Der müde Weber
Von A. Eichhorn, Glashütte
Nicht Friedhof, sondern Gräbergarten sei das Stück Land genannt, wohin die Bewohner des Oberlausitzer Industrieortes Neugersdorf ihre Toten tragen. Ja ein Garten ist’s, darin alles Wohlmaß und Ordnung zeigt. Die Schönheit wacht hier an den Stätten der Entschlummerten. Gar seltsam überkommt es dem Wanderer in diesem Garten der Vollendeten. Das schaffen die ungezählten dunklen Lebensbäume, die hängenden Birkenzweige, durch die beim leisesten Lufthauch ein geheimnisvolles Zittern geht, die glänzenden Eichenblätter, die trauernden Weiden am Teiche, die Hecken und Gruppen von mancherlei Ziergesträuch. Und wenn an sonnigen Gilbhardtstagen sich abertausende Blätter verbluten, jedes Strauchwerk in einem anderen Farbenfeuer brennt, dann wird das Sinnen des Schauenden zum Höheren gelenkt. An einem Hügelabhang hinauf breitet sich der Totengarten. Ein junges Fichtenwäldchen begrünt den Hochpunkt. Jede Grabstätte ist ein Gärtlein für sich, fröhliches Schnabelvolk wohnt in der malumschließenden Hecke, dem Ruhenden das Schlummerlied singend. Wohl sind auch Reihengräber zu finden, doch liegen sie auf kunstvoll im Garten verteilten Wiesenplätzen, umschlossen von Strauch und niedrigem Baum.
Und die Grabmale in diesem Gräbergarten? Gar viele sind, die allgemeine Sinnbilder tragen: Aus der Urne bricht die Flamme, der verrieselte Sand im Stundenglas kündet vom abgelaufenen Leben und die Flügel daran, daß sonnenhin die Seele schwebt. Efeuüberquollen liegen die Hügel, Rose und Lilie sprechen von Liebe und Unschuld, auch von süßem Schlummer. Kinderengel knien und beten. Weitesten Gedankenlauf lassen diese Male in dem Gedankenkampf um Bejahung und Verneinung, in dem sie Versöhner sein wollen. Aber es stehen auch Male am Hügelabhang, die der Künstler so formte, daß sie ein Stück Geschichte des Verschiedenen künden. Das Grabmal auf unserm Bilde erzählt dem Kundigen auch die Geschichte des Ortes, darin der Tote einst lebte.
Abb. 1
Alte Weberleute am Webstuhl (Gezehe) und Spulrad
(Neugersdorf)
Von Strauchwerk beschattet, sitzt der müde Weber auf einem Steine. Schweiß rann über seine Stirne, darum legte er den Warensack, aus dem ein Warenballen heraussteht, neben sich, nahm seinen Hut ab, wählte einen Stein am Wege zum Ruheplatze, die Hände auf den Wanderstock stützend. Welche Geschichte spricht das eherne Mal? Der Vater des hier im Grabe Ruhenden war einer von den alten Weberfabrikanten, die mit vollgepacktem Warensack auf die Messe nach Leipzig »gingen« oder mit dem Schubkarren dorthin fuhren. Auch besuchten sie die Dresdner Märkte. Dann wurde der Weg mit eben genannter Ausrüstung an einem Tage zurückgelegt. Welche Leistung! Mitunter fuhren sie stückweise mit einem Fuhrwerke. Auch auf die Messen nach Frankfurt a. d. Oder und nach Breslau brachten die Fabrikanten die Neugersdorfer Webwaren. Ums Jahr 1780 meldet die alte Ortschronik den ersten Messebesucher. Weiter erzählt sie: »Ums Jahr 1810 gingen etwa sechs Fabrikanten nach Leipzig. Jetzt (1857) zählen wir deren an dreißig, welche in- und ausländische Messen besuchen und Tausenden Brot und Unterhalt geben.« Da waren gar oft in jener Zeit solche müde Weberfabrikanten am Wegrande zu schauen.
Abb. 2
Ein Weberfabrikant der auf die Messe »geht« ruht auf einem Stein aus
(Grabmal auf dem neuen Friedhof in Neugersdorf)
Aber diese Männer waren nicht nur darauf bedacht, ihre Waren zu verkaufen, sondern sie brachten auch Neuerungen für den Webbetrieb mit nach Hause. So verbesserten sie die Webstühle, stellten Zwirn- und Treibmaschinen auf, waren diejenigen, die den Erfindungen ihrer Zeit sogleich die Tür zur Webstube, zum Websaal öffneten. Und als eines Tages im Dorfe der erste Dampfwebstuhl die Arbeit begann, da ahnten die Hauswebstühle nichts Gutes für sich. Mochten sich Hausweber und »Gezehe« auch noch so sehr anstrengen, sie vermochtens dem Neuling nicht gleichzutun. Beide wurden mit jedem Jahre lebensmüder. Bis zu dieser umgestaltenden Neuerung standen in mancher Lausitzer Wohnstube vier Gezehe, dazwischen Spulrad und Treibrad. Die ganze Familie war eine Arbeitsgemeinschaft. Es waren die kleinen Leute mit der überperlten Stirn. Früh um fünf Uhr begann das »Klappern«, abends um zehn Uhr wurde Feierabend gemacht. Zwei Taler acht Groschen konnten bei dieser täglichen Arbeitszeit in einer Woche »erklappert« werden. Kam Weihnachten, Ostern oder Pfingsten heran, dann wurde an den Tagen vorher bis ein oder zwei Uhr morgens »gewürkt«, um die feiernden Stunden wieder herauszuschinden. Doch waren die Leute zufrieden. Mancher Volksvers vom Lausitzer Weberleben spricht von Armut und Zufriedenheit. Der Dampfwebstuhl verdrängte einen Hauswebstuhl nach dem andern. Und wie die Haustreiberei in kurzer Zeit ausgelebt haben wird, so ist auch der Tag nahe gerückt, an dem der letzte Hauswebstuhl und sein Spulrad stillstehen.