Der Wanderer schreitet hinüber, fühlt sich von unsichtbaren Fäden gezogen, empfindet so recht die lang entbehrten, altbekannten idyllischen Winkel. Der Ursprung wölbt sich sanft hinan und bereitet doch so prächtigen Blick nach allen Seiten. Waldreich ziehen sich die beiden Markhausen Täler hinab. Drüben nordwärts schimmern ab und zu die weißen Grenzsteine am Hang und lassen den reizenden Waldpfad gen Klingenthal ahnen. Im Osten wallt noch der Nebel, im Westen aber blinken die Häuser von Ursprung und Kirchberg im Sonnenschein und hält das Felsenriff des Hohen Steins Wacht. Weiter südwärts wendet sich der Wanderer, kreuz und quer durch Wald und Feld, naht sich dem Schönauer Berg. Nun wird auch die Ferne nebelfrei, immer deutlicher entschleiert sich das schöne Berggebiet. Tief unten dehnt sich der Leibtschgrund und südwärts im Osten türmen schwarzhäuptige Bergriesen eine wuchtige Horizontlinie auf. Liebe alte Bekannte sind es, Kiel, Aschberg, Rammelsberg, Grünberg, Eibenberg, Hausberg, Glasberg, Eselsberg, Plattenberg, Spitzberg, Muckenbühl, Härtelsberg und als blaue Nebelferne das gewaltige Massiv des Kaiserwaldes.

Abb. 17
Herbststürme. Altensalz, bekannt durch sein Salzlager

Abb. 18 Steinkreuz aus der Franzosenzeit am Weg von Kemnitz nach Gutenfürst (oberes Vogtland)

Abb. 19 Waldinneres aus Hermann Vogels Reich

Eine Waldblöße am sonnigen Steilhang mit dem Blick auf das dunkle Wäldermeer der Ferne ist der rechte Ort zum Rasten. Unter einer schlanken feingliedrigen Birke wird der Mittagstisch gedeckt; den Nachtisch liefert reichlich und billig der Wald. Erfrischend schmecken die so völlig ausgereiften Heidel- und Preiselbeeren. In dem Laubgold am weißen Stamm zu Häupten rauscht der Wind; so warm strahlt die Sonne. Schmeichelnd umzieht Altweibersommer das Gesicht; sommerlich lind und einschläfernd wirkt die Luft, daß der Wanderer ganz ungewollt eingeschlafen ist. Obs nur ein Viertelstündchen war? Aber plötzlich wird er wach, denn vor ihm steht ein junges Menschenkind, eine hübsche Wanderin mit schelmisch fragenden Augen. Viel Schalk sprüht daraus und ein wenig Spott über das unglaublich wirklichkeitszweifelnde Gesicht des erwachten Schläfers. Und die schöne Unbekannte hat eigentlich gar keinen Anlaß zum Spotten, hat sich im Wald verlaufen, weiß weder Weg noch Steg, und heischt Auskunft über Woher und Wohin. Nun, einer Dame den Weg zu zeigen, und dazu noch einer jungen, hübschen, fällt einem rechten Wanderer niemals schwer. Und die Aussicht, als Begleiter von so viel jugendfrischer Anmut nach dem Grenzstädtchen Klingenthal wandern zu sollen, kann auch den einsamen Wanderer von noch so gut ausgearbeiteten Wanderungen ablenken. Gar bald schwindet der Spott aus den hübschen Augen und macht viel Freude Platz über das von blendender Lichtfülle überstrahlte herrlich-schöne Landschaftsbild. Dankbar wird die Erklärung all der unzähligen Namen hingenommen und freudig werden Anstrengungen der Durchquerung tief eingeschnittener Seitentäler der Zwodau überwunden. Wenn es auch keine Kleinigkeit ist, bei sengenden Sonnenstrahlen vierhundert Meter tiefe, dachschräge Steilhänge hinabzuklettern, um sie drüben wieder emporzuklimmen, so ist es doch eine gute Kraftprobe und nötig, um auf geradem Weg noch rechtzeitig den letzten Zug von Klingenthal zu erreichen.

Abb. 20 Herbstsonne. Gutenfürst (oberes Vogtland)