»Willst du dein Herz mir schenken, so fang’ es heimlich an,« das gilt auch vom Walde, dessen Seele man nur findet, wenn leise unsre Seele sich an seine schmiegt. Dann öffnen sich uns seine grüngoldnen Augen und schauen uns an voll unergründlicher Tiefe, dann spricht sein Mund im geheimnisvollen Raunen, und wir hören im stundenlangen leisen Wipfelrauschen wie des Waldes Seele mit uns spricht und ihre Wunder uns offenbart. Dann darfst du nur lauschen, schauen und vergessen, was draußen ist. Was er dir zeigt und sagt, was er deiner Seele gibt, das wird dich reich und froh machen. Der Wald ist dein geworden, weil er dir seine tiefsten Geheimnisse gab und du seiner wundersamen Kräfte kund wurdest.

Eine im Sonnenschein flimmernde Blöße öffnet sich. Ein kräftiger, warmer Harzduft steigt empor und füllt die Brust, als sollten die Lungen besonders in Waldeskraft gebadet werden! Die Grillen zirpen ihr heißes Sonnenlied und über den Halmen und den Spitzen der Schonung zittert die Luft, als wäre sie durch das schwirrende, unendliche Grillenlied zum Schwingen gebracht. Ein Blick in die Weite auf blauferne Höhenlinien, dann ein dunkler, grüner, kurzer Waldpfad, und plötzlich gibt es mir einen Riß durch die Seele. Wie eine ungeheure rote, offene Wunde in der Felsenflanke des Berghanges liegt es vor mir, von rauher, rücksichtsloser Hand geschlagen, dort eine Schutthalde von kleingeschlagenem Porphyrgestein, das aus dem Abhange herausgeschlagen und gesprengt ist. Hier hatte ein Steinbrecher mit gierigen Zähnen gearbeitet. Und weiter strecken sich Schienen eines Bahnneubaues, der sich mitten durch eine Felsengruppe voll malerischer Wucht eine klaffende Lücke gebrochen hat. Bitterkeit steigt dir auf, daß Schönheit und Friede nicht mehr heilig sind, sondern wehrlos der Rücksichtslosigkeit und ehernen Notwendigkeit unterliegen müssen! Schillers Nänie klingt schmerzvoll durch die Seele:

»Auch das Schöne muß sterben.

Siehe, da weinen die Götter,

Es weinen die Göttinnen alle,

Daß das Schöne vergeht,

Daß das Vollkommene stirbt.«

Doch wie zum Troste senkt sich der Blick rechts durch Stämme und über schwankende Wipfel hinab in einen Talgrund, der noch wie ein stilles Märchenland des Friedens und der Schönheit grün heraufleuchtet. Es ist das Tännichttal. Das Tännichttal, um dessen Schönheit, Poesie und ungestörten Frieden der Heimatschutz im letzten Augenblick sich mühte und den Weg der Rettung fand. Der Bahnbau war leider unvermeidlich und wurde mit leidlicher Schonung und Anpassung an den Waldabhang gelegt. Daß er, wenn jetzt auch die Wunden noch bluten, mehr und mehr im Laufe der Jahre verschwinden und in das Bild sich einordnen wird, dafür wird der Wald selbst schon sorgen und seine Wunderkraft heilend offenbaren, wenn Flechten und Moose, Heidekraut und Ginster, Gras und Waldkräuter, Birken und schließlich die ragenden Stämme des Hochwaldes sich das Werk des Ingenieurs zu eigen machen. Doch Schlimmeres als der Bahnbau sollte dem Tännichttale geschehen. Steinbrüche sollten angelegt werden, welche Wunde auf Wunde tiefer und tiefer geschlagen hätten und die grünen Hänge zerstört und mit dem Rasseln und Stöhnen, dem Lärmen und Kreischen der Maschinen die selige Waldesstille, die Vögel und das Wild des Waldes vertrieben und diesem lieben Märchenwinkel völlige Vernichtung gebracht hätten. Eine Schwebebahn mit hohen Bockgerüsten sollte das Tal überqueren. Das Rollen und Rütteln der Wagen und Schienen und das Knirschen der Steinbrecher, sowie die ganze lärmende Industriearbeit sollten die tiefmelodischen Stimmen der wilden Tauben, des Pirols Flötenrufe und der Finken schmetternden Schlag für immer verstummen lassen. Die malerischen Felsklippen, die wie Türme und Mauern aus den grünen Wipfeln des Waldes emporsteigen, sollten von dem Moloch des Industrialismus gefressen werden!

Abb. 1 Tännichttal