Auch hier, wo einst in frommer Weise
Der Andacht Lied zum Himmel drang,
Wohnt jetzt die Wehmut, herb und leise
Tönt bang ihr Lied wie Grabgesang. –
Schwerlich aber gibt es eine andere Stelle in unserer Heimat, die trefflicher dazu geeignet wäre, diesen Gedanken in uns aufkommen zu lassen, wie der geweihte Boden, auf dem ich jetzt im Abendsonnenglanze stehe.
Um Juchhöh und Windberg
Von Karl Berger, Leipzig
Aufnahmen von Georg Marschner, Dresden
I.
Die schönste Freude ist doch die Vorfreude; die reinste zumindest. Und das schönste, zarteste vom Frühling ist der Vorfrühling, scheint mir. Und die Vorfreude am Vorfrühling, das ist jene seltsame, bestrickende Wanderlust, jenes Heimweh nach Feld und Wald draußen vor der Großstadt, nach der heimatlichen Natur, die unser Mutterland ist und bleibt, – mögen wir es auch in den hastenden, unfrohen großen Städten mit ihrer lauten Lustigkeit verraten – so wie der Staat unser Vaterland ist und bleibt. Und das sind wohl die unglücklichsten Waisen, die ihr Mutterland oder ihr Vaterland oder gar beides verloren haben. Deshalb wollen wir heute einen Weg weisen, den wir 1921 an einem Sonntage, an dem vier Wochen nach Wintersonnenwende die Sonne schon so boticellihaft lichtes Hellblau und Himmelsgold allum streute, so daß hier und da schon eine Kornelkirsche vorwitzig ihre safranfarbenen kleinen Blütendolden öffnete, aus der Stadt hinausgewandert sind, und zwar gerade dort, wo weite Fabrikvorstädte ihren Bewohnern den Verlust des Mutterlandes vorzulügen suchen und damit ihnen manchmal so leicht auch das Vaterland verleiden.