In unzertrennbarer Einheit ranken sich diese drei Kultur- und Kunstbegriffe aneinander empor, heben und stützen sich, um in wechselseitiger Befruchtung und Ergänzung dem einen großen Gedanken zu dienen, die der breiten Masse verlorengegangene Liebe zur Heimat und Scholle wiederzugewinnen, Rückkehr zur bodenständigen Kunst. In trefflicher Weise äußerte sich bereits 1900 der Bahnbrecher und Vorkämpfer der Heimatkunst, der bekannte Dichter Friedrich Lienhardt: »Heimatkunst ist eine Selbstbesinnung auf heimatliche Stoffe; in erster Linie aber ist sie Wesenserneuerung, ist sie eine Auffrischung durch Landluft. Mit dieser Geistesauffrischung wird freilich auch eine andere Stoffwahl, eine andere Sprache und Technik Hand in Hand gehen. Wir wünschen nicht Flucht vor der Moderne, sondern eine Ergänzung, eine Erweiterung und Vertiefung nach der menschlichen Seite, wir wünschen ganze Menschen mit einer ganzen und weiten Gedanken-, Gemüts- und Charakterwelt, mit modernster, und doch volkstümlicher Bildung, mit national- und doch welthistorischem Sinn.« Und der bekannte Literaturhistoriker Adolf Bartels schrieb in gleichem Sinn: »Dilettantische örtliche Kunst ist sie durchaus nicht, sie wendet sich an das ganze deutsche Volk und strebt den strengsten ästhetischen Anforderungen Genüge zu leisten.« Wohl ist die seit Jahrzehnten gestreute Saat prächtig gediehen und hat in weiteren Kreisen Wurzel geschlagen, die große Stunde der Selbstbesinnung auf die Heimat für die breite Masse aber ist noch nicht gekommen, doch liegt sie gewiß nicht zu fern. Alle Gebiete stellen sich dieser großen Bewegung zur Verfügung. Nicht zuletzt die Literatur. Sie stand zwar schon lange, bevor man von einer Heimatschutzbewegung sprechen konnte, in deren Dienst. Die letzten Jahrzehnte aber zeitigten in inniger Liebe und Treue zur Heimat unvergängliche Heimatdichtungen, ganz in Lienhardts und Bartelschem Geist. Wohl jeder deutsche Gau hat seine Heimatdichtungen und -dichter mit mehr oder weniger Berufung zu der hohen Aufgabe, Sänger der heimatlichen Schönheit und Eigenart zu sein. Wir Sachsen haben unter anderem in unserem Gerhard Platz einen geist- und gemütvollen Plauderer und Erzähler. Sein treffliches, mit einem liebevollen Vorwort von Professor Paul Schumann versehenes Buch »Vom Wandern und Weilen im Heimatland« (Dresden, Sächsischer Heimatschutz, gebd. M. 12,–) ist echte geistige Heimat- und Volkskost, deren Wert nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Doch auch andere Verleger und Dichter pflegen mit besonderer Hingabe die »Heimatkunst als Grundlage einer sonnigen und stolzen Höhenkunst gegenüber dem engen und stumpfen Stubenproblem« einer modernen, dekadenten und mißmutigen Kunst. Unserem heutigen Heft liegt ein Verlagsverzeichnis der Lehmannschen Verlagsbuchhandlung in Dresden-N. 6 bei, das der besonderen Beachtung unserer geschätzten Leser gewürdigt zu werden verdient. Unter den vielen empfehlenswerten Erscheinungen dieses Verlages, die sich durchgängig bei niedrigem Preis durch mustergültige Ausstattung vorteilhaft auszeichnen, erheischen einige doch besondere Erwähnung. Bünau führt uns mit seinem köstlichen Novellenband »Der Mut des Egidi Duldmann« in eine alte fränkische Stadt am Main. Wohl dem deutschen Nest, das so erlebt wird, wie diese alte Bischofsstadt! Hier zeigt sich echte Meisterkunst in unheimlicher Kraft in Schilderung, Aufbau und Sprache. – In das jetzt im Brennpunkt der Tagesfragen stehende Oberschlesien versetzt uns Robert Kurpiun mit seinem Roman »Der Mutter Blut« und seinen Novellenbänden »Ultimo« und »Bunt Volk«. Wie keiner vor und neben ihm erschaut er feinfühlig die Seele seines Landes und Volkes und bietet uns in allen seinen Dichtungen eine edle herzerquickende und -stärkende Heimatkost. Jede seiner Dichtungen erringt unser volles Interesse, gleichviel, ob er in seinen Novellenbänden uns Leute aus dem Volke und Mittelstand menschlich liebevoll nahebringt, oder ob er in »Der Mutter Blut« das große deutsch-polnische Rassenproblem anschneidet. Stets bleibt er der »Rosegger Oberschlesiens«, der Sänger seiner Heimat und schenkt uns Dichtungen voll Erdgeruch und Heimatduft. – In der Bücherei eines jeden guten Deutschen verdient das Buch »Norika« seinen Platz und wird ihr zur Zierde gereichen. Das vor fast hundert Jahren erstmalig erschienene Buch wurde lange für eine echte Chronik aus dem 16. Jahrhundert gehalten, so lebenswahr ist der Ton von Nürnbergs größter Zeit getroffen. Meisterhaft sind die Schilderungen aus dem Kreise Albrecht Dürers, Hans Sachsens, Peter Vischers, Kraffts usw. Diese Ausgabe enthält die Hauptwerke Alt-Nürnberger Kunst in 26 Kunsttafeln. – Für Dresden und Sachsen haben die Stübelschen Werke, die bei Erscheinen berechtigtes Aufsehen erregten, ganz besonderes Interesse: »Chodowiecki in Dresden und Leipzig«, das Reisetagebuch des Künstlers vom 27. Oktober bis 15. November 1773, und »Goethe, Schuster Haucke und der Ewige Jude«. – Besonders Bibliophile seien auf die Sammlung »Deutsche Dichterhandschriften« aufmerksam gemacht. Hier ist der schöne Gedanke verwirklicht: einzelne Dichtungen unserer Großen in deren Handschrift wiederzugeben. Bei diesen Bänden spürt man deutlich: nur des Autors Handschrift vermag den Leser in jene persönliche Beziehung zu ihm zu bringen, die der Weg in das Wesen des Dichters ist. Man erhält Einblick in die Eigenart seines Schaffens, in seines Geistes Werkstatt.

Es empfiehlt sich jedenfalls, all diesen Erscheinungen, denen sich außer den vorstehend erwähnten noch manches nicht minder gute Werk aus allen schönliterarischen Gebieten würdig beigesellt, das Interesse nicht zu versagen.

K. W.

Bücherbesprechungen

Wochenabreißkalender »Unsre Heimat« 1921. Herausgeber: Sächsischer Pestalozzi-Verein. Preis M. 6,–.

Kreuz und quer führt uns der nun schon zum vierten Male erscheinende Bildkalender durchs deutsche Vaterland. Mit besonderer Liebe aber verweilt er bei der sächsischen Heimat. Ist’s ein Wunder? Sind es doch lauter sächsische, vorwiegend Dresdner Künstler, die dem Beschauer hier zeigen, was es alles zu sehen gibt in der Nähe und in der Ferne im armen und doch noch reichen Vaterland. Ein rechter Ansporn sind diese künstlerisch hochwertigen Bilder besonders für unsere Jugend, selbst einmal zum Wanderstab zu greifen und auch ihrerseits auf solch glückselige Entdeckungsfahrt auszugehen. Gute und kernhafte Sprüche aus dem Munde großer Deutscher heben den Wert des Kalenders. Auch die Erläuterungen zu den Bildern sind bei aller Kürze ein guter Führer zum Verständnis der dargestellten Landschaft.

»Wegwart«. Jugendkalender des Sächsischen Pestalozzi-Vereins, 2. Jahrgang 1921. Preis M. 2,80.

Ein rechtes und tüchtiges Büchlein voll Freundschaft und Verstehen fürs Herz der heranwachsenden Jugend. Aufsätze aus der Feder echter Idealisten wie Max Schmerler, Friedrich Richter, Hans Kappler, der Malerwanderer, werden Gutes im Kinderherzen wirken. Und wem lacht nicht das Herz, liest er das prächtige Kapitel von den Christbäumen, die singen können? Treue, gutgemeinte Ratschläge aus der Feder berufner Pädagogen, verständnisvolle Einführung in Naturgeschichte und Sternenkunde, Anleitung zu Handfertigkeit und froher Geselligkeit – alles so gut und lobenswert. Nur bei dem Kapitel von der Sonnenfreude fiel mir eins auf: »Ohne die Sonne«, steht da geschrieben, »ist der Tod. Alles Bestehende ist ihr Werk.« – – – Und wessen Werk ist die Sonne? Wollen wir nicht an unserm Teil darnach trachten, daß unsre Jugend, unser Volk, auch wieder im Geiste sich dem zuwendet, der die Sonne gemacht?

G. Platz.

Paul Thomas, Schuldirektor in Schlettau, »Kriegschronik der Stadt Schlettau im Erzgebirge«. Eine Heimatgeschichte der Jahre 1914–1920, zugleich eine allgemeine Geschichte des inneren Krieges. Selbstverlag des Verfassers. Schlettau 1920. Broschiert M. 15,–.