenstreich, und das war das erste- und das letztemal, daß sie einen bekam.

Thord von Throstestad

Ein Mann hieß Thord; er wohnte auf Throstestad am Höfdestrand im Skagefjord. Er hatte, wie es den Leuten schien, ein sonderbares Gemüt. Es geschah eines Winters, daß er bei so starkem Schneetreiben von zu Hause nach dem Handelsplatz ging, daß er glaubte, es sei kein Wetter, um einen Weg zu finden. Er trug einen Sack mit Waren, und mit diesem ging er nun unten über die Sümpfe; denn von dort ist es nicht weit bis nach Hofsos. Als er ein kleines Stück gegangen war, verlor er den Weg, setzte seine Wanderung jedoch bis zum Abend fort; da glaubte er, ein paar Buden zu sehen; sie waren so hoch, daß er darüber staunte; er ging hin und fand die Fenster erleuchtet. Er ging an ein Fenster und sah Menschen drin, die sich mit Saitenspiel und Tanz belustigten. Dann näherte er sich der Tür und klopfte an. Sogleich kam ein Mann im Rock an die Tür und fragte, was er wolle. Thord sagte, wie es wäre, daß er den Weg verloren hätte, und sagte auch, daß er gern Obdach haben würde, wenn es sich machen ließe. Der andere erwiderte, daß er das wohl erhalten könnte. »Folge mir nun hinein mit deinem Warensack. Morgen werde ich mit dir handeln, und es wird dir wohl nicht weniger gefallen, hier zu handeln als in Hofsos.« Thord traute seinen Augen kaum; ihm war das alles wie ein Traum. Der Mann im Rock führte ihn in die Stube hinein, obgleich er nicht fein angezogen war; da waren viele Leute, die Frau des Hauses, die Kinder und das Gesinde, und alle waren sehr geputzt und sangen und waren fröhlich.

Der Mann im Rock oder der Herr des Hauses sagte leise zu seiner Frau, aber doch so laut, daß der Mann es hörte: »Ein verirrter Wanderer ist gekommen, er ist müde und braucht etwas zur Stärkung. Gib ihm einen Labetrunk, mein Schatz.« Er tat ihr leid, der Ärmste; sie erhob sich schnell und holte gutes und reichliches Essen für ihn. Der Herr des Hauses aber kam mit zwei Bechern, goß ein, leerte den einen Becher darauf selber und bat Thord, den anderen zu leeren. Das tat er, und er glaubte, nie in seinem Leben so guten Wein getrunken zu haben. Es war sehr lustig, und Thord hatte keine Langeweile, obwohl er sein Abenteuer etwas merkwürdig fand. Er bekam einen Becher nach dem andern und begann, trunken zu werden. Dann wurde er in ein gutes Bett gebracht und schlief nachts seinen Rausch aus. Am nächsten Morgen bekam er wieder Nahrung und Wein, die noch besser als am Abend zuvor waren.

Dann ging der Herr des Hauses mit ihm hinaus und fragte ihn, ob er handeln wolle, worauf Thord »Ja« erwiderte. Sie gingen dann in den Kramladen, in dem allerlei Waren lagen. Thord ließ seine Waren wiegen, und der Kaufmann gab ihm einhalb mal mehr dafür als gewöhnlich in Hofsos gegeben wurde. Thord erhielt nun Korn in seinen Sack, Leinwand und verschiedene Kramwaren, die er brauchen konnte. Alles bekam er für die Hälfte des üblichen Preises, und als er fertig war, gab ihm der Kaufmann ein großes Tuch für seine Frau und Weißbrot für seine Kinder und sagte, daß Thord nun dafür belohnt werden sollte, daß er einmal seinen Sohn aus Lebensgefahr gerettet hätte. Thord glaubte nicht, daß es sich so verhielte, der Kaufmann aber sagte, daß das doch der Fall sei. »Du warst einmal mit mehreren Männern unterhalb Thordshöfde; ihr wolltet nach Drangö hinüber und lagt und wartetet auf guten Wind. Deine Kameraden belustigten sich mit Steinwerfen und zielten nach einem Felsen; es war aber warmes Sonnenwetter an jenem Tag, und mein Sohn hatte sich deshalb unter dem Felsen zur Ruhe gelegt; denn er war müde und hatte die ganze Nacht gewacht. Du verbotest ihnen, Steine zu werfen, und sagtest, daß solche Steine keinen Zweck hätten. Wohl hörten sie dann auf, aber sie verhöhnten dich wegen deiner Launen und sagten, daß du immer ein wunderlicher Mann gewesen wärst. Und hättest du sie nicht daran gehindert, so würden sie meinen Sohn getötet haben.«

Nach diesem Gespräch rüstete sich Thord, um nach Hause zu ziehen; denn jetzt war helles Wetter. Er sagte allen Lebewohl; der Kaufmann aber brachte ihn auf den Weg, wünschte ihm eine glückliche Wanderung und kehrte dann wieder nach Hause zurück.