Kann man ihm hier auch nach heutigen Anschauungen über Heimatschutz und Denkmalpflege nur zustimmen, so nimmt er doch zum Schlusse die Anregungen wieder auf, welche im Zusammenhang mit der Giebelfrage nicht wieder zur Ruhe kommen sollen, sondern wie ein Gift weiterfraßen und dem äußeren Ansehen des Rathauses verderblich wurden.

Er schreibt: »Unterzeichneter mag nicht verhehlen, daß es nach seiner Ansicht das Beste wäre, das ganze Dach mit einem modernen niedrigeren zu vertauschen, weil so die immense und überflüssige Belastung des Rathauses beseitigt, brauchbare und angemessene Dachräume erlangt, die Rauchfangunterhaltungen wesentlich vermindert, die Gefahr bei Feuerunglück – wo durch die jetzige ungeheure Last des Daches die unteren Räume erdrückt zu werden bedroht sind, – bei weitem verringert, auch die Dachgiebelfrage auf leichteste Weise mit erledigt würde.« Allein er enthält sich, »darauf abzielende Vorschläge zu eröffnen, wohl wissend und ahnend, daß solche im weiteren Kreise nicht leicht Annahme und Anhänger finden werden, obgleich die Kosten dieser Veränderung großenteils durch den Gewinn überflüssigen, guten und gesunden Holzes ausgewogen werden würden, neues Holz- und Ziegelmaterial wohl gar nicht nötig wären.«

Auf Grund dieser Denkschrift beschloß man, daß »die Restauration des Rathauses nicht allzulange mehr verschoben werden möchte.« Einige Monate ruht scheinbar die Sache, wenigstens in den Akten, wenn auch vielleicht die Frage das tägliche Gespräch gewesen sein mag. Da tritt die Baudeputation mit neuem Antrag auf – und sagt unter anderem: »Wenn sich aber nun unmöglich verhehlen läßt, daß das derzeitige Äußere des Rathauses zu Freiberg ein würdiges nicht genannt werden kann, ja daß es kaum den bescheidensten Anforderungen des decorum entspricht, und daß einzelne Partien desselben sogar einen widrigen Eindruck auf den Beschauer hervorbringen, überhaupt aber der Gesamteindruck desselben nur in dem hohen Alter des Bauwerks einige Beschönigung finden kann, … so hält sich die Deputation gerechtfertigt, wenn sie auch diesen Aufwand bevorwortet.«

Diese von jedem Verständnis der Altertumswerte und der Charakterzüge des ehrwürdigen Rathauses weit entfernten Vorschläge wurden nun von den städtischen Kollegien zum Beschluß erhoben, ihre Ausführung aber noch einstweilen aufgeschoben, weil die Jahreszeit schon zu weit vorgeschritten war und weil »der neugewählte Stadtbaumeister erst im Monat Oktober d. J. sein Amt antreten wird, inmittelst aber es an gehöriger Bauleitung fehlen würde.«

Das Urteil über das alte ehrwürdige Rathaus war gesprochen, man wartete nur noch auf den amtlich bestellten Scharfrichter zu seiner Hinrichtung und benutzte die Zwischenzeit zu vielerlei Einzelberatungen.

Das neue Jahr 1857 rückte heran, da entstand in dem Wachtlokal im Erdgeschoß des Turmes, das durch ungeheure starke Mauern und Gewölbe vom übrigen Rathause abgeschlossen ist, ein an sich ganz ungefährlicher Stubenbrand. Brand im Rathaus! Das war für die Freunde des Umbaues ein willkommenes Mittel und Schlagwort für ihre Ziele!

Das war der Anlaß nunmehr den Abbruch des hohen Daches mit Macht zu betreiben. Das Dach, welches Jahrhunderten standgehalten und die Stürme der Schwedenbelagerung mit ihren Brandbomben, zahlreiche Stadtbrände, die Schlacht bei Freiberg und die Gefahren der Zeit Napoleons unbeschädigt überstanden hatte, wurde angeblich plötzlich zu einer furchtbaren Gefahr für die Stadt, weil es »eine sehr bedeutende Quantität feuergefährlichen Holzwerkes« enthielt.

Bei dem neuen Stadtbaumeister Weber wurde ein Gutachten bestellt. Dieses Gutachten fiel den Weisungen entsprechend aus. Es lag ja nahe, daß der neue Baumeister bauen und seine Kunst und Tüchtigkeit zeigen wollte. Das war ein willkommener Auftrag, sein Licht leuchten zu lassen! Mit einer gewissen Überlegenheit und Geringschätzung spricht er von dem »alten sehr fehlerhaft konstruierten Dach, das im hohen Grade baufällig ist,« von mangelnden Längsverbänden, fehlerhaften Querverbänden, Verschiebungen, ungleichen Senkungen, von gebrochenen Verbänden und dergleichen. Der Giebel, 1¾ Ellen stark, hinge gefahrdrohend nach dem Gebäude zu über. »Der bei einem Brande unvermeidliche Einsturz des überhängenden Giebels würde selbst die zunächst daran befindlichen festen Gewölbe sowohl in der Etage als im Erdgeschosse gänzlich vernichten.« Dachziegel und Essen seien völlig schadhaft und dem Einsturz nahe. Er schlug vor, ein neues Dach von englischem Schiefer mit leichtem offenem Dachstuhl mit möglichst flacher Neigung von etwa 30 Grad herzustellen, obschon rings der ganze Marktplatz und die ganze alte Stadt, nur hohe steile Ziegeldächer hatte. Den Kostenaufwand dürfe man nicht scheuen, um »den mit der Feuergefährlichkeit des alten Daches verbundenen unabsehbaren allgemeinen Schaden, möglichst bald zu verhindern.«

Zu diesem für Rathausdach und Giebel vernichtenden Urteil kam gleichzeitig eine Eingabe von Anwohnern des Rathauses. Ob diese etwa bestellt war, geht natürlich nicht aus den Akten hervor, jedoch klingt es fast wie ein Echo des Gutachtens des Stadtbaumeisters, nur daß hier die angebliche Gefahr des Brandes und Einsturzes bereits auf die ganze Nachbarschaft, »auf einen großen Teil des belebtesten Teils der Stadt« ausgedehnt wird. Dreißig Bürger hatten unterschrieben. Die drei ersten sind drei brave Bäckermeister. Die Frage war nun »brennend« geworden. Die finanziellen Bedenken mußten verstummen, und einmütig wurde nach dem Vorschlage des Stadtbaumeisters beschlossen, nur mit der Abänderung, auf Anregung aus der Mitte des Rates, daß das Dach um zwei Ellen gegenüber der Planung erhöht werden solle, so daß also statt einer Neigung von dreißig Grad eine solche von sechsunddreißig Grad gesichert wurde.

Der Stadtbaumeister gibt darauf selbst zu: »Nicht zu verkennen ist übrigens, daß durch die beantragte Erhöhung des Daches der Schiefer an Haltbarkeit gewinnt, hauptsächlich aber ein besserer Prospekt erlangt wird. Ein flacheres Dach will nicht recht zu dem altertümlichen Charakter des Rathauses passen.« Aus dieser Bemerkung vom 1. März 1857 ergibt sich, daß der Stadtbaumeister bei seinem Vorschlage ohne jede Rücksicht auf künstlerische Bedenken, völlig skrupellos und ohne Gefühl für die historischen Altertums- und Schönheitswerte, ohne jedes Verständnis für die städtebauliche Bedeutung des Rathauses im Marktbilde und Stadtbilde geurteilt hatte, so daß er erst durch die Anregungen von Laien auf diese Frage zwar gestoßen wird, und auch seinen ursprünglichen Vorschlag aufgibt, aber dennoch ohne weitere künstlerische Prüfung alle Bedenken bei Seite setzt und einfach die vorgeschlagenen laienhaften zwei Ellen zusetzt. Hätte man eine Elle oder drei Ellen vorgeschlagen, so wäre er auch wohl damit zufrieden gewesen.