Alte Berichte nehmen an, daß das Schloß Gauernitz an der Stelle einer alten Sorbenburg stehe. Diese Vermutung ist jedoch urkundlich nicht zu belegen. Möglich ist es aber immerhin, daß nach der Rückeroberung des Landes die Germanen an dieser Stelle einen festen Waffenplatz, einen Vorläufer des heutigen Schlosses, angelegt haben. Diese Vermutung gewinnt dadurch noch an Wahrscheinlichkeit, daß Gauernitz an der Grenze der alten Gaue Nisani und Daleminza liegt, deren Grenze sich im Tale der Wilden Sau entlang zog, eines Baches, der bei Gauernitz in die Elbe mündet. Die älteste urkundliche Nachricht über Gauernitz stammt aus dem Jahre 1312. 1360 war es Meißner Burggrafenlehn; als damalige Lehensträger werden die Brüder Nikolaus Wyrand und Michael Ziegler genannt. Bis zum Jahre 1595 blieb Gauernitz, wenn auch mit kurzen Unterbrechungen, im Eigentum dieser Familie.
Die Ziegler stammten aus dem Goslarer Gau im Harz. Die Kunde vom Aufblühen des sächsischen Silberbergbaues hatte sie, gleich vielen andern Harzer Bergleuten, in unsere Heimat gelockt. Durch glückliche Funde im nahen Scharfenberger und im Freiberger Bergrevier zu Reichtum gekommen, waren sie bald im Besitze ansehnlicher Güter. Hochangesehene und fromme Männer sind aus diesem alten Geschlechte, das heute noch in der sächsischen Lausitz blüht, hervorgegangen. Den Herren von Ziegler verdankt die Herrschaft Gauernitz ihre Entwickelung und Größe. Sie erwarben im 14. Jahrhundert u. a. Dorf und Vorwerk Constappel, welche früher zum Teil in das bischöfliche Gericht Briesnitz und zum Teil in das Dresdener Amt gehörten. Durch weitere Zukäufe vergrößerte sich der Besitz, so daß schließlich zu dem altschriftsässigen Rittergute erbgerichtlich die Dörfer Constappel, Pinkowitz und Kleinschönberg, sowie Teile von Pretzsch, Leuben und Weitzschen gehörten. Wygand, ein Sohn Wyrands von Ziegler, war zugleich Besitzer von Pillnitz.
Abb. 1 Schloß Gauernitz
(Aufnahme von Otto Ehrhardt, Coswig)
Im Jahre 1397 wurde zu Aller Seelen Ruhe eine Frühmesse in der dem heiligen Nikolaus geweihten Wallfahrtskirche zu Constappel gestiftet und von den »frumben Herren gesessen zu Gävernitz« konfirmiert. Wygand starb 1459 zu Gauernitz, wo sein Bruder bereits 1436 verstorben war. Beide ruhen in Constappel, wohin sie zu Ehren der Himmelskönigin viele Stiftungen gemacht hatten. Die Pfarrgründe wurden erweitert, »da sie gar viel auf die Pfaffen hielten«, wie der Chronist berichtet. An der Kirche zu Constappel sind noch die Grabplatten von Gliedern des alten Geschlechtes erhalten. Im Jahre 1517 verstarb Christoph von Ziegler, der ein besonderer Freund Georgs des Bärtigen und dessen Amtmann zu Meißen war. Ein Epitaphium aus Messing im Dom zu Meißen erinnert noch an diesen Mann. Er war der letzte katholische Besitzer von Gauernitz; seine Söhne schlossen sich der lutherischen Lehre an. Fast will es scheinen, als ob damit das Glück aus der Familie gewichen wäre; Christophs Enkel schon konnte das stark verschuldete Erbe nicht mehr halten und war gezwungen, es 1595 an Kaspar von Pflugk aus dem Hause Zabeltitz zu veräußern.
Abb. 2 Blick auf die Gauernitzer Insel
(Aufnahme von Gustav Zieschang, Kaufbach bei Wilsdruff)
Bis 1648 gehörte Gauernitz den neuen Besitzern; in diesem Jahre brachte es Sophie von Zabeltitz dem Heinrich Gerhardt von Miltitz in die Ehe. Bei der Vermählung der Enkelin Johanna Magdalene war es wieder Heiratsgut und kam dadurch in die Familie der Grafen von Zinzendorf; der erste Besitzer war der sächsische Generalfeldzeugmeister Otto Christian Graf und Herr zu Zinzendorf auf Pottendorf, der 1718 starb.
Die Zinzendorfe haben außerordentlich viel für die Verschönerung und Verbesserung ihres prächtigen Herrensitzes Gauernitz getan. Noch ist die Schloßkapelle vorhanden, welche ihre Gründung einer Frühmesse derer von Ziegler zu danken hat. Sie war ursprünglich dem heiligen Andreas geweiht, wurde mehrmals ein Raub der Flammen und enthielt zur Zeit der Zinzendorfe einen Betsaal der Herrnhuter; wie bekannt, war ein Glied des jetzt erloschenen Stammes der Gründer der Herrnhuter Brüdergemeinde. Bedauerlich ist freilich, daß die Schloßkapelle heute sehr weltlichen Zwecken dient; ihr unterer Teil enthält den Marstall, das Obergeschoß beherbergt Speicher- und Vorratsräume.
Der Bergbau, der den früheren Besitzern zu Reichtum verholfen hatte, wurde auch von den Zinzendorfen eifrig gefördert, liegt doch ein Teil der Scharfenberger Erzgänge auf Gauernitzer Land. In der Nähe der Gauernitzer Ziegelei wurde der »Jung Zinzendorfer Stolln« befahren. Auch der östlich davon nach der Elbe zu gelegene »Grüne Tannebaum-Stolln« scheint von den Zinzendorfen betrieben worden zu sein.