Abb. 5 Kohlmeise vor der Nisthöhle
Abb. 6 Blaumeise vor der Nisthöhle
Ist der hier geschilderte, ungewöhnlich groß erscheinende Vogelreichtum nur dem der Beobachtung unterworfen gewesenen Straßengebiet eigen, vielleicht, weil hier ganz besonders günstige Umstände ihn beeinflussen, oder können wir ihn ähnlich reich auch anderwärts beobachten? Ich glaube diese Frage bejahen zu können, sobald es sich um obstbaumbestandene Straßen handelt, die alte, höhlenbergende Bäume aufweisen. Bereits früher konnte ich in Westsachsen in der Frohburg-Kohrener Gegend schon bei nur flüchtiger Begehung auf oft recht kurzen Straßenlängen höhlenbrütende Kleinvögel: neben dem Gartenrotschwanz vor allem Kohl- und Blaumeisen und etwas vereinzelter den Baumläufer, in Mengen feststellen, die einen Schluß auf einen ähnlichen Reichtum, wie ich ihn an der Rochlitzer Bergstraße beobachten konnte, durchaus begründet erscheinen lassen. Und 1919 hatte ich dann wieder Gelegenheit, einmal in der Altenhainer Gegend bei Wurzen, wo ich auch den schmucken Trauerfliegenfänger als einen in Obstbäumen nistenden »Straßenvogel« feststellen konnte, und zum anderen in der Oberlausitz zwischen Kamenz und Königswartha den Rochlitzern ganz ähnliche Verhältnisse festzustellen. Der Reichtum einer obstbaumbestandenen Straße an höhlenbrütenden Kleinvögeln ist wohl überall noch ein ähnlich großer, wenn in älteren, höhlenreichen Straßenbäumen oder in aufgehängten Nistkästen nur die Bedingungen zur Entfaltung eines reicheren Vogellebens gegeben sind. Am ärmsten an einem eigenen Vogelleben bleiben nach meinen Erfahrungen die Kirschalleen, wahrscheinlich, weil diese weniger Kostgänger aus der Insektenwelt besitzen, als wie dies mit Apfel- und anderen Obstalleen der Fall ist. Der Einfluß eines angrenzenden oder nahegelegenen Waldes äußert sich, soweit ich darüber Beobachtungen anstellen konnte, nur in einer Erhöhung der Artenzahl, indem dann einzelne, sonst waldbewohnende Höhlenbrüter den Alleen zuziehen, scheint dagegen aber auf die Stückzahl, die auch in waldfernen Alleen eine große sein kann, sobald in diesen die schon erwähnten Bedingungen im Vorhandensein reicher Nistgelegenheiten gegeben sind, von nur untergeordneter Bedeutung zu sein. –
Besonderen Wert legte ich bei meinen Beobachtungen auf die Feststellung der Nahrungsquellen der in unseren Obstalleen nistenden Höhlenbrüter und damit auch auf die Frage ihrer Bedeutung für diese letzteren überhaupt. Ich konnte derartige Beobachtungen vor allem an der Rochlitzer Bergstraße in weitgehendstem Maße machen, weil ich hier – besonders in den Jahren 1913, 1914 und 1919 – für photographische Aufnahmen oft tagelang ansaß und dabei manches einzelne Brutpaar viele Stunden hindurch, oft auch mit dazwischen liegenden mehrtägigen Pausen, unter den Augen hatte. Ihren Nahrungsbedarf deckten die Vögel teils in der Allee selbst, teils aber auch im näheren oder ferneren Walde, wobei die verschiedensten Arten aber auch ein recht verschiedenes Verhalten zeigten. In jenem Teile des Beobachtungsgebietes, in dem die Straße von Kirschbäumen bestanden war und an dem beiderseits der Wald bis auf Entfernungen von 50 Meter an die Straße herantrat, bevorzugten die hier nistenden Arten als Nahrungsquelle allerdings fast ausschließlich den Wald und nur ausnahmsweise einmal suchte ein 1919 hier genistetes Blaumeisenpärchen einen der Alleebäume nach Insektenkost ab. Die so große Nähe des Waldes und dessen zweifellos bedeutenderer Nahrungsreichtum äußerten eben ihre Wirkungen, wozu dann auch noch das schon erwähnte geringere Insektenleben auf Kirschbäumen kommen mochte.
In den übrigen Teilen des Beobachtungsgebietes waren es zunächst die Meisen und unter diesen wieder ganz besonders die Blaumeisen, die ihren Nahrungsbedarf in erster Linie in der Allee selbst deckten, und nur dort, wo der Wald in größerer Nähe war oder gar an die Straße selbst herantrat, häufiger und wohl selbst einmal auch in überwiegendem Maße in diesem die Nahrung suchten. Dabei ließ sich wiederholt mit aller Deutlichkeit feststellen, daß sie zu Beginn der Jungenpflege zunächst die Straßenbäume bevorzugten und den Wald als Nahrungsquelle erst in Anspruch nahmen, als mit dem fortgeschritteneren Wachstum der Jungen auch deren Nahrungsbedarf ein größerer geworden war und die bisher fleißig abgesuchten Straßenbäume anscheinend nicht mehr in der Lage waren, ihn restlos zu decken. In den verschiedenen Jahren traten darin auch mehr oder weniger deutliche Abweichungen ein, die wahrscheinlich auf einen wechselnden Insektenreichtum der Straßenbäume zurückzuführen sind. Nur im Walde, die wenigen Fälle, in denen er auch einmal auf Alleebäumen zu Gaste ging, ändern an dem Bilde nichts, sammelte der Kleiber die Nahrung, wobei er freie Feldflächen von 100–500 Meter überflog. Im Gegensatz zu ihm schien dagegen wieder der Baumläufer den Obstbäumen an der Straße den Vorzug zu geben; bei den allerdings etwas spärlichen Beobachtungen 1919 an der Rochlitzer Bergstraße, die aber durch ähnliche in Westsachsen und in der Oberlausitz ergänzt werden, sah ich unsere Art nur Alleebäume absuchen, nie aber auch einmal das freie Feld in der Richtung des Waldes überfliegen. Ebenso entnahm auch der Gartenrotschwanz seinen Nahrungsbedarf in erster Linie den Straßenbäumen und verlegte die Jagdgefilde erst dann in den Wald, als ihm die Straßenbäume nicht mehr die nötigen Nahrungsmengen zu liefern im Stande zu sein schienen. Darauf deutet ganz besonders die 1913 gemachte Beobachtung eines Pärchens, das zunächst auf den der Bruthöhle am nächsten gelegenen Bäumen die Nahrung sammelte, dann sein Jagdgebiet immer mehr auch auf die entfernteren ausdehnte und schließlich kurz vor dem Flüggewerden der Jungen fast nur noch im Walde die Nahrung suchte. Eine überaus große insektenvertilgende Tätigkeit entfaltete auch der sonst so lästige Feldsperling, dessen zur Brutzeit hier erlangte Bedeutung in der Lage ist, einen Teil seiner sonstigen Untugenden aufzuheben. Ich sah ihn ausschließlich die Nahrung auf den Straßenbäumen einsammeln und ihn dabei eine Tätigkeit entfalten, die kaum der emsiger Meisen nachstand. Mehr als die anderen Vogelarten berücksichtigte er dabei die unmittelbarste Umgebung des Nistortes und sammelte auf deren Bäumen die Nahrung für seine Brut. Nie sah ich ihn das freie Feld nach dem Walde zu überfliegen, und nie auch andere, als tierische Nahrung herbeibringen. Im Gegensatz zu ihm deckte der Star seinen Nahrungsbedarf ausschließlich im Walde – das gelegentliche Zugastegehen auch auf einem Obstbaum ist kaum der Erwähnung wert –, und überflog dabei das freie Feld auf meistens recht weite Entfernungen. – Zusammenfassend, möchte ich inbezug auf die Insektenvertilgung in den Obstalleen durch deren höhlenbrütende Gäste den Meisen, die ja auch die häufigsten und regelmäßigsten Bewohner sind, die größte Bedeutung zusprechen und ihnen den meistens ja gleichfalls häufigen Gartenrotschwanz an die Seite stellen. Auch der Baumläufer wird überall dort, wo er sich als Brutvogel häufiger einstellt, eine hinter den Meisen kaum zurückbleibende Tätigkeit zu entfalten in der Lage sein. Des Feldsperlings Bedeutung endlich, die ihm in der Zeit der Jungenpflege wenigstens ohne Zweifel zukommt, vermag, wie schon gesagt, manche seiner sonstigen Untugenden abzuschwächen, dürfte aber kaum genügen, alle seine vielen Schwächen ganz auszugleichen.
Abb. 7 Haubenmeise vor der Nisthöhle
Äußert sich die insektenvertilgende Tätigkeit der hier erwähnten höhlenbrütenden Straßenvögel nun aber auch in einer praktisch ins Gewicht fallenden Weise? Ich glaube diese Frage, die ich aber nur ungern stelle, weil mir die Verknüpfung von Vogelschutz und Nützlichkeitsstandpunkt im allgemeinen wenig sympathisch ist, ohne die wir aber nicht auskommen können, wenn wir der großen Masse den Vogelschutz begreiflich machen wollen, entschieden bejahen zu müssen. In der von meinen Knabenjahren an bis in das späte Jünglingsalter hinein fallenden Zeit, in der an der Rochlitzer Bergstraße die Zahl der hier nistenden Höhlenbrüter eine nur kleine war, war auch das Insektenleben der Bäume ein viel größeres. Wenn der Straßenwärter die Allee mit der Baumschere durchgegangen war, lagen die herausgeschnittenen Raupennester zu Tausenden am Boden. Dieser Reichtum an Insekten – es handelt sich dabei ja auch vorwiegend um schädliche Arten, die ohne allen Zweifel den Obstertrag gemindert hätten –, ließ aber sofort nach, als mit dem Aufhängen von Nistkästen die Wirkungen dieser Maßregel in einer größeren Zahl der die Straße bewohnenden Vögel sich äußerten, und die Menge der Raupennester, die heute noch von dem Wärter der Straße entfernt werden muß, bildet nur noch einen verschwindend kleinen Bruchteil der früher beseitigten. Es ist das eine Erscheinung, die nicht etwa nur von mir beobachtet worden, sondern auch anderen schon aufgefallen ist und die ganz besonders der die Straße betreuende Wärter empfindet. Eins verdient dabei noch Beachtung, nämlich der geringe Einfluß, den die Vogelwelt des an die Straße angrenzenden oder doch in ihrer Nähe bleibenden Waldes auf das Insektenleben der letzteren auszuüben scheint. Wäre er ein größerer, so hätte er sich ja damals schon anders äußern müssen, als infolge der geringeren Zahl der Straßenvögel der Insektenreichtum der Allee ein noch größerer war. Es ergibt sich aus dieser Erscheinung daher wohl auch die für den praktischen Vogelschutz recht beachtenswerte Folgerung, daß zu einer wirksamen Bekämpfung der Schädlinge in Obstalleen durch die Vogelwelt auch in vogelreichen Gegenden es unbedingt der Heranziehung eines den Alleen selbst eigenen Vogellebens bedarf. Möchten daher die Besitzer von Obstalleen – als solche kommen in erster Linie ja wohl der Staat und die verschiedenen Ortsgemeinden in Frage – diesem Umstande künftig auch Rechnung tragen und einmal durch das Aufhängen von Nistkästen, zum anderen aber durch die Duldung einzelner alter, höhlenreicher Bäume, die Vogelwelt dieser Alleen nach Möglichkeit zu vermehren trachten. Die darauf verwandten Kosten werden ja bald in einer Verminderung derjenigen für die Schädlingsbekämpfung auf der einen, in einer Erhöhung des Obstertrages aber auf der anderen Seite ihre Wirkungen zeigen. –