Heimlich, über Nacht, ging das weiche Flockengeriesel, ununterbrochen millionenfach. Mit einem Schlage hatte der strenge alte Herr sein Reich wieder in Besitz genommen. Und darob kein Trauern. Denn auch der rechte Winter bringt der Freuden viele, und nicht zuletzt für die wandernden Heimatfreunde.
Was gibt es wohl schöneres, als am Sonntag hinauszuwandern in das winterprächtige Gelände, um neue Kraft und neuen Mut für die Pflichten und Lasten der Werktage zu suchen?
Zeigt sich der Winter im unteren und mittleren Vogtland zuweilen in voller Schönheit, so ist er doch da vielfach recht unzuverlässig und nicht zu vergleichen mit dem echten Bergwinter, der seine fünf bis sechs Monate regiert und nicht gleich von jedem milden Luftzug, jedem Sonnenstrahl in die Flucht geschlagen wird. Er wohnt so nahe vor Plauens Toren; drüben im südöstlichen Vogtland, wo sich die Westausläufer des Erzgebirges bis zu stolzen Höhen von fast tausend Metern emporrecken. Von dort leuchten die weißen Schneefelder lockend herüber, wenn hier schon längst der Schnee geschmolzen ist, und ziehen mit vielen unsichtbaren Fäden den Wanderer hinein in die so reizvolle Winterwelt.
Wie leicht wiegt gegen solch köstliche Gaben wohl das bißchen unbequeme zweistündige Fahrt. Auch der Frühzug fünf Uhr acht Minuten wird gewählt, denn das Frühaufstehen, eine Selbstverständlichkeit des Wanderers, wird belohnt durch das erhebende Erleben des werdenden Tages, des Sonnenaufgangs draußen im heiligen Frieden stiller Höhen.
Viel Wanderer schauen aus dem gen Muldenberg fahrenden Zug dem kommenden Tag entgegen. Hinter den Auerbacher Bergen überzieht sich der Nachthimmel mit dem kalten Schein des Morgendämmerns. Im schnell zunehmenden Licht verliert das einförmige Taktschlagen rollender Räder seine einschlummernde Wirkung. Die immer deutlicher hervortretende Landschaft fordert Beachtung. Wie der Zug die große Schleife um Falkenstein zurückgelegt hat und sich keuchend die Höhe nach Grünbach hinanwindet, flammt das goldene Leuchten der Sonne hinter den dunkelblauen Waldlinien der Schneeberge empor. Von den fernen, weißen Flächen herab geht ein blendendes Gleißen und in der Nähe erstrahlt das vom Licht getroffene pulvrische Weiß im glitzernden Funkengeriesel. Mit dem Blau des Winterhimmels ist das tiefeingeschnittene, noch im Schatten liegende Göltzschtal übergossen, kaltes Blau auch liegt im schattigen Hochwald, der nun den Zug umsäumt bis ihn die Wanderer in Muldenberg verlassen. Der Bahnhof und ein Wirtshaus sind in siebenhundert Meter Höhenlage die einzigen sichtbaren Siedlungen auf kleiner, hochwaldumgebener Fläche; majestätischer Winterwald schlägt seine Bogen. Da unterzutauchen, alles Häßliche, Leidvolle des Lebenskampfes vergessend, ist wie Erlösung.
Sonnenüberstrahlt, lichtspiegelnd liegt das weiße Schneedach auf Baum und Strauch, weißzuckerig umschmiegen Reifgebilde Gestämm und Gezweig; blendende Helle herrscht im sonst so finsteren Wald; im Funkensprühen dehnt sich die weiße Decke am Boden. Staunend erfaßt das Auge das große Heer der sich aneinanderreihenden Stämme. Aber nicht immer ist diese märchenhafte Pracht, dieser stille Frieden im Winterwald. Erst im Kampf der Elemente sind sie geboren. Graue Wolken trug der Himmel, tief und schwer, schüttelte die Flocken dicht herab, daß sie des Tages Licht verfinsterten; Sturm griff hinein und peitschte die wirbelnden Massen dahin, türmte sie hoch im Walde. Wehe dem einsamen Wanderer, der sich verirrte, den die Kräfte verließen im Ringen mit dem weißen, weichen Hindernis! Gierig lauert darin der griffbereite Knochenmann; findet alljährlich seine Opfer.
Schwer wuchtet die weiße Last auf den windgebeugten Wipfeln des Hochwalds. Ein Zittern geht durch die starken Stämme, manch kraftvoll ragender Baum knickt mitten entzwei, schlägt mit dumpfem Klang sein stolzes Haupt zur Erde. Mischt sich mit dem Ächzen der Bäume nicht unheimliches Gelächter? Der Wintersturm freut sich seines Vernichtungswerks, braust weiter, sucht neue Opfer. Als er sich ausgetobt, führen viel zersplittert ragende Baumstümpfe stumme Klage. Wanderer, auch hier im Zauberbann des Winterreichs das überall gewärtige memento mori. Und wolltest doch vergessen das Schwere am Wege des Lebens. Ja heute ist Frieden, genieße drum; folge den lockenden Sonnenstrahlen.
Mählich steigt das Gelände bergan. Längst zurück liegen die letzten Wegespuren. Knietief türmt sich der Schnee. Hindurch winden sich die Wanderer. Einer tritt Bahn, bis andere ihn ablösen, reihum, im Hochgefühl starker Einigkeit. In achthundert Meter Höhenlage strebt der Schneckenstein als schwer besteigbarer Eisblock aus dem Walde empor. Sonst bietet sich von ihm bei klarer Sicht ein Blick fast über das gesamte Vogtland und weiter bis hin zum Frankenwald und den Thüringer Bergen. Immer höher führt der Weg hinan, immer schöner wird die Winterpracht des Waldes. Am nördlichen Gipfel des neunhunderteinundvierzig Meter hohen Kiel zeigen sich wieder menschliche Wohnungen. Die windumtosten Häuser Winselburg sind es, von Reifgebilden umsponnen. Einsam liegen sie hier oben, stehen in unberührten Höhen, und ihre Fenster blicken hinaus auf ein prächtiges Gipfelland. Nordostwärts öffnet sich der Blick auf das Walddörfchen Gottesberg, bekannt durch seine Bingen, und die zerstreutliegenden Hütten von Mühlleithen, von winterlichen Berghäuptern umfriedet. Nach dreistündigem Weg winkt im Buschhaus erste Rast. Bald sind die Wanderer wieder unterwegs. Ostwärts, über bahnlose Schneeflächen, durch alten Hochwald, an verschneiten Bächen dahin, bergauf, bergab streben die Freunde und finden des Staunens kein Ende über den berückenden Zauber wintereinsamer Bergwälder. Steiler werden die Hänge, immer tiefer liegt der Schnee; mehrere Seitentäler vereinigen sich zu einem großen, dem des Heroldsbachs, der im raschen Lauf seine kristallenen Wässer der großen Pyra zuführt. Die Wanderer sind im Gebiet des großen Rammelsbergs (neunhundertfünfundsechzig Meter), des höchsten Bergs im Vogtland, und können seine mächtige Gestalt von dem einsamen Waldweiler Sachsengrund aus deutlich überschauen. Vergebens winkt am Wege das Wirtshaus. Weit noch ist der Pfad und beschwerlich, darum rüstig vorwärts. Das Niederschlagsgebiet des Markersbachs mit seinen beiden neunhundert Meter hohen Bergrücken ist noch zu überwinden. Dann wird die Grenze des Vogtlands überschritten und beim schneereichen Wintersportplatz Carlsfeld zum Wasser der Wilzsch hinabgestiegen, die wohlverdiente Mittagsrast bei Vater Arnold zu halten. Frohe Stimmung herrscht, als die dampfenden Schüsseln kreisen. Aber allzulang darf die Rast nicht dauern, noch ist das Ziel nicht erreicht, wenn es auch keine allzu großen Anforderungen mehr stellen wird. Auf gutgebahnter Straße nach Wildenthal wandert sichs leicht, nur der steile Zickzackaufstieg zum Auersberg von siebenhundert bis tausend Meter hinauf wird die letzte Prüfung sein.
Es dunkelt bereits, als der Anstieg beginnt; und als die vielen zurückgelegten Wegewindungen endlich dem Gipfel zuführen, hat sich eine klare Winternacht auf die Natur herniedergesenkt. Sterne blitzen auf, und das Silberlicht des Mondes hebt die hohen Nachbarberge aus der Landschaft deutlich heraus, leuchtet hinunter auf das nach Norden ziehende tief eingeschnittene Tal der großen Bockau. Am Weg stehen wunderliche, tierähnliche Gestalten. Verschneite, eisbehangene, bereifte Bäume sind es, die Wächter des Berges. Plötzlich dringt durch den Wald aus der Ferne warmer Lichtschein, locken verheißend die Fenster des Berghauses. Glück auf zum Willkomm!
Berghausstimmung! Welchen Wanderer hat wohl noch nicht das eigenartige Gefühl durchrieselt? Gedanken der Höhe! Stolze Berggipfel allein sind nahe, fern aber, drunten in den Tälern, ist der Menschenkampf. Kein Laut dringt von dort herauf. Kraftvoll entwickelt sich der Sinn zur Freude am Schönen und Edlen, und gut ist der Boden bereitet für die heimattreuen Lieder der Erzgebirgssöhne Günther und Soph. Nie werden die schlichten Volksweisen mit mehr Innigkeit gesungen, als droben auf den Berghäusern. Eigenartige Macht wohnt in ihnen, zwingt Heimische und Fremde in ihren Bann. Schwer nur reißen sich die schon zu einer großen Familie gewordenen fremden Gäste los, um zu ruhen.