Nichts wird weiter von seinem Ritt berichtet, bis er an die Höhle der Riesin kam. Sie empfing ihn freundlich, und er blieb ein paar Tage bei ihr. Er gab ihr alle Fische, die der Braune getragen hatte. Sie plauderten über viele Dinge miteinander. Sie erzählte ihm, daß ihre Kinder im Winter gestorben wären, und daß sie sie unter dem Felsen neben ihrem Mann begraben hätte. Sie erzählte ihm auch, daß sie es gewesen sei, die ihnen die Haken von den Angelschnüren genommen hätte, als sie das letztemal ruderten, und daß sie gleichzeitig die Pferde an den Strand gebracht habe. Sie fragte Jon, ob er etwas von zu Hause gehört hätte, er aber erwiderte: »Nein.« Da sagte sie, daß sie ihm berichten könne, daß sein Vater im Winter gestorben sei, und da er das einzige Kind wäre, würde er ja jetzt die Wirtschaft übernehmen. Er würde nun nach dem Hof ziehen und sich im Sommer eine Frau nehmen und ein sehr glücklicher Mann werden. Schließlich sagte sie, daß sie eine Bitte an ihn hätte. Jon fragte, was für eine Bitte das sei. Die Riesin sagte: »Ich habe nun nicht mehr viel Zeit übrig, und ich will dich bitten herzukommen, sobald du von mir träumst; denn ich will dich bitten, mich neben meinem Mann und meinen Kindern zu begraben.« Dann zeigte sie ihm die Stelle, wo diese begraben waren. Sodann machte sie eine Seitenhöhle auf, in der zwei Truhen standen, die mit Gold und allerlei seltenen Schätzen gefüllt waren. Diese Truhen, sagte sie, sollte er von ihr erben, und das braune Pferd ebenfalls. Sie würde die Truhen schon zusammenbinden und hinaussetzen, ehe sie sterbe, und etwas darunter stellen, so daß er nur das Pferd dazwischenzusteuern und dann die Ösen über die Traghölzer am Saumsattel zu spannen brauche. Sie würde dem Braunen den Saumsattel schon auflegen, und er würde die Truhen mit Leichtigkeit tragen können, ohne daß er selbst nötig hätte, irgend etwas daran zu ändern, bis er nach dem Nordland käme. Dann trennten sich Jon und die Riesin mit großer Liebe voneinander. Von seiner Reise wird nun weiter nichts erzählt, als daß alles gut ging, bis er nach dem Nordland kam. Dort fand er alles, wie es die Riesin gesagt hatte, und alles geschah nach ihrem Wort. Jon übernahm die Wirtschaft seines Vaters und trat die ganze Erbschaft an, und früh im Sommer heiratete er eine Bauerntochter aus dieser Gegend. Nun ging es auf die Zeit, in der die Wiesen gemäht werden sollten, ohne daß etwas Neues geschah. Da träumte Jon eines Nachts von der Riesin. Sofort erinnerte er sich ihrer Bitte und stand aus dem Bett auf. Es war dunkle Nacht; draußen stürmte und regnete es. Jon bat seinen Knecht, seine beiden Reitpferde zu holen. Der Knecht gehorchte sofort, und Jon machte sich eiligst zu dem Ritt bereit. Seine Frau fragte ihm, weshalb er so plötzlich mitten in der Nacht und bei solchem Wetter fortwolle. Er wollte aber nichts darüber erzählen, bat sie jedoch, seinetwegen nicht unruhig zu sein, auch wenn er ein paar Tage fortbleiben würde. Dann zog er fort und ritt so schnell seine Pferde laufen konnten. Alles ging gut, und er kam an die Höhle. Die Riesin stand draußen und konnte nur noch ein paar Worte mit ihm sprechen. Er blieb bei ihr, bis sie ihre Seele ausgehaucht hatte und begrub sie dann an der Stelle, die sie selbst gewählt hatte. Darauf nahm er das braune Pferd, das mit dem Saumsattel dastand.

Vor der Höhle standen zwei Truhen mit Ösen daran. Jon steuerte das Pferd zwischen sie, legte die Stricke über die Sattelhölzer und zog dann mit allem fort. Der Ritt nach dem Nordland verlief glücklich. Jon blieb nun auf seinem Hof und wurde ein sehr reicher Mann. Er wohnte lange und zufrieden auf dem Hof, den er von seinem Vater geerbt hatte, hatte Erfolg in allem und genoß großes Ansehen bei alle Leuten.

Und so weiß ich nichts mehr von dieser Erzählung.

Ketil von Silfrunarstad

In längst vergangenen Zeiten wohnte auf Silfrunarstad im Skagefjord ein Bauer, dessen Name nicht bekannt ist. Dieser Bauer hatte viele Schafe; es war aber auch ein Boden da, der sich ausgezeichnet zur Schafzucht eignete. Er ließ sein Vieh gern vorn auf dem Berg an der Bessehütte grasen, manchmal jedoch auch weiter entfernt, und es verging eine lange Zeit, ohne daß sich etwas Merkwürdiges zutrug, und er wohnte jahrelang ganz ruhig dort.

Da geschah es eines Weihnachtsheiligabends, daß die Herde des Bauern auf dem Nachhauseweg am Grimshöi vorbeitrieb, und er erwartete, daß sie jeden Augenblick käme. Er pflegte dem Hirten immer selbst beim Hereinlassen der Schafe behilflich zu sein; daher ließ er Auslug nach ihnen halten, und eine ganze Weile später, als er annahm, daß sie jetzt nach Hause gekommen sein müßten, ging er selbst hinaus; die Schafe waren aber nicht gekommen, sondern immer noch auf demselben Fleck zu sehen. Da sandte der Bauer Leute hin, die die Schafe heimwärts treiben sollten, der Hirt aber war nirgends zu finden, und die Nacht verging, ohne daß er nach Hause kam. Der Bauer mußte deshalb jemand anders die Aufsicht über die Schafe halten lassen. Man suchte nun nach dem Hirten, er war aber nirgends zu entdecken. Zu Anfang hatte man allerlei Vermutungen über sein Verschwinden, aber es kam so, daß die Leute allmählich weniger davon sprachen, wie es ja immer der Fall zu sein pflegt, wenn eine Zeit vergangen ist.

Nun ereignete sich nichts bis zum nächsten Weihnachtsfest. Am Heiligabend aber, als das Vieh auf dem Nachhauseweg am Grimshöi vorbei sollte, blieb es dort stehen, und es ging dort auf dieselbe Weise wie im Jahre zuvor zu. Der Bauer war sehr bekümmert darüber und machte sich allerhand Gedanken über das Verschwinden seiner Hirten. Das Gerede über all dies begann von neuem, und man fand, es ginge nicht mit rechten Dingen zu; nur wenige wollten die Schafe des Bauern hüten, und es fiel ihm sehr schwer, Leute für seinen Dienst zu finden.

Im Frühjahr aber trat ein junger Mann in seinen Dienst, der Ketil hieß; er war achtzehn Jahre alt und hatte Kraft und Mannesmut in der Brust. Im Herbst übernahm er das Hüten der Schafe und trieb sie auf die Weide, wie es früher geschehen war. Es ging auf Weihnachten. Am Tage des Heiligabends war das Wetter schön und Ketil trieb seine Schafe auf die Wiese wie sonst. Der Bauer beabsichtigte nun, genauer aufzupassen, wenn sie nach Hause kämen und sobald es sich tun ließ, nachzusehen, wie es dem Hirten ginge. Als es anfing zu dunkeln, ging also der Bauer aus dem Hause hinaus und schaute nach den Schafen aus; als er aber nichts von ihnen sehen konnte, ging er wieder hinein. Nach Verlauf einer kurzen Zeit aber kam er wieder heraus, und da waren die Schafe an den Grimshöi gekommen. Sofort ging er hin, Ketil aber war nirgends zu sehen. Das war ein harter Schlag für den Bauern, denn es gefiel ihm nicht besser, Ketil zu verlieren als die andern. Er glaubte denn auch felsenfest, daß es in Zukunft keiner mehr unternehmen würde, seine Schafe zu hüten.

Von Ketil aber ist zu erzählen, daß er, als der Tag ziemlich verstrichen war, seine Schafe in einer großen zerstreuten Trift am Felsenabhang entlang nach Hause trieb. Als er in die Nähe von Grimshöi gekommen war, sah er eine übermenschlich große Gestalt aus einem Einschnitt, der sich unten im Berg, gegenüber dem Hof von Silfrunarstad, befindet, heraustreten; dort ist nämlich ein kleiner Felsen gleichsam vom Felsen losgerissen, welche Öffnung »Die Schlucht« genannt wird. Das Ungeheuer nahm die Richtung auf die Schafe zu, die sich ängstlich um Ketil scharten. Er sah jetzt, daß es ein unglaublich großes Trollweib war. Es rief Ketil an und bat ihn um ein Schaf für das Fest. Ketil fand die Sache etwas schwierig, und er erzählte ihr, daß die Schafe nicht ihm gehörten, er hätte nur ein Schaf, das ein paar Tage alte Lämmer bei sich hätte; die zeigte er ihr und sagte ihr, daß sie diese nehmen könnte, wenn sie wollte. Sie brauchte nicht lange Zeit, um sie einzufangen, band sie an den Hörnern zusammen und warf sie über die Schulter. Dann fuhr sie auf Ketil zu, nahm ihn in ihre Arme und kehrte denselben Weg, den sie gekommen war, zurück. Als sie aus der Schlucht heraufgekommen war, ging sie an dem Berge entlang und machte große Schritte. Ketil sah ein, daß es ihm nichts nützte, wenn er auch zappelte, außerdem konnte er sich kaum bewegen. Sie setzte ihren Weg fort, bis sie an die Kluft in der Nähe des Bolstadbaches gekommen war, an einen großen Wasserfall, der dort unten im Berge ist. Diese Felsenkluft ist beinahe ungangbar. Dort stieg das Trollweib hinab in ihre Höhle unter dem Wasserfall. Sie ließ Ketil los und warf ihre Bürde auf den Boden. Sie bat Ketil, die Schafe zu schlachten und zuzubereiten; mit ihnen wollte sie, wie sie sagte, einen Weihnachtsschmaus für ihn und sich selbst halten. Sie setzte einen Kessel aufs Feuer und kochte das Essen eiligst. Darauf fing sie an, mit großer Gier zu essen und ließ Ketil mitessen. Sie erzählte ihm, daß sie die Ursache wäre, daß die Hirten von Silfrunarstad verschwänden, und daß sie die beiden vorigen Jahre hintereinander am Heiligabend zu ihnen gekommen wäre und sie gebeten hätte, ihr ein Schaf zu schenken, aus dem sie ihr Heiligabendessen bereiten könnte. Sie hätten ihr aber nur mürrische Antworten gegeben und sie tüchtig ausgescholten, und darum hätte sie sie in Behandlung genommen. Nun hätte aber er freundlich ihre Bitte erfüllt, und er würde ein sehr glücklicher Mann werden, da er doch weniger als einer der beiden andern zu verschenken gehabt hätte. Sie erzählte ihm, daß im Hornung sein Hausherr entschlafen würde; dann sollte er den Hof übernehmen und sich im nächsten Frühjahr auf ihm ansiedeln. Ketil aber sagte, daß er keinesfalls den Hof übernehmen könne, denn erstens wären die Felder groß und schwierig, und dann hätte er auch kein Geld. Außerdem fehle ihm eine Wirtschafterin und Hofgesinde. Sie aber sagte, daß er schon Geld in die Hand bekommen würde; denn binnen einem Monat würde sie sterben, und dann würde er alles erben, was in ihrer Höhle an Goldeswert wäre, und so würde es ihm nicht an Geld fehlen, um sich auf Silfrunarstad anzusiedeln. Darum aber wollte sie ihn bitten, sagte sie, daß er in einem Monat nach ihr sehen und ihren Leichnam dort vorn in den Wasserfall legen solle, wenn es ihm möglich wäre. Sie sagte, daß das Eigentum seines Hausherrn im darauffolgenden Frühjahr verkauft werden würde, er solle davon kaufen, was er brauche, und Geld zum Bezahlen solle er sich aus ihrer Höhle holen. Er solle dasselbe Gesinde dingen, das jetzt auf Silfrunarstad diene, und dann solle er um die Tochter des Pfarrers auf Havsteenstrand freien. Ketil fand jedoch, daß das ein wenig glücklicher Rat sei, er war ja ein armer, ungebildeter Mensch. Sie bat ihn, keine Angst davor zu haben. »Und hier ist ein Gürtel,« sagte sie, »den sollst du ihr um die Hüften legen. Er hat die Eigenschaft, daß sie Liebe zu dir faßt, wenn sie ihn um hat, und dann wird alles gut gehen.« Der Gürtel war aber auch ein seltener Schatz.

Ketil wollte nun nach Hause ziehen; denn er glaubte, daß sich sein Hausherr sicher über seine Abwesenheit gräme. Die Riesin aber sagte, daß das nichts zu sagen habe und bat ihn, bis zum nächsten Morgen zu bleiben, und er fügte sich darein. Am nächsten Morgen begleitete sie ihn aus dem Wasserfall hinaus, zeigte ihm, wie man in die Höhle gelangen könne und ließ es ihn selbst versuchen, was ihm auch gut gelang. Darauf bot sie ihm Lebewohl und sagte dann, daß sie beide sich nicht häufiger sehen würden; sie wünschte ihm alles erdenkliche Glück und sagte, daß ihm die meisten Dinge nach Wunsch geraten würden, und daß dies der Anfang seines Glückes sei. Sie trennten sich unter großer Freundlichkeit; sie ging in ihre Höhle zurück, er aber beeilte sich, so sehr er konnte, um sein Heim zu erreichen.