Aus den Rochlitzer Steinbrüchen:
Abb. 2 Durch Anflug entstandene Vegetation an einer auflässigen Stelle

Die Wiederbesiedelung der abgebauten Stellen durch die Pflanzenwelt erfolgt meistens ungewöhnlich rasch. Wo der kahle, rote Fels zutage liegt und kaum einer Pflanze die Bedingungen zu einem gedeihlichen Leben zu bieten scheint, entwickelt sich innerhalb weniger Jahre bereits wieder eine Vegetation, die zwar keine besonders artenreiche, dafür aber meistens eine um so interessantere ist, weil sie neben ihrer Ursprünglichkeit uns vielfach in hervorragendem Maße Blicke in den Kampf tun läßt, den auch die Pflanze um ihr Dasein führt, und uns die Zähigkeit zeigt, mit der sie dabei um ihr Leben ringt. Wo die Winde in kaum zentimetertiefen Unebenheiten des Felsens nur eine Spur von Erdreich angeweht haben, siedeln sich bescheidene Moose und Flechten an, oder es keimen aus windangewehtem Samen Gräser und andere Blütenpflanzen. So das in seiner Schlichtheit so schöne Gänseblümchen (Bellis perennis), Habichtskräuter u. a. m., die ja in der Rosettenbildung ihrer dem Boden sich eng anschmiegenden, dachziegelartig übereinanderliegenden Blätter eine ebenso einfache, wie überzeugend wirkende Einrichtung gegen jede übermäßige Wasserabgabe besitzen und durch sie außerdem noch der raschen Austrocknung des kärglichen Bodens entgegenarbeiten. Das bedürfnislose Heidekraut (Calluna vulgaris) ergreift gleichfalls Besitz vom neuentstandenen Boden und mit ihm stellen sich hier und da auch einige bescheidene Heidelbeerpflänzchen ein. Von Bäumen sind es neben Aspen und Salweiden die mit den dürftigsten Verhältnissen vorliebnehmenden Kiefern und Birken, denen das wenige lockere Erdreich schon Nahrung gibt und die ihre Wurzeln zunächst ganz flach, aber weit an der Oberfläche des Felsens entlang senden, bis sie auf Risse und Spalten im Gestein stoßen, in die sie sich dann tief hinabsenken und den heranwachsenden Baum oft fester verankern als auf tiefgründigerem Waldboden. Dort, wo bereits während des Abbaues sich Schutt angesammelt hat, ist das Pflanzenleben ein reicheres. Unter anderen Arten finden wir hier die würzige Walderdbeere, während Brombeere und Himbeere oft dichte, der Kleinvogelwelt Unterschlupf und Nistgelegenheiten bietende Hecken bilden. Das Weidenröschen läßt im August weithin seine Blüten leuchten und in ihr Rot mischen sich die gelben Farben von Habichtskräutern und Johanniskraut, bis dann nach einigen Jahren die im Frühjahr von einer reichen Insektenwelt besuchten kätzchentragenden Sträucher der Salweide und inzwischen höher herangewachsene Bäume – den Kiefern und Birken gesellen sich hier höhere Ansprüche stellende Lärchen und Fichten, die Eberesche und von anderen Laubbäumen einzelne Buchen und Eichen zu – die niedrigeren kraut- und strauchartigen Pflanzen mehr und mehr verdrängen. Auf diese Weise erhalten sich auf dem Rochlitzer Berge abwechselungsreiche Pflanzengemeinschaften, die in ihrer Ursprünglichkeit überaus anziehend wirken und vor allem auch in die oft größere Gleichförmigkeit des unter Kultur stehenden Forstes einen diesen wieder zugute kommenden Wechsel tragen.

Aus den Rochlitzer Steinbrüchen
Abb. 3 Durch Anflug entstandene Vegetation an einer auflässigen Stelle

Aus der Tierwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 4 Siebenschläfer

Es wird ohne weiteres auch als ganz selbstverständlich erscheinen, daß die Steinbrüche, die bei ihrer räumlichen Ausdehnung inmitten des geschlossenen Waldes eine Welt für sich bilden, in der bis zu einem gewissen Grade die Natur allein regiert, auch von einem nach Lage der Verhältnisse nur günstigem Einflusse auch auf die Tierwelt des Rochlitzer Berges sein müssen. Eine Menge Tiere findet in den Spalten und Klüften der Felswände, in den an dunklen Verstecken reichen Haufen beiseite gefahrenen, unverwendbaren Gesteinsmaterials willkommene Schlupfwinkel, andere wieder werden angezogen von der natürlichen, von Menschen wenig besuchten Wildnis der abgebauten Teile. Der Siebenschläfer, dessen Vorkommen auf dem Rochlitzer Berge zunächst allerdings wohl eine Folge des einstigen Reichtums an Laubholz mit den ausgedehnten Rotbuchenbeständen ist, findet sich heute doch vorzugsweise in dem Bereiche der Steinbrüche und auch auf den Bestand der kleineren Raubsäugetiere, von denen ich Wiesel und Hermelin oft in den Steinbrüchen begegnet bin, und denen sich auch der Iltis, der Edel- und sogar der in den geschlossenen Wald sonst nur seltener eindringende Hausmarder zugesellen, sind sie nicht ohne Wirkung geblieben. Unvergeßlich wird mir der milde Sommersonntagabend bleiben, an dem ich unseren Edelmarder in einem auflässigen Teile des Mühlsteinbruches zum ersten Male längere Zeit hindurch in seinem Leben und Treiben beobachten konnte. Aalgleich wandte er sich durch die Steinwildnis hindurch, schnüffelnd untersuchte er jeden Spalt im Felsen, spürte jede Höhle ab, die die reichlich umher- und übereinanderliegenden Gesteinstrümmer bildeten. Eine Maus, die der Abend aus ihrem Versteck hervorgelockt hatte, wurde seine Beute, eine Goldammer, die ihr: »Wie, wie hab’ ich dich so lieb!« eben abgebrochen und sich in einem niederen Strauch zur Ruhe niedergetan hatte, entging seinen räuberischen Gelüsten noch im letzten Augenblick, so daß er ihr verdutzt von einem vorspringenden Gesteinsblock aus nachschaute.

Aus der Vogelwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 5 Männlicher Gartenrotschwanz an der Nisthöhle an einer Hauswand