Hinter Löbtau steigt der Weg westwärts über Wölfnitz rasch an nach der Hochfläche zu, auf der 1745 die Kesselsdorfer Schlacht vom alten Dessauer gegen die Sachsen gewonnen wurde, die dort die letzte Stellung vor ihrer Landeshauptstadt zu halten versuchten. In einer guten Viertelstunde liegt die Stadt schon tief unter uns. Mit den Tönen der großen Glocken der Kirchen der Altstadt elbwärts drunten im Grunde klingen die der helleren munteren Geläute von Niedergorbitz und Oberpesterwitz zusammen, indes wir an stattlichen Wirtschaftsgebäuden vorbei dem Herrenhaus von Roßthal zuschreiten.
»Glückauf« grüßt die Inschrift von dem vielleicht etwas zu monumentalen Sandsteinumbau des kunstvoll zierlichen schmiedeeisernen Rokokotores herab, das ebenso wie mehrere andere ähnliche Gittertore mit dem feinen Stilgefühl seiner Entstehungszeit so glücklich in die Achse der Zufahrtsstraßen gelegt ist. »Glückauf«, ein froher Gruß auch für den Wanderer am Morgen und eine Anspielung auf den Besitzer, den Freiherrn von Burgk, den Eigentümer der bekannten Steinkohlenschächte. Sein Wappen prangt an dem Giebel über dem einen der beiden Erker, die mit ihren kunstvollen deutschen Renaissanceformen die Front des Hauses geschickt gliedern. Die reichen Schmuckformen der Balustraden, Zinnen und zumal der säulenreichen Unterbauten erinnern ein wenig an die fröhlichen und strotzenden Formen des Heidelberger Schlosses und zeigen, wie feinfühlig der Oberlandbaumeister C. M. Haenel schon 1858/59 die Renaissanceformen wieder tatsächlich neu zu beleben wußte, die dann Jahrzehnte lang leider bald so blutleer oder so voll hohlem Pathos an Mietskasernen und Geschäftsbauten kopiert wurden.
Abb. 1 Döhlener Kohlenbecken mit Windberg
Am Haupteingange befindet sich auf einer Rokokokartusche ein Wappen mit den Initialen v. N. Es ist das Wappen des Geheimrats von Nimptsch, der 1763 Direktor der Porzellanmanufaktur geworden war, hier auf dem Gute seiner Gemahlin, einer geborenen von Haustrin, seinen Lebensabend zubrachte und 1772 eine »Poetische Beschreibung der Zufriedenheit und angenehmen Ruhe auf einem Landgut« veröffentlichte. Sie erzählt mancherlei von den bescheidenen Freuden eines derartigen Herrensitzes auf dem Lande: von Vexierspiegeln und Grotten, von dem »guten Prospekt« und von Wasserkünsten. Viel davon wurde, nachdem Roßthal schon nach der Schlacht von 1745 völlig ausgeplündert worden war, in der Schlacht bei Dresden 1813 zerstört, als Murat die Stellung der Verbündeten zwischen Döltzschen und Gorbitz, das heißt ihren linken, mit der Front nach Osten gerichteten Flügel durch eine Umgehung vom Zschonergrunde her unhaltbar machte und Roßthal so zwischen die feindlichen Feuer geriet. Jetzt erinnert natürlich nichts an den stattlichen, vorzüglich gehaltenen Baulichkeiten des Rittergutes mehr an jene Zeiten der Zerstörung. Ein Bild tiefen ländlichen Friedens ruht es, umsäumt von breitästigen Obstbäumen, so nahe dem lärmenden Plauenschen Grunde, der schon seit Menschenaltern die gleiche sanfte Lieblichkeit eingebüßt hat, die uns nur noch die alten Stiche der Pulvermühle, der Villa Kosel und mancher »pittoresken« Felspartie am Ufer der Weißeritz überliefern.
Abb. 2 »Juchhöh-Schlößchen«
Hier oben aber, abseits der Heerstraße der Industriemächte, da ist alles noch fast wie vor fünfzig oder hundert Jahren. Wie ein Motiv aus Ludwig Richters Skizzenbuche mutet die mit so bewundernswerter anspruchsloser Sicherheit der Maße und Farben am Kreuzweg errichtete Obstbude aus Fachwerk an. Und wie vornehm und trotzdem lieblich liegt drüben das gotisierende Schloß der Grafen Luckner auf Altfranken auf dem sanften Höhenzuge mit seinen vielen Pappeln und Schonungen.
Abb. 3 Denkmal des Freiherrn Dathe von Burgk in Burgk
»Ihren unvergeßlichen am 28. 6. 1897 † Wohltäter die dankbaren Bergknappen«