So fiel das alte schöne Rathaus in die Hände eines künstlerisch völlig unfähigen und verständnislosen Mannes, obgleich in Freiberg ein fein empfindender künstlerisch hervorragender Architekt lebte, der Professor für Baukunst an der Bergakademie Professor Eduard Heuchler.

Er hatte sich bereits einen Namen gemacht durch die wundervollen Zeichnungen zum Bergmannsleben, die heute noch durch ihre hohe Bedeutung für bergmännische Volkskunde und Volkskunst und durch ihren künstlerischen Reiz besondere bewunderte Schätze des Freiberger Altertumsmuseums bilden und durch seine ausgeführten feinempfundenen architektonischen Werke. Seine grundlegenden Forschungen am Freiberger Dom sind ja heute noch von Bedeutung.

Dieser Mann hörte mit Schmerz und Zorn von dem Schicksal, das dem ehrwürdigen Rathause bevorstand. In letzter Stunde suchte er es noch zu retten und wendete sich mit scharfer Feder gegen diesen Plan und suchte die Öffentlichkeit aufzuklären und in Bewegung zu setzen. In einem Aufsatz vom 21. März im »Freiberger Anzeiger« zieht er vom Leder. Er weist daraufhin, daß der Stadtrat schon seit vielen Jahren »einen sogenannten Bauinspektor« und seit 1830 sogar eine Baudeputation gehabt habe. »Eine große Verantwortlichkeit müßte auf die beaufsichtigende Behörde fallen, wenn sie gerade das wichtigste Gebäude der Stadtkommune in seiner Unterhaltung so vernachlässigt hätte, daß nun mit einem Male keine Reparatur mehr möglich ist, und ein neues Dach aufgesetzt werden muß!« Weiter sagt er dann: »Es ist aber eine bekannte Sache, daß flache Dächer, und wenn man sie auch mit Schiefer oder Metall eindeckt, in unseren Gegenden keinen Vorteil gewähren und die Reparaturen nicht aufhören. Aber auch abgesehen von dieser Erfahrung, so ist es unbegreiflich, wie ein flaches Dach zum Stil des alten ernsten Gebäudes und seiner Umgebung passen soll! – Es kommt mir vor, als wenn man einem geharnischten Ritter ein Käppi aufsetzen wollte.« Er schlägt dann vor, das Gutachten eines »unparteiischen renommierten auswärtigen Baumeisters« einzuholen, »denn die Leistungen des neuen Herrn Stadtbaumeisters, denen ich übrigens nicht zu nahe treten will, sind hier doch zu unbekannt und die Deputationsmitglieder des Stadtrates und der Stadtverordneten sind keine Sachverständigen von Profession, um sich auf dieses Urteil hin einseitig und beifällig bestimmen zu lassen.«

»Vielleicht wären die vorgenannten auswärtigen Baumeister weniger baulustig gewesen und hätten uns einen Rat gegeben, wie wir unser altes, dem tiefen Gebäude angemessenes Rathausdach noch einmal tüchtig zusammenflicken könnten.« »Und hätten nun auch diese auswärtigen Baumeister einen Neubau des Rathausdaches jetzt als unabweisbar erkannt, dann würden sie sicher nicht vorgeschlagen haben, das alte ehrwürdige wenn auch architektonisch gerade nicht ausgezeichnete Gebäude durch ein modernes flaches zu dem Stil desselben schlecht passendes Dach zu verunstalten. Alle Gebäude des Marktes sind zwei- und dreistöckig und mit hohen Ziegeldächern versehen, es müßte also schon des Gesamteindruckes wegen ein flaches Dach auf dem nur einstöckigen Rathause als eine Kuriosität im großen Maßstabe erscheinen.«

Klingen diese letzteren Ausführungen nicht, als wären sie aus einem Gutachten des Heimatschutzes in neuester Zeit entnommen? Heuchler sieht, seiner Zeit vorauseilend, nicht nur das einzelne Bauwerk als Individuum und losgelöst von der Umgebung, sondern als ein Glied des großen Ganzen, er sieht und beurteilt den Wert des Einzelbauwerkes im Zusammenhange mit der Umgebung, mit dem Platzbilde, mit dem Stadtbilde.

Doch für derartige Anschauungen war seine Zeit noch nicht reif! Auch heute über sechzig Jahre später ist diese Anschauung noch keineswegs Allgemeingut geworden. Jeder, der in der Heimatschutzbewegung und Bauberatung tätig ist, kennt die Kämpfe, die aus diesem Widerstreit erwachsen.

Auch hier lehnt der Rat kühl die Vorschläge ab, da man sich von der Einholung eines »Supergutachtens« »einen andern Erfolg als den, welchen das Gutachten des Herrn Stadtbaumeisters Weber bereits gehabt hat, nicht zu versprechen vermag«, es solle vielmehr nun »unverzüglich« mit dem Bau vorgegangen werden. –

Und so geschah es! –

Doch unser wackerer Heuchler forcht sich nit und ließ sich nicht entmutigen im Kampfe für das Rathaus gegen die hohen Herren im Rathause.

Unter dem 14. Juni 1857 richtet er unter Beifügung von Zeichnungen (vgl. Abb. 1) eine Eingabe an die Königliche Hohe Kreisdirektion zu Dresden. Er bittet einen höheren Sachverständigen zur Untersuchung zu entsenden, da das Abtragen des Daches bereits begonnen habe, um die Stadt Freiberg »vor Verunstaltung ihres Rathauses und Marktes« zu schützen.