Abb. 2 Kohlmeise vor der Nisthöhle (der gleichen, wie in Abb. 1)

Eine Anzahl der hier beobachteten natürlichen Höhlen erfüllt ihren Zweck schon seit Jahren. So war die eine derselben (Abb. 1 und 2), die etwas ungewöhnlicher Natur und recht wenig wettergeschützt war, weil die Eingangsöffnung direkt von oben hineinführte, 1913–1915 von Kohlmeisen und während der Kriegsjahre 1916–1918, in denen ich die Beobachtungen allerdings nicht persönlich machen konnte, ebenfalls wieder von Kohlmeisen und einmal auch von Gartenrotschwänzchen bewohnt gewesen, bis dann 1919 und 1920 Stare sie sich als Niststätte erkoren hatten. Eine andere, vom Buntspecht angelegte und mehrere Jahre von diesen bewohnt gewesene Höhle hatte sich 1914 ein Kleiberpaar als Wohnung eingerichtet, eine Art, die auch 1919 und 1920 wieder in ihr brütend festgestellt werden konnte. In einer dritten, in der 1913 ein Feldsperlingspaar genistet hatte, dessen Besitzrechte im folgenden Jahre auf ein Blaumeisenpärchen überging, wurden 1919 und 1920 wiederum Blaumeisen beobachtet. Auch eine etwas eigenartige Nisthöhle unter einem Wegweiser, die durch die Überwallung des letzteren durch den stärker gewordenen Stamm, an dem er befestigt, entstanden ist, hat Jahre hindurch Nistzwecken gedient. Im Jahre 1914 stellte ich in ihr zum ersten Male Blaumeisen fest und fand die gleiche Art – nachdem ich während des Krieges ja nur selten und dann immer auch nur flüchtig während des rasch vorübergehenden Urlaubes beobachten konnte – dann 1919 von neuem als Bewohner der Höhle. Ebenso sollen, wie mir nachträglich ein für unsere Vogelwelt interessierter Herr mitgeteilt hat, auch während des Krieges Blaumeisen in ihr genistet haben, so daß im Hinblick auf die ungewöhnliche Art der Nisthöhle vielleicht der Schluß auf das gleiche oder Vögel des gleichen Paares nicht ganz unwahrscheinlich erscheint.

Abb. 3 Weiblicher Gartenrotschwanz vor der Nisthöhle

Abb. 4 Männlicher Gartenrotschwanz in der Nisthöhle

Eine auffallende, namentlich 1913 und 1914 sich ganz besonders stark aufdrängende Erscheinung war die Bevorzugung der weniger wettergeschützten Höhlen gegenüber den für Brutzwecke scheinbar geeigneteren natürlichen oder künstlichen Höhlen. Ich habe darüber früher schon an anderer Stelle berichtet[1] und auch neuerdings die Frage im Zusammenhange mit meinen anderen hier gemachten Beobachtungen nochmals angeschnitten[2]. Auf die eine dieser theoriewidrigen Höhlen (»Der Vogel bezieht nur vor Wind und Wetter geschützte Höhlen«) habe ich oben schon hingewiesen; es ist die in den Abbildungen 1 und 2 wiedergegebene, die von 1913 bis 1920 alljährlich Bewohner gehabt hat, trotzdem die ziemlich weite Eingangsöffnung direkt von oben in das Innere führte und daher dem Regen ungehindert den Zutritt gestattete. Einige scheinbar viel günstigere, aber unbesetzt gebliebene Höhlen befanden sich dabei auf Bäumen in der unmittelbarsten Nachbarschaft. Eine zweite dieser Höhlen, gleichfalls wieder mit dem Eingang von oben, von der ich bereits eine Aufnahme im VI. Bande, Seite 69, dieser Mitteilungen veröffentlichen konnte, diente 1913 einer dreizehnköpfigen Blaumeisenbrut als Kinderwiege, war dann 1914 von Kohlmeisen bewohnt und soll 1915 ebenfalls wieder Kohlmeisen als Bewohner gehabt haben. Auch hier befanden sich wettergeschütztere Höhlen in unmittelbarster Nachbarschaft. Eine dritte endlich – aus der Zahl der vorhandenen Beispiele nur noch dieses eine angeführt –, die unsere Aufnahmen 4 und 5 wiedergeben, und deren ungewöhnlich weiter Eingang nach Nordwesten gerichtet, also der Wetterseite zugekehrt war, war 1913 von einem Rotschwanzpaar bewohnt und wurde als Bruthöhle auch 1920 wieder von einem Pärchen der gleichen Art benutzt, nachdem durch ein weiteres Ausfaulen des Baumes neben der damals schon weiten Eingangsöffnung inzwischen noch eine zweite, gleichgroße entstanden war, wodurch die Wettersicherheit der Höhle eine noch geringere geworden war. Scheinbar günstigere Höhlen befanden sich auch in diesem Falle wieder in unmittelbarster Nähe. – Die Frage, warum die Vögel gerade diese weniger geschützten Höhlen den nach unseren Begriffen geschützteren vorzogen, fast, als ob sie uns damit auf das nachdrücklichste das Unzulängliche und Gezwungene aller von Menschen aufgestellten Gesetze vor Augen führen wollten, ist schwer zu entscheiden. Ob vielleicht, wie ich das an anderer Stelle ausführe, die Vögel einer an sich geräumigeren Höhle, selbst wenn diese weniger geschützt ist, den Vorzug vor einer engeren, sonst aber wettergeschützten geben? Und ob nicht vielleicht das Innere unserer künstlichen Meisenhöhlen für eine größere Brut – man denke nur an die oben erwähnte dreizehnköpfige Blaumeisenschar! – manchesmal etwas knapp sein mag? Ich lasse diese Fragen hier unerörtert, möchte aber wenigstens durch ihre Erwähnung Vogelfreunde zu weiteren Beobachtungen in dieser Richtung anregen. –

[1] Ornithologische Monatsschrift 1916, S. 356 fl.

[2] Ornithologische Monatsschrift 1921, S. 13 fl.