Sagen von Saemund dem Weisen[11]

1. Die Schwarze Schule

In alten Tagen war irgendwo draußen in der Welt eine Schule, die »Die Schwarze Schule« hieß. Dort lernte man Zauberkünste und andere alte Weisheit. Die Schule war so eingerichtet, daß sie in einem sehr festen Erdhaus abgehalten wurde, in dem kein Fenster war, und aus diesem Grunde herrschte das tiefste Dunkel darin. Es war kein Lehrer dort, und man lernte alles aus Büchern, die mit feuerroten Buchstaben geschrieben waren, welche im Dunkeln gelesen werden konnten. Nie durften diejenigen, die dort in der Lehre waren, ins Freie gehen oder das Licht des Tages schauen, solange sie sich dort aufhielten; aber drei oder sieben Winter mußten sie in der Schule bleiben, um in ihrer Kunst ausgelernt zu haben. Eine graue und zottige Hand erschien jeden Tag durch die Wand und reichte den Schülern ihr Essen. Derjenige aber, dem die Schule gehörte, behielt sich als Eigentum denjenigen von den Schülern, welche die Schule jedes Jahr verließen, der zuletzt hinausging. Da sie nun aber alle wußten, daß der Teufel hier Schulmeister war, wollte jeder, soweit es in seiner Macht stand, vermeiden, der Letzte zu sein, der die Schule verließ.

Einmal waren drei Isländer in der Schwarzen Schule: Saemund der Weise, Kalb Arneson und Halfdan Eldjernsson oder Einarsson, der später einmal Pfarrer zu Fell in Sletteli wurde. Sie sollten die Schule zu gleicher Zeit verlassen, und Saemund bot sich an, zuletzt hinauszugehen, womit die andern natürlich sehr einverstanden waren. Saemund warf sich nun einen großen Mantel um, ließ aber die Ärmel lose hängen und knöpfte ihn nicht zu. Man mußte eine Treppe hinaufsteigen, um die Schule verlassen zu können. Als nun Saemund die Treppe hinaufgekommen war, packte der Teufel seinen Mantel und sagte: »Du bist mein.« Saemund warf den Mantel fort, und der Teufel behielt nur diesen in der Hand. Die eiserne Tür aber krachte in ihren Angeln und schlug Saemund so hart auf die Füße, daß seine Fersen verwundet wurden. Da rief er: »Da schlug mir die Tür dicht auf den Fersen zu!« und später ist das ein Sprichwort geworden. So entkam Saemund der Weise samt seinen Genossen aus der Schule.

Andere erzählen dagegen, daß, als Saemund der Weise die Treppe hinaufging und an die Tür der Schwarzen Schule kam, die Sonne ihm entgegenschien und seinen Schatten an die Wand warf. Als nun der Teufel Saemund greifen wollte, sagte dieser: »Ich bin nicht der Letzte! Siehst du nicht den, der hinter mir kommt?« Der Teufel griff nach dem Schatten, den er für einen Menschen hielt; Saemund aber gelangte hinaus, während ihm die Tür auf die Fersen schlug. Von diesem Tage ab aber war Saemund immer ohne Schatten; denn den wollte der Teufel nicht hergeben.

2. Wie Saemund aus der Schwarzen Schule entkam

Es geschah auf Saemunds Auslandswanderung, damals als er nach der Schwarzen Schule zog, daß er über das, was ihm begegnete, seine Natur, seine Familie und seine Herkunft vergaß; er hatte auch seinen Namen vergessen und wurde in der Schule Buft genannt. Eines Nachts, als Saemund auf seinem Lager schlief, träumte er, daß Boge Einarsson zu ihm käme und sagte: »Schlecht beträgst du dich, Saemund; du bist nach dieser Schule gezogen, hast deinen Gott vergessen, dich selbst aufgegeben und deinen Taufnamen vergessen, und wenn du an dein ewiges Seelenheil denkst, dann ist es für dich am ratsamsten umzukehren.« »Dazu werde ich wohl nicht imstande sein,« antwortete Saemund. »Es war unmännlich von dir,« sagte Boge, »in die Schule zu gehen, aus der du nicht entkommen kannst, wenn du fortwillst!« »Ich habe in dieser Hinsicht keine Angst,« sagte Saemund, »denn du hast Klugheit für uns alle, Boge.« »Dann sollst du meinen Rat befolgen,« sagte Boge. »Wenn du fortgehen willst, lasse den Mantel lose über deinen Schultern hängen, denn dann wirst du hinausgelangen. Hier mußt du den Meister fürchten, der die Schule hält; denn er wird dich bald vermissen. Wenn du aber entkommen bist, so ziehe den Schuh von deinem rechten Fuß ab, fülle ihn mit Blut und trage ihn am ersten Tage so auf dem Kopf. Wenn aber der Abend gekommen ist, wird der Meister hinausgehen und in den Sternen lesen; denn er ist beschlagen im Laufe der Himmelskörper, und er wird deinen Stern suchen; dann wird er dich tot glauben und vom Schwert getötet; und es wird ihm scheinen, als ob ein blutiger Ring um deinen Stern ist. Am Tage wird er nicht versuchen, deinen Weg zu erspähen, dafür werde ich schon Sorge tragen. Am nächsten Tage fülle, ehe du deine Wanderung antrittst, deinen Schuh mit Wasser und Salz; daraus wird der Meister, wenn er deinen Stern sieht, schließen, daß du in der See ertrunken bist; dann wird es ihm scheinen, als fließe ein Meer um deinen Stern. Ehe du am dritten Tage deine Wanderung beginnst, wirst du dir entweder selbst oder auch einem anderen zur Ader lassen, an der Stelle, an der sich Rücken und Seite treffen, und das Blut in deinen Schuh herabfließen lassen; danach nimm Erde und vermische sie mit dem Blut und sprich ein gutes Wort darüber, damit die Erde geweiht ist, und dann trage den Schuh den ganzen dritten Tag auf dem Kopf. Wenn aber der Meister deinen Stern untersucht, wird er eine Erdkugel um ihn sehen, und daraus wird er dann schließen, daß du tot und bestattet bist, und das wird ihm als große Begebenheit erscheinen. Dann aber wird er entdecken, daß du noch völlig am Leben bist. Da wird er sich über deine Weisheit wundern und denken, daß er selbst sie dich gelehrt hat, und er wird dir alles mögliche Glück wünschen, und du wirst dieser Schwierigkeit entgangen sein.«

Auf diese Weise gelangte Saemund aus der Schwarzen Schule und kam wieder in sein Heimatland zurück.

3. Wie Saemund die Pfarrstelle in Odde bekam

Als Saemund, Kalb und Halfdan aus der Schwarzen Schule gekommen waren, war die Pfarrstelle in Odde frei geworden, und sie baten nun alle den König (von Dänemark), sie ihnen zu geben. Der König wußte sehr gut, mit wem er es zu tun hatte, und er sagte deshalb, daß derjenige von ihnen die Pfarrstelle bekommen würde, der zuerst hinüberkäme. Sogleich ging Saemund hin und rief den Teufel und sagte zu ihm: »Schwimme jetzt mit mir nach Island, und wenn du mich ans Land bringst, ohne daß mein Rockschoß naß wird, dann sollst du mich haben!« Der Teufel war damit einverstanden, nahm die Gestalt eines Seehunds an und schwamm davon, mit Saemund auf dem Rücken. Unterwegs aber las Saemund ununterbrochen im Gesangbuch. Bald waren sie in der Nähe von Island. Da schlug Saemund dem Seehund mit dem Gesangbuch auf den Kopf, so daß er versank, er selbst aber tauchte unter und schwamm ans Land.