Guldbraa wohnte nicht lange auf Akur nach dem Tode Audurs; denn obgleich ihre Macht dadurch zunahm, daß das Heidentum allgemein wurde und die Hvamsleute heidnischen Gottesdienst und Opferungen auf Kroßholar abzuhalten begannen, konnte sie doch keine Ruhe finden, da Audurs Grab am Flutmesser unterhalb ihres Besitztums lag und sich ihre Kreuze über ihr, an der Kluft auf dem Felsenrand befanden. Da war sie schlimm daran, und darum überließ sie den Hvamsleuten das Akurland, nahm aber selbst den innersten Teil des Tales in Besitz. Da war es sehr finster, und die Sonne steht im Sommer dort tief, den größten Teil des Winters aber kommt die Sonne an der Südseite des Tales überhaupt nicht zum Vorschein. Sie wählte ihren Aufenthaltsort so weit wie möglich im Tal drin, wo es am schmalsten und dunkelsten war, und diese Stelle wird von jener Zeit an Guldbraas Hügel genannt.
Guldbraa wagte nicht, an den Kreuzen Audurs vorbei in das Tal hineinzuziehen, ehe sie sich mit ihrer Zauberei gestärkt hatte. Sie ging zu ihrem Opferhaus, und dort verweilte sie lange, unter seltsamem Gebahren; als sie herauskam, ließ sie sich die Augen verbinden. Eine Truhe, mit Gold gefüllt, nahm sie aus dem Opferhaus mit, und an ihrem Deckel ließ sie einen großen Ring anbringen, der in der Tür des Opferhauses befestigt gewesen war, stieg darauf zu Pferd und ritt mit der Truhe vor sich davon, indem sie den Ring festhielt, während ihr Hofknecht das Pferd am Zaum führte. Sie verbot ihren Leuten, je nach den Kreuzen am Abhang zu blicken. Aber als derjenige, der ihr Pferd am Zügel durch die Kreuzkluft führte, unversehens den Abhang hinaufblickte, blieb er ein Weilchen stehen, und da es schwer war, durch die Kluft zu kommen und Guldbraa das Pferd eifrig antrieb, stolperte es. Dabei fiel die Truhe vor ihr herunter, während Guldbraa nur den Ring in der Hand behielt. Darüber erschrak sie so, daß sie die Binde von den Augen riß, um zu sehen, was aus der Truhe geworden war; da aber fielen ihr die Kreuze am Felsenrand gerade in die Augen. Da schrie sie laut auf und sagte, daß sie ein unerträgliches Licht blende; sie gebot ihrem Hofknecht, ihr die Truhe zu reichen und mit aller Kraft vorwärts zu reiten. Aber den Ring, den sie zurückbehalten hatte, schleuderte sie weit von sich und sagte, daß sie es lange bereuen würde, ihn mitgenommen zu haben. »Das sehe ich nun hinterher,« sagte sie, »daß der Ring für die Dinge bestimmt ist, die meinen Gedanken am meisten zuwider sind.«
Guldbraa setzte nun ihren Ritt fort. Aber als sie ein kleines Stück Weges von der Kluft fortgeritten war, bekam sie so heftige Augenschmerzen, daß sie, als sie Guldbraas Hügel erreichte, das Augenlicht verloren hatte. Dort verweilte sie nun eine kurze Zeit, blind und unter vielen Verdrießlichkeiten, bis sie in eine schwere Krankheit verfiel. Da rief sie ihre Hofknechte zu sich und befahl ihnen, sie an eine Schlucht zu bringen, in die sie sich hineingleiten lassen wollte. Sie sagte, daß sie liegen wolle, wo die Sonne nie zu sehen und das Läuten der Glocken nie zu hören wäre. In diese Schlucht aber stürzt gegen Nord ein Wasserfall, und unter ihm befindet sich eine Höhle. Die Schlucht ist schwindelnd tief, und der Wasserfall lärmt und braust dort unten.
Guldbraa ging in die Höhle hinein und legte sich auf das Gold. Als sie in dem Wasserfall ein Spukgeist geworden war, vernichtete sie einen Hof auf Guldbraas Hügel; als es zu dunkeln begann, konnten weder Menschen, noch Tiere ihr Leben dort auf dem Hügel oder auf dem Abhang behalten, und die Schafhirten glaubten später, dort Spuk zu bemerken. Aber alles Gespensterunwesen hörte auf, sobald eine Kirche in Hvam gebaut worden war. Jetzt wird der Ort, an den Guldbraa sich hinbringen ließ, Guldbraas Schlucht und Guldbraas Fall genannt.
Der Ring von der Tür des Opferhauses befindet sich noch an der Kirchentür zu Hvam. Es ist ein großer Bronzering, dessen Handgriff stark abgenutzt ist; unter der Kramme befindet sich eine uralte Kupferplatte, auf der in erhöhter Arbeit zwei Männer in Waffenkleidung mit dem Helm auf dem Kopf und dem Schwert an der Seite und mit kurzem Panzer bekleidet zu sehen sind. Der eine jagt dem andern einen Speer in die Brust, der am Rücken wieder heraustritt.
Es wird in der Sage vom Christentum und an mehreren Orten erzählt, daß der Priester Thangbrand, als er in den Westfjorden umherzog, auch nach Hvam kam. Seine Predigt fand dort nur widerwillige Ohren. Die Hausfrau kam nicht heraus, sondern blieb drin und opferte, während ihr Sohn Skegge unterdessen Thangbrand und seine Männer verhöhnte.
Von diesem Skegge wird erzählt, daß er lange in Hvam gewohnt und den heidnischen Glauben sehr gestärkt habe. Er war selbst ein Zauberer und ein Heide von Kopf bis zu Fuß, genau wie seine Mutter. Aber trotzdem war er kein so großer Zauberer, daß er Guldbraas Spuken bewältigen konnte. Oft tötete sie ihm die Hirten und das Vieh, wenn sie nach Guldbraas Hügel kamen. Das gefiel Skegge nicht, um so weniger, als er immer Lust gehabt hatte, Guldbraas Truhe aus dem Wasserfall heraufzuholen. Er sagte, was ja auch wahr war, daß sie besser bei ihm als bei ihr, dem toten Geist, aufgehoben sei.
Eines Tages zog er bei schönem Wetter ausgerüstet hinaus, um im Guldbraas Fall hineinzusteigen. Der Weg durch das Tal war weit, und es begann zu dunkeln, ehe er den Wasserfall erreichte. Zwei Hofknechte, die die Stricke halten sollten, begleiteten ihn. Skegge glitt in den Fall hinein, und es dauerte nicht lange, bis die Knechte ein starkes Gepolter, Donnern und anderen Lärm hörten; es hörte sich an, als wenn ein schwerer Kampf unter dem Wasserfall stattfände; es wurde ihnen todesangst, und es hätte nicht viel gefehlt, daß sie fortgelaufen wären; da aber gab ihnen Skegge ein Zeichen, daß sie die Stricke hochziehen sollten. Das taten sie; aber als Guldbraas Truhe bis an den hervorspringenden Rand der Schlucht gekommen war, sahen sie sich unwillkürlich um, und es schien ihnen, als stände das ganze Tal bis nach Hvam hinunter in hellen Flammen, so daß die Flammen sich von Fels zu Fels verbreiteten. Da entsetzten sie sich so, daß sie von den Stricken fortliefen, und die Truhe fiel zurück in den Fall. Als sie von dem Hügel herabgestiegen waren, sahen sie nichts Außergewöhnliches, trotzdem aber hielten sie erst im Laufen inne, als sie das Haus erreicht hatten. Skegge kam erst viel später, übel zugerichtet; denn er war blau und blutig. Er trug einen großen, mit Gold gefüllten Kessel auf dem Arm; den hatte er mit Gold aus Guldbraas Truhe gefüllt, und er hatte sich mit den Händen aus der Schlucht emporgeschwungen. Der Kampf zwischen Guldbraa und Skegge war hart und lang gewesen, aber Guldbraas Gespensterwesen hatte er nicht zu vernichten vermocht; denn nie war es so schlimm gewesen wie nach dieser Zeit. Sie tötete Skegge einen Hirten nach dem andern, und schließlich konnte er niemanden mehr als Viehhirten bekommen; denn alle, die es wurden, starben.
Skegge war nach seinem Besuch in der Schlucht nicht mehr der Alte; sowohl die Folgen des Kampfes, wie der Tod seiner Hirten packten ihn so schwer, daß er sich zu Bett legen mußte. Aber als es so weit gekommen war, daß sich niemand mehr bewegen ließ, das Vieh zu hüten, stand Skegge eines Tages auf und ging zu seinen Schafen. Tag und Nacht vergingen, ohne daß Skegge wiederkam, aber spät am nächsten Tage kam er nach Hause, mehr tot als lebendig; denn niemand hatte gewagt, nach ihm zu sehen. Da trug er Guldbraas Truhe auf dem Rücken. Er sagte, daß ihr Spuk jetzt keinen Schaden mehr anrichten würde, daß er selbst ihr aber wohl folgen müsse. Er ging darauf wieder zu Bett und stand nicht mehr auf. Er wünschte vor seinem Tod, daß das Gold, das im Kessel war, zum Ankauf von Kirchenbaumaterial verwendet werden möge, so daß eine Kirche in Hvam erbaut werden könnte. Er sagte, daß er, als er das erstemal in den Wasserfall gestiegen wäre und mit Guldbraa gerungen hätte, seinem Freund Thor ein Versprechen gegeben habe; der habe ihn jedoch getäuscht; das letztemal aber hätte er, als er sich in noch größerer Gefahr befand, das Versprechen gegeben, Geld zu stiften, um eine Kirche in Hvam zu bauen, wenn er aus Guldbraas Krallen errettet würde. Da aber hätte eine starke Flamme in ihren Augen aufgeleuchtet, und ehe er das Wort gewußt habe, sei sie da unten in der Schlucht zu Stein geworden. Und heute noch ist der Geist in Guldbraas Fall zu sehen.
Trotzdem aber wollte Skegge sich nicht bekehren oder sich neben der Kirche zu Hvam begraben lassen; dagegen gebot er, daß man ihn in einen Hügel auf der nördlichen Seite des Heimackers legen sollte. Das wurde getan, und Guldbraas Truhe wurde ihm unter den Kopf gelegt. Dort steht noch jetzt ein großer Stein, der der Skeggestein heißt. Das Tal, nach dem er gerichtet ist, heißt das Skeggetal, und Guldbraas Hügel liegt gegen Süden in diesem Tal.