Dort drüben grüßt das grüne Meer des Tharandter Waldes. Mein Rad fliegt wie ein Vogel hinab ins Bobritzschtal. Sanfter sind die Hänge hier als im Muldentale. Malerische Höfe und Häuschen klimmen auf und ab, drängen sich am Bach und drücken sich in die Talwinkel. Naundorf ist es, dessen Kirchturm auf der Höhe wie ein Hirte über seine Herde wacht. Die Straße führt talaufwärts, am Bach entlang. Die Wellen hüpfen mit Murmeln und Plaudern über die runden Steine, und flinke Forellen schießen blitzschnell daher. Einst war dieser köstliche Fisch so häufig hier, wie ein altes Naundorfer Kind erzählt, daß für wenige Groschen eine ganze Schüssel voll im Fuhrmannsgasthof an der Straße geliefert wurde. Die zahlreichen Gänse, Enten und Hühner auf der Straße sind dem Rade nicht gewogen. Mit Flattern, Fauchen und Geschrei entrüsten sie sich oder suchen durch ängstliches hin und her laufen dem allzuraschen gefürchteten Feinde zu entkommen. Heil uns, daß wir ohne unfreiwillige Tötung eines »Rassehuhnes« – überfahrene Hühner sind immer »Rassehühner« – am Ausgange des Dorfes anlangen. Dort macht die Bobritzsch eine starke Krümmung, fast im rechten Winkel. Ein stattlicher Hof liegt im Winkel und mächtige alte Bäume beschatten den Platz. Dort mündet der Colmnitzbach, und eine Brücke führt über die Bobritzsch, von der aus du in das Strudeln der klaren Wasser hinabschauen und die ganze Lieblichkeit dieses stillen Winkels mit seinem Wasserrauschen und Vogelsang unter grünem Blätterdach empfinden kannst. Wie Sonntag, durch den leise der Harfenton der Andacht klingt, liegt es immer hier unter sonnenstrahlendurchflochtener Laubkuppel. –

Auf schmalem Wege über dem Wiesengrunde des Colmnitzbaches geht es aufwärts. Wie ein leuchtend grüner Teppich ist der Grund zwischen die Hänge eingespannt. Doch bald verwehren uns hohe, dichte Hecken den Blick auf diese grüne Herrlichkeit. Zwei Höfe am Hange liegen vor uns, die Gippenhäuser. Eine bleiche Dame sitzt am Wiesenrande, ein Kind spielt in der Nähe. Sommerfrischler! Ja, hier könnt ihr gesunden und wie Joseph Viktor von Scheffel, der leider Halbvergessene und doch so echt deutsche Mann, in seinen Bergpsalmen singen und sagen:

»Du hast eine Ruhe, ein Obdach gefunden,

Hier magst du gesunden,

Hier magst du die ehrlich empfangenen Wunden

Ausheilen in friedsamer Stille.«

Zwischen duftendem, rauschendem Wald und saftgrüner, blumiger Wiese, in der die Margareten mit weißen Sternen leuchten, fern vom Staub der Straßen der Welt, den Blick auf sanft geschwungene edle Höhenlinien, abgeschlossen doch nicht eingeschlossen, so recht ein Ort friedsamer Stille! –

Nun tauchen wir ein in den herrlichen Wald, dies grüne Kleinod zwischen Freiberg und Dresden, den Tharandter Wald. Wie viele Stunden tiefster Freude danke ich dir, du deutscher Wald, und deinen stillen Wundern.

»Wer einmal diesen Jungbrunn’ fand,

Der schöpft aus keinem andern!