Eines Tages fand der Mann im Garten einen jungen Sperling, der sich einen Flügel gebrochen hatte und deshalb nicht weiterfliegen konnte. Den Mann dauerte das arme Tierchen, er nahm es daher vom Boden auf und trug es behutsam in sein Haus. Dort verband er den verletzten Flügel und bettete den Sperling in einen Vogelkorb, den er mit Watte ausgepolstert hatte.
Dank der sorgsamen Pflege, die der Mann dem Sperling angedeihen ließ, heilte der Flügel recht schnell und bald konnte das Tierchen wieder fliegen.
Einige Tage später ging der Mann früh morgens in den Wald um trockene Äste und Laub zu sammeln, damit er Feuerungsmaterial habe. Dies tat der Mann sonst täglich, hatte es aber während der Pflege des Sperlings ganz vergessen, so daß er, als er sah, daß es dem Vogel besser gehe, sich endlich wieder auf den Weg machte. Er hatte aber dem Sperling kein Futter hingesetzt, weil er glaubte, bald wieder zurück zu sein.
Den Sperling hungerte nun, und um Nahrung zu suchen, hüpfte er aus dem Körbchen und eilte vor das Haus, wo die Frau des Mannes sich gerade einen dicken Stärkekleister zurecht gemacht hatte. Den Kleister sehen und seinen Hunger stillen, war eins. Aber die Alte kam gerade hinzu, als es sich der Sperling schmecken ließ. Wütend darüber lief die Frau ins Haus, holte eine Schere; dann ergriff sie den Sperling, schnitt ihm die Zunge ab und ließ ihn fliegen, indem sie ihm nachrief: „Warte ich will dich lehren, fremder Leute Kleister zu fressen!“
Der Sperling flog schnell davon und war bald im nahen Walde verschwunden.
Als der Mann mit seiner Holzlast zurückkam und die Alte, noch immer wütend, ihm erzählte, daß der Sperling von ihrem Kleister genascht und sie ihm zur Strafe dafür die Zunge abgeschnitten habe, da ward er sehr betrübt, setzte seine Holzlast nieder und ging fort, um das arme Tierchen zu suchen. Er wanderte lange Zeit von Dorf zu Dorf, indem er überall fragte: „Habt Ihr nicht einen Sperling mit abgeschnittener Zunge gesehen?“ Aber niemand hatte ihn gesehen, niemand konnte Auskunft geben.
Endlich kam er an ein dichtes Gebüsch[A], vor dem ein hübscher kleiner Sperling wartete, der, als er den alten Mann sah, ihm entgegenhüpfte und sich verneigte.
„Ich bin der Sohn des Sperlings, den du gepflegt hast“, sagte er; „ich habe beobachtet, daß du meinen Vater suchst. Sei beruhigt, mein Vater ist gesund heimgekommen und erwartet dich. Ich bin dir entgegen gekommen, um dich zu erwarten und in unser Haus zu geleiten. Also, bitte, komm und folge mir!“
Da war der Mann von Herzen froh und folgte freudig dem voranhüpfenden Sperling.
Nach einem Weilchen kamen sie an ein großes, schönes Haus, in dem viele, viele Sperlinge versammelt waren, darunter jener Sperling, den der Alte gepflegt hatte. Dieser lud ihn freundlich ein näher zu treten und ließ ihn Platz nehmen. Er sagte: „Dir braven Manne zu Ehren habe ich das heutige Fest veranstaltet. Nun iß und trink und laß es dir wohl sein; ich werde dir zeigen, daß auch ein Sperling dankbar sein kann!“