Nicht mehr als alles wäre dadurch dem Tale genommen worden! Doch stolz und freudig darf der Heimatschutz seines Erfolges denken: Diese Gefahr ist gebannt durch seine Bemühungen und die dankbar zu rühmende verständnisvolle Förderung des Finanzministeriums, welches in letzter Stunde die Genehmigung der Steinbruchanlage versagte. Doch wir blicken jetzt mit frohem, innerem Glücksgefühl ins Tännichttal hinab, wie es uns nun erhalten bleiben soll und noch viele stille Wanderer entzücken wird. Dort unten blitzen die Wellen des Colmnitzbaches aus dem Smaragdgrün des Wiesenbodens herauf. Er kommt weit von draußen her, aus der waldarmen Gegend, um hier zwischen Wald und Felsen seines Daseins schönste Strecke zu durchlaufen. Wie die andern Bäche der Freiberger Gegend hat er sich schon draußen ein tiefes Bett gegraben und windet sich in vielen Krümmungen durch die hügelige Landschaft. Die begleitenden Höhenkuppen des Gneismassivs von breitgelagerter, rundlicher Art, welche mit ihren langen, schöngeschwungenen Linien ungeheuren Wogen gleichen, haben an der Quelle rund 500 Meter, an der Mündung in die Bobritzsch rund 400 Meter Höhe. Draußen im freien Lande haben sich im Colmnitzbachtal in der langgestreckten, dem Wasserlaufe folgenden Siedelungsweise des Kolonistendorfes die Dörfer Pretzschendorf, Ober- und Niedercolmnitz angesiedelt. Ihre Wiesen und Felder mit ihren besonderen Reizen von Saat, Ernte und Wiesenduft geben der ganzen weiten Gegend draußen einen ausgesprochen landwirtschaftlichen Charakter, aber auch mit ihrer ausgesprochenen Kahlheit, welche außer den Bäumen an den Straßen, am murmelnden Bach und in den Gärten des Dorfes kaum einen Baum duldet, der nur der Schönheit nicht aber besonders dem Nutzen dient. Fünf Sechstel seines Laufes hat so der Colmnitzbach kahles Gelände durchströmt, bis er hier im waldigen, engen, malerischen Tännichttal sich heimfindet zu Bergeshang mit dunklen Fichten, zu Wiesengründen mit leuchtendem Grün. Der schluchtartige Charakter dieses Tales mit seinen steilen bewaldeten Abhängen, im Gegensatz zu den sanfteren Hügelwogen des freien Landes, ist überraschend und gibt malerische Bilder, gleichviel ob man von oben hineinschaut in die saftigen Gründe einer stillen, smaragdnen Märchenwelt, oder ob man von unten zu den Höhen hinaufschaut, die mit ihren Wänden einzelne Kessel abschließen und bei einer neuen Krümmung neue Bilder friedsamer Stille öffnen. Der Talboden hat nur fünfzig bis sechzig Meter Breite. Die anschließenden steilen Hänge steigen rund hundert Meter auf, zum Teil mit hohen Felswänden, Zacken und ragenden roten Porphyrklippen, die wie zinnengekrönte Burgmauern aufsteigen. Dieser schluchtartige Charakter des Tales im Gegensatze zur breiten Landschaft draußen, ist das Ergebnis urgewaltiger Kräfte aus der Werdezeit unserer Erde, und insofern ein Naturdenkmal von besonderer Bedeutung für die Freiberger Gegend.

Abb. 2 Blick auf die Felsenklippen der Diebskammer vom Tännichttal aus

Das flachgeschichtete, im Laufe der Jahrmillionen rundlich abgeschliffene Urgebirge des Gneises der Freiberger Landschaft ist hier mit ungeheurer vulkanischer Gewalt von Porphyr durchbrochen. Durch dieses harte Porphyrmassiv hat sich der Bach hindurchgenagt und die schmale Talenge hineingefressen. Dort drüben, mitten in dieser malerischen Talenge, an ihrem schönsten Punkte, ragen die zackigen Spitzen und Kämme der gewaltigen roten Porphyrklippen in den blauen Himmel vom grünen Waldhange empor, die Diebskammer. Diese Felsgruppe ist die Krönung der Schönheit des ganzen Tales, das urgewaltige, zu Stein erstarrte Denkmal gigantischer Naturkräfte. Wir stellen das Rad in das Dickicht und klettern näher heran durch Fichtengezweig und Ginstergestrüpp, die trotzigen Zacken zu betrachten. Da sehen wir und erleben es fast an der eigenartigen Faltung und Schichtung der Gesteinsformationen, wie einst in ungeheuren Wehen und Ringen lebendiger Kräfte die Massen emporstiegen, sich zusammenpreßten und neigten, sich kristallisierten und zu besonderer Lagerung und Schichtung versteinten.

Das Tännichttal streicht von Osten nach Westen. Die Strahlen der Morgensonne und das rote Licht des untergehenden Tagesgestirns läßt die roten Klippen in feuriger Glut aufleuchten, als wären sie von innerem Feuer durchglutet und wollten zu neuem vulkanischen Leben erwachen. Ein Naturdenkmal ist dieses Tal mit seiner Felsengruppe, das im geologischen Anschauungsunterricht für jedermann in unserer Zeit der Volkshochschulen von der Natur selbst unübertrefflich dargeboten ist und zu uns redet vom Werden unserer Erde, Heimat und Landschaft mit deutlicherer Zunge als Bücher, die das Volk nicht liest, als Gelehrte, die das Volk nicht hört, als Weisheit, die in den Hörsälen oder bei den Spezialisten bleibt. Es ist ein Dienst an der deutschen Seele, wenn der Heimatschutz für diese Werte der deutschen Natur und Heimat kämpft, ein Kampf für die deutsche Seele und ihre Rechte an der Heimat, ein Kampf für die Seele der Heimat gegen kalte, harte Seelenlosigkeit der Ausbeutung. Das Volk hat ein Recht darauf, daß diese Naturdenkmäler, die Eigenart und besondere Schönheit der Heimat geschützt und ihm und der Nachwelt ungeschmälert erhalten bleiben, und nicht der Ausbeutung einiger Kapitalisten überlassen werden. Das, was der Allgemeinheit und der Heimat dienen kann und im höchsten Sinne zur geistigen und seelischen Förderung dient, darf niemals Ware, darf niemals käuflich sein, darf niemals nur dem Interesse eines Einzelnen um materiellen Gewinnes willen ausgeliefert werden, sondern muß unbedingt als Besitz der Allgemeinheit als ein Denkmal gehütet und gepflegt werden.

Solches unverletzliches, der Allgemeinheit, dem Volke gehöriges Naturdenkmal wird auch diese Felsengruppe mit dem ganzen Tale sein und bleiben, bei dessen Anblick und sinnender Betrachtung Tausenden das Herz aufgehen muß für die Schönheit der Heimat und das Verständnis und die Freude wachsen soll an ihrer Seele, an ihrem Leben, Sein und Werden. Freibergs Umgebung ist nicht reich an solchen Punkten, wo Wissenschaft und beseelte Schönheit sich in gleicher Weise vereinen, um den Ort reizvoll zu machen, und wo als Drittes noch die Sage hinzukommt, um mit den krausen Ranken der Phantasie und der Erinnerung den Ort geheimnisvoll zu schmücken. Der Lips-Tullian-Felsen dort drüben im Tale ist in unmittelbarer Nähe, der Felsen, wo der große Räuber einst hauste. Auch die Diebskammer hier mag ihm und seinen dunklen Zwecken gedient haben. Die echte Räuberromantik spinnt ihre bunten Fäden um die zackigen Zinnen dieser Räuberburg, die bald wie Blut, bald wie Gold in der Sonne leuchten, bald wie von Rauch geschwärzt und Krähen umflogen im Schatten liegen. Lips-Tullian, den jeder im Freiberger Bezirke kennt, denn im mittelalterlichen, grausigen unterirdischen Gefängnisse des Freiberger Rathauses, wo auch Kunz von Kauffungen schmachtete, mußte er 1715 sein Todesurteil erwarten. Seine in den Felsen gehauene Zelle, Ketten und Handschellen werden heute noch gezeigt.

Was das Wandern im Thüringer Land so unvergleichlich genußreich und poetisch macht, ist, daß überall die Gestalten der Sage und Geschichte, von Poesie und Märchen mit uns wandern und das, was wir schauen, verklären. Sachsen ist nicht reich an solchen Stätten, aus denen uns Sage oder Märchen mit verträumten Augen anschaut und die Romantik uns grüßt. Sorgfältig müssen wir die wenigen Stätten solcher Romantik schonen, und wäre es auch nur Räuberromantik, und müssen wir pflegen, was durch die Phantasie und die Erinnerung des Volkes sein besonderes Gepräge, seine besondere Weihe erhielt. Das Gedenken des Volkes schafft erst die rechten Denkmäler. Hängt sich dieses Gedenken an eine besondere Örtlichkeit, so erhält diese die Denkmalsweihe. Wie gesund und wie tief hat hier doch das Volk empfunden, daß es hier dem Orte noch diese besondere geheimnisvolle, geistige Denkmalsweihe der Phantasie gab, der durch seine landschaftliche Schönheit und seine wissenschaftliche Bedeutung schon seine Weihe als Naturdenkmal in sich trägt. – Von einem ehrwürdigen Freunde des Heimatschutzes, der hier vor sechzig und siebzig Jahren jung war, liegt ein Brief vor, aus dem diese Romantik herausklingt wie das Rauschen von Bach und Bäumen, und die leisen, wehmütigen Töne des Liedes: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar.« Er schreibt:

Abb. 3 Diebskammer im Tännichttal bei Naundorf, Bezirk Freiberg

»An dieses liebliche Stückchen Erde, im besonderen an die über der »Diebskammer« sich aufbauenden Felsenpartien knüpfen sich für mich die angenehmsten Erinnerungen aus meiner Jugend. Als Naundorfer Pfarrerssohn habe ich dort von meiner Tertianerzeit an bis in meine ersten akademischen Semester (1855–1861), in welch’ letzterem Jahre nach des Vaters Tode unsere Familie den Ort verlassen mußte, in den Ferienzeiten zahlreiche glückliche Stunden verlebt. Mit Hilfe eines mir befreundeten jungen, für Romantik empfänglichen Lehrers hatte ich hier in etwa halber Höhe des Felsens ein Plätzchen für längeren Aufenthalt hergerichtet, einen Felsblock als Tisch, einen anderen moosbedeckten als Sessel, und in diese durch keine Straße gestörte Weltabgeschiedenheit flüchtete ich mich so oft wie möglich mit meinen Freunden aus dem altklassischen Altertume, Homer, Sophokles, Horaz usw. oder mit unseren deutschen Dichterheroen. Hier beschäftigte ich mich mit ersten poetischen (richtiger wohl »gereimten«) Versuchen, übersetzte ich in das Deutsche einen Teil von Ovids Metamorphosen, und ich hatte immer die Empfindung, daß mir hier alles leichter vonstatten ging. Auch verträumte ich manche Stunde unter dem Rauschen der Tannen, dem Gesange der damals noch zahlreichen Vogelwelt, unter dem Murmeln des zwischen saftig grünen Wiesen durch den Grund fließenden, kristallhellen, von Forellen und Krebsen dicht bevölkerten Colmnitzbaches. Der Felsen senkte sich winkelförmig in die Erde und schien in eine Höhle zu führen, die von Steinen verschüttet war, in deren Geheimnis ich aber nie eingedrungen bin. Ob der berüchtigte, 1715 in Dresden hingerichtete Lips Tullian auch hier sein Wesen getrieben hat, weiß ich nicht, wäre aber bei der versteckten Lage der Diebskammer nicht unmöglich. Es wurde zu meiner Zeit von diesem Tale nur mit einer gewissen Scheu von den Dorfbewohnern gesprochen. Ich habe seiner Zeit bei den Freiberger allgemeinen Gymnasialspaziergängen, die gewöhnlich über Niederbobritzsch nach Naundorf führten, nie versäumt, meine Freunde an diesen meinen Lieblingsort zu führen, ihn auch später ab und zu aufgesucht.«