Von Stadtbaurat Rieß, Freiberg

Wie reich, wie schön wäre unsere Heimat, hätten wir den Heimatschutz schon vor fünfzig oder hundert Jahren gehabt!

Herrliche Schätze an Kunst und Kulturbesitz wären vor dem Untergang und Vernichtung bewahrt geblieben. Als Zeugen alter Kunst deutschen Geistes und Lebens hätten sie eindringlich gemahnt und zielweisend das neue deutsche Leben geschaut, geschmückt, geläutert.

Vielleicht wäre die ganze Kunstentwicklung in anderer Richtung gegangen, fortschreitend zu höheren Zielen in starkem, gleichmäßigem Vorwärtsdringen, weil das, was die Väter schufen und bodenständig im Heimatgrunde wurzelte, das was ihm eigen und schön war, oft besser erkannt und gewürdigt, besser gepflegt und erhalten und zur Grundlage und Ausgang neuen Schaffens gemacht worden wäre. Vielleicht hätten wir dann eine neue wirklich echt deutsche Kunst!

Vielleicht wären die Gedanken und Ziele des Heimatschutzes dann jetzt schon lange Allgemeingut des Volkes geworden und zum selbstverständlichen Empfinden auch der Ahnungslosen, vielleicht hätten wir dann eine natürliche künstlerische Kultur, vielleicht – – vielleicht wäre dann Heimatschutz nicht mehr nötig!

Die Gedanken des Heimatschutzes sind jedoch nicht neu. Schon die alten Kulturvölker übten Heimatschutz als einen selbstverständlichen Ausfluß und Ausdruck ihres angeborenen künstlerischen Empfindens, welchem die Harmonie der Dinge ein Bedürfnis war.

Als das Wort »Heimatschutz« aber geprägt und »Heimatschutz« als geistige Bewegung ausgelöst wurde durch tiefschauende Seher und tiefschürfende Arbeiter am deutschen Volke und an der Heimat, da war diese selbstverständliche Kultur längst verloren gegangen. Sie muß nun mühsam Schritt für Schritt wieder errungen werden. Doch der Weg führt empor und das tiefe Sehnen des Volkes sucht und findet im Heimatschutz Antwort. Doch auch in der Zeit des Niederganges der Heimatkultur sind solche Männer als Seher und Sorger für die Heimat aufgestanden und haben den Kampf gewagt, unverstanden und geschmäht, aber unverzagt und mit heißem Herzen!

Wie solch ein Kampf des Heimatschutzes vor etwa siebzig Jahren in Freiberg um das altehrwürdige Rathaus sich abspielte, und wie Heimatschutzgedanken die Gemüter bewegten im erregten Für und Wider, wie damals die Leidenschaften und Schwächen des menschlichen Herzens sich zeigten und Stacheln und Dornen Wunden rissen, ohne die Selbstlosigkeit und Begeisterung des heimattreuen Sehers und Sorgers am Werke zu ertöten, das mag einmal auf Grund der Akten als ein typisches Beispiel geschildert werden.

Es war im Jahre 1853. Das alte Rathaus gefiel den Freibergern mit einem Male nicht mehr. Viele Jahrhunderte hatte es den Stürmen schon Trotz geboten, hatte im Krieg und Frieden, bei Belagerungen und allerlei Not, aber auch bei rauschenden Festen der Bergknappschaft, der Bürgerschaft, dem Rate und ja, auch Herzog, Kaiser, König und Fürsten ein schützendes Dach geboten. Eine reiche, stolze Geschichte, die wir jetzt nicht weiter verfolgen wollen, hatte die alten starken Mauern, Ratsstuben und Gewölbe geweiht. Von Treue und von Bürgerstolz, von Tapferkeit und Aufopferung, von Blut und Tot, von jauchzendem Leben und Kerkernacht flüsterten und raunten die mächtigen Quadern der Wände, sang und stöhnte der Wind, wenn er um Turm und Dach und Giebel sauste. Aber doch gefiel das Rathaus dem Rate und den Bürgern nicht mehr. Ihre Ohren waren taub, ihre Augen stumpf geworden. Sie fühlten nicht mehr das geheimnisvolle Leben, die Seele, welche aus den ehrwürdigen Zügen des alten Bauwerkes sprach, das mit der alten Stadt jung gewesen war, und im Alter ihr diente wie einst in der Jugend.

Auf der Marktseite hatten sich Verkaufsbuden, auf der Nordseite an der Burgstraße der Schuppen für die Feuerleitern angesiedelt und saßen wie Schmarotzerpflanzen am gesunden Stamm und zehrten von seiner Schönheit. Allerlei Unzuträglichkeiten waren entstanden durch die Begleiterscheinungen des Kramhandels, die der Würde des Rathauses nicht mehr entsprachen. Hier mußte Wandel geschaffen werden, darüber waren sich Rat und Bürgerschaft einig. Im Erdgeschoß am östlichen Giebel waren Räume, die nur untergeordneten Zwecken dienten. »Hier könnten wir Läden einbauen und schönen Mietzins lösen,« dachten die Stadtväter. »Für die Krambuden ist dann ein würdiger Ersatz geschaffen.« Außerdem war das Dach so hoch!! Mit seinem langen First und seiner riesigen Fläche schnitt es ein schönes Stück vom Himmel ab und die Verkaufsgewölbe der Nachbarhäuser an der Nordseite mußten sogar früher Licht anzünden als der Konkurrent am Obermarkt. Wo blieb da die Gerechtigkeit! –