Hier sprich auch Du: Wie heilig ist doch diese Stätte

Und, daß der Friede Gottes Dir auch werde: Bete!

Wohl selten gibt es wieder eine Stätte in unserm Vaterlande, an der stimmungsvolle, schlichte landschaftliche Schönheit, stiller Gottesfriede und uralte Sage uns so wunderbar umwehen, wie hier auf der sonnigen Höhe, wo einst das Kirchlein »Zu den Vierzehn Nothelfern« gestanden hat. Die Bezeichnung Kapelle, die man mehrfach im Schrifttum findet, ist nicht zutreffend, wir haben es mit einer regelrechten Pfarrkirche zu tun, von der sogar noch Kirchenbücher vorhanden sind. Der von ihr in katholischer Zeit geführte Name: »Zu den Vierzehn Nothelfern« verschwand nach der Reformation; sie wurde »Kahlehöhenkirche« – im Volksmunde kurzweg »Kallikirche« – genannt. Ihre Gründungszeit liegt im Dunkel des Mittelalters verborgen; bereits im Jahre 1320 wird sie als eine »Den Vierzehn Nothelfern« geweihte Wallfahrtskirche erwähnt. Als die vierzehn Nothelfer gelten Jesus, die zwölf Apostel und der Schutzheilige des Bergbaues, St. Nikolaus; nach letzterem waren auch die alte Kirche im nahen Dippoldiswalde und die Kapelle in der Dippoldiswaldaer Heide benannt. In diesem Jahre war Nikolaus von Henkendorf Geistlicher an der Kahlehöhenkirche. Es sind noch Urkunden vorhanden, welche berichten, daß er einst auf Befehl des Papstes dem Abte von Ossegg Hilfe leisten mußte, als dieser von einigen vornehmen Schuldnern belagert und hart bedrängt wurde. Daraus ergibt sich vielleicht, daß der jeweilige Priester der Kirche zugleich weltlicher Gutsherr war, der über Land und Leute zu gebieten hatte.

Die in der Kirche aufgestellten Bilder der vierzehn Nothelfer sollen aus Silber gefertigt gewesen sein. Nach der Sage wurden sie im Siebenjährigen Kriege geraubt. Eine andere Überlieferung berichtet, sie seien aus Holz geschnitzt und versilbert gewesen. Man habe sie nach der Reformation auf dem Kirchenboden aufbewahrt, von wo sie von böhmischen Leuten entwendet und nach der Klosterkirche zu Ossegg gebracht worden seien. Nach eingezogenen Erkundigungen befinden sie sich jedoch dort nicht.

Die Kirche soll durch die von den Wallfahrern gespendeten Geschenke sehr reich geworden sein; als nach der Reformation aber die Wallfahrer ausblieben und im niederen Teile des Dorfes Reichstädt eine bequemer erreichbare evangelische Kirche erbaut wurde, vereinsamte das auf der Höhe, abseits vom Dorfe gelegene Kirchlein. Eines Tages verschwand der letzte Meßpriester unter Mitnahme des aufgehäuften Vermögens, der Heiligenbilder und der heiligen Geräte. Im Dreißigjährigen Kriege wurde die verödete Kirche völlig ausgeraubt, namentlich fiel alles Holzwerk der Plünderung zum Opfer. Im Jahre 1640 soll ein Mädchen aus Reichstädt, als es vor schwedischen Soldaten in die verlassene Kirche flüchtete und in einem Loch an der Stelle des einstigen Altars nach einem Versteck suchte, achthundertzwanzig Dukaten gefunden haben.

Später wurde die Kirche wieder für gottesdienstliche Zwecke ausgestattet; bis zu ihrem Abbruch fand alljährlich noch mehrmals Gottesdienst darin statt. Wegen eingetretener Baufälligkeit und da die Ausbesserung hohe Kosten verursacht hätte, beschloß man den Abbruch des uralten Wahrzeichens, der denn auch im Jahre 1872 vor sich ging. Um diese Zeit waren noch Reste des die Kirche umgebenden Friedhofs vorhanden.

Aus den Steinen der Kirche wurde der Tanzsaal des Gasthofes zu Sadisdorf erbaut. Die Bevölkerung sah die Verwendung des geweihten Mauerwerks für solche profane Zwecke als großen Frevel an. Bei der Einweihung des Saales fiel eine Tänzerin und brach dabei ein Bein. Später schlug der Blitz ein- oder mehrmals in den Tanzsaal ein, wobei schließlich der ganze Gasthof eingeäschert wurde. Das Volk glaubte an die Strafe des Himmels für die begangene Entweihung des Heiligtums. Ob man beim später erfolgten Wiederaufbau des Gasthofes die Steine von der alten Kahlehöhenkirche abermals mit verwendete, ist unbekannt; der Volksglaube behauptet, man habe es unterlassen, da dem Gasthof und seinen Gästen in der Folgezeit kein Unglück mehr zugestoßen sei.

Es sind nur wenige, zum Teil recht mangelhafte Bilder des uralten Kirchleins vorhanden. Die alte Sächsische Kirchengalerie versagt. Am besten dürfte die Kirche in beistehender Zeichnung wiedergegeben sein, die nach einer Abbildung in der als Fundgrube für die Heimatgeschichte wohlbekannten, handschriftlich hergestellten Zeitschrift »Bergblumen 1885« angefertigt wurde. Es wird vermutet, daß die ursprüngliche Zeichnung vom Herausgeber noch nach der Natur aufgenommen ist. Erwähnt mag noch sein, daß Auszüge aus den Kirchenbüchern der Kahlehöhenkirche im Magazin für Sächsische Geschichte vom Jahre 1787 abgedruckt sind. –

Ein sonniger Herbsttag ging zur Neige, als ich im kleinen Hain auf dem Fleckchen geweihter Erde stand, das durch Jahrhunderte das Kirchlein »Zu den vierzehn Nothelfern« getragen hat. Die letzten Sonnenstrahlen vergolden die Zinnen der Gruftkapelle, nur ein einzelnes Vogelstimmchen und das leise Rauschen der Blätter im Abendwinde unterbrechen das Schweigen, das wie ein Glorienschein auf dieser Stätte der Vergessenheit ruht. Ich weiß nicht, ob der Dichter hier gestanden hat, als er die Worte aussprach: