Prüfend blickten sie immer wieder auf das Dach und den gewaltigen Giebel mit seiner Blendnischenarchitektur, vier Bogenreihen übereinander. Da fand ein besonders interessiertes, kundiges, scharfes Auge, daß der Giebel nicht mehr ganz lotrecht stände, sondern nach innen sich neigte; ja im Mauerwerk wurden urplötzlich für sein Auge gefährliche Risse sichtbar! Ahnungslos hatte man vielleicht schon in der Gefahr geschwebt, von dem stürzenden Giebel erschlagen zu werden! Wollte man Läden dort bauen und Schaufenster ausbrechen, so war der Einsturz des Rathauses gewiß! –
Herbei ihr Sachverständigen mit Rat und Tat! Rettet uns vor der furchtbaren Gefahr!
Der Baumeister Leuthold aus Dippoldiswalde wurde berufen und mit der Fülle der angehäuften Wünsche und Anregungen überschüttet. Zeichnungen und Anschlag wurden von ihm angefertigt und mit einem ausführlichen Gutachten überreicht. Zwei Seelen leben in diesem Gutachten. Die Seele des unbefangenen Sachverständigen und die Seele des Mannes, der gern bauen und verdienen will.
Im Anfang sagt er, daß »eine unbedingte Notwendigkeit« des Giebelbaues »für jetzt noch nicht« vorliege.
»Die Neigung des Dachgiebels nach innen, ist allerdings eine nicht unbedeutende, jedoch sind in diesem selbst nicht die geringsten Risse oder Sprünge wahrzunehmen, was einesteils auf die große Festigkeit und den innigen Zusammenhang des Mauerwerkes schließen läßt, anderenteils aber zu der Annahme berechtigt, daß diese Neigung sehr allmählich oder wenigstens sehr regelmäßig erfolgt sei. Die Sprünge, welche sich in der ersten Etage der Umfassungsmauer dieser Giebelseite allerdings zeigen, sind gegenwärtig noch nicht derart, daß sie zu einem ernsten Bedenken Veranlassung geben und bei der großen Stärke der Giebelmauer kann selbst bei deren großer Neigung ein Einsturz derselben zur Zeit noch nicht zu befürchten sein.«
Gleichwohl kommt er zum Schluß, den Abbruch zu empfehlen, weil infolge »schiefen Druckes« doch einmal ein Einsturz erfolgen könne. Er empfiehlt eine umfassende Restauration des Gebäudes mit Neuaufbau des Giebels, Einbau der Läden, Änderungen an Fenstern und Räumen und dergleichen. Sehr wichtig nimmt er den Abputz, zu dem er »eine graubraune, aus lichtem Ocker, geschlemmter Umbra und Frankfurter Schwarz gemischte Kalkfarbe« nehmen würde, »um den Charakter und die Altertümlichkeit des Gebäudes zu bezeichnen«. Ein Dorn im Auge sind ihm die verschiedenartigen Fensterformen, die er möglichst »egalisieren« und »rektifizieren« möchte. »Schon die Vorderfronte noch mehr aber die Hinterfronte nämlich bietet hinsichtlich der architektonischen Formen und Gliederungen eine so bunte Mannigfaltigkeit, wie dieselbe mit dem ästhetischen Gefühl im allgemeinen und mit der Würde des Gebäudes in keinem Falle vereinbar ist.« »Die Hinterfronte repräsentiert eine wahre Musterkarte von allerhand Tür- und Fensterrahmen, die nach Herstellung des neuen Abputzes als solche nur noch mehr in die Augen fallen wird.« »Die Beseitigung dieser Verunstaltungen tut dringend not,« schreibt er in höchster ästhetischer Entrüstung. Die »Conzinnität« der »Fronte« muß hergestellt werden. Die Kosten berechnet er auf insgesamt rund 4370 Taler. In seiner Planung hatte er auf die Änderung der Fenster besonders hingearbeitet, ohne jedoch immer Rücksicht auf die dahinterliegenden Räume zu nehmen. Gleichwohl und trotz der hohen Kosten erklärt man sich im Rate mit den Plänen einverstanden, wobei man jedoch wiederholt die Wahrung des altertümlichen Charakters des Gebäudes betont.
Man forderte in der Theorie das, was die eigenen Beschlüsse und praktischen Maßnahmen unbedingt zerstören mußten. War es ehrliche Unkenntnis oder Selbstbetrug oder naive Heuchelei? Vielleicht aus allen dreien gemischt!
Als die Bauangelegenheit soweit gediehen war, es war im Mai 1855, da bekam das Ratsmitglied, welches die Finanzverwaltung hatte, doch Bedenken über die Aufbringung der Mittel und bittet auf Grund längerer Berechnungen und Ausführungen die endgültige Entschließung noch auszusetzen. Er weist auf die politische Lage Deutschlands hin, »welche noch immer darüber in Zweifel läßt, ob für das Land bald entweder die Ruhe und Sicherheit des Friedens oder die Lasten einer Mobilisierung der Armee und die Drangsale eines allgemeinen Krieges zu erwarten stehen,« sodann auf »die nun seit mehreren Jahren anhaltende Teuerung aller Lebensmittel, deren Fortdauer mit der größten Besorgnis für die Folgen erfüllt.« Diesen Bedenken schloß sich das Ratskollegium an und die Baufrage wurde einstweilen zurückgestellt bis auf die Beseitigung der hölzernen häßlichen Budenanbauten. Dieser Beschluß wurde im Juli 1855 gefaßt. Das Rathaus schien vor den Bauabsichten noch einmal gerettet zu sein. Bei allen diesen Beratungen hatte jedoch der Bürgermeister Clauß nicht mitgewirkt, der wohl beurlaubt oder noch nicht im Amte war. Unter dem 21. April 1856 schreibt er eine Denkschrift von zwölf enggeschriebenen Aktenseiten mit zierlich kleiner Schrift nieder, in welcher er alle Vorgänge zusammenfaßt, Kritik übt und Vorschläge macht.
Er erklärt sich gegen den Einbau von Läden, »weil durch das Marchandieren Fremder im Rathause die Ruhe, Ordnung und Sicherheit desselben sehr beeinträchtiget und gefährdet werden würde, um so mehr als es eben an allen Neben- namentlich Hofräumen fehlt und nicht einmal loca secreta vorhanden sind, mithin allerlei Allodria, Mitbenutzung der oberen Appartements und dergleichen mehr in die übrigen Räume des Rathauses sich verpflanzen und darin breit machen würden.«
Er erklärt sich gegen die Änderung der Fenster, »weil dadurch die innere Symmetrie der betreffenden Räume gestört und auf Rechnung des Äußeren verunstaltet werden würden.« »Es möchte kaum zu verantworten sein, dem äußeren Ansehen die Zweckmäßigkeit der inneren Einrichtungen zu opfern.«