Unterdes sind wir langsam noch höher gestiegen. Weit liegt das Land nun um uns: nordwärts bis nach der Lößnitz reichbebauten milden Hängen, westwärts ins hügelige Bauernland um Braunsdorf und Kesselsdorf und südwärts hinab in den Grund und hinüber zu der langgestreckten Pyramide des Windberges (vgl. [Abb. 1]). Neu-Nimptsch heißt die Siedelung, an der unser Weg entlang führt. Kleine Häuschen sind es, so wie wir sie jetzt vor der Stadt wieder zu errichten bestrebt sind. Diese hier hat wohl jener Geheimrat von Nimptsch Ende des achtzehnten Jahrhunderts errichtet. Und auch sich selbst baute er an der höchsten Stelle ein Lusthaus, das »Schlössel des Barons« nennen es die Leute, eines jener feinen, kleinen Herrenhäuser ähnlich »Antons« gegenüber dem Waldschlößchen ([Abb. 2]). Der ganze Berg heißt »Jochhöhe«, aber weil er so lustig ins Land schaut, nennt das Volk ihn mit schalkhaftem, sicherem Humor einfach »die Juchhöh«. Daß es übrigens auch ernsthaftes Raten und Taten auf diesen Dörfern gibt, beweist der Anschlag des Gemeindevorstandes, wonach Rauchen und Zuspätkommen in den Gemeinderatssitzungen (Neu-Nimptsch gehört zu Roßthal) verboten ist. Wir denken bei dieser Proklamation wehmütig daran, wie unendlich weit etwa Groß-Berlin in seiner politischen Reife mit seinen Stinkbomben und Tätlichkeiten in parlamentarischen Sitzungen derartigen Hinterwäldlern voraus ist.

Und ähnliche Gedanken über Stadt und Land beschleichen uns, nun wir rasch vorwärts schreitend den Grund in Freital kreuzen mit den protzigen Kitschöldrucken und den vielen Näschereien in jedem zweiten Laden, und anderseits den unschönen Plakaten an allen Ecken.

Freilich auch jeder einzelne Landwirt sollte gerade in seinem Interesse in Sachsen ganz besonders bereit sein, die Not so weiter anderer Kreise verständnisvoll und freiwillig zu lindern, nicht durch Almosen, aber durch werktätige Hilfe, vermittelnden Takt und auch durch wirksame Warnung einzelner skrupelloser Berufsgenossen. Die Früchte werden auch dabei nicht ausbleiben. Und der Landmann weiß, daß die Früchte nicht die schlechtesten sind, die am langsamsten reifen.

II.

Nun haben wir Freital durchquert und steigen langsam auf der Südseite des Tales bergan. Am Huthause von Groß-Burgk vorbei kommen wir bald an das Schloß. Schon im Mittelalter saßen hier Herren von Burgk (Borgk, Borc; Boragh heißt Tannen- oder Fichtenhain). Im sechzehnten Jahrhundert folgte die Familie von Zentsch, im achtzehnten die Familie Seiler-Dathe; 1822 wurde deren Haupt Friedrich August als Freiherr Dathe von Burgk in den Adelsstand erhoben. Die Familie, der außerdem unter anderem noch wie erwähnt Roßthal und ferner das Schloß Schönfeld bei Großenhain gehört, ist durch den Kohlenbergbau so reich begütert. Im Orte nimmt man davon übrigens wenig wahr, da die Schächte jenseits von Höhenzügen südwestlich liegen. (Vgl. aber das Denkmal [Abb. 3].)

Das Schloß selbst ist gleichfalls ein echter ländlicher Herrensitz, dem man anmerkt, daß er organisch und bodenständig entstanden ist. Verspielte und kapriziöse Putten und Rokokoherrschaften, wohl aus Knöffels Zeit (um 1780), blicken von den Pfeilern der Parkmauer. Urnen, Bosketts, alte efeuumsponnene Bäume, deren tiefhängende Zweige einen stillen Weiher streifen, vereinen sich mit dem seltsam vielgiebligen Schlosse mit seinen charakteristisch stilisierten Kaminköpfen und einem raffiniert geschickt in all diese alte, leise, ein wenig holländische Beschaulichkeit hineinkomponierten Papagei zu einem Bilde, wie es so echt selbst – ein Monumentalfilm nicht wiederzugeben vermag.

Am Mausoleum Friedrich Augusts von Burgk auf stiller Vorhöhe und an Bergknappenhäusern, zuletzt an einem Waldwärterhause mit dem Holzbrunnen auf der Wiese unterm Berge vorbei, führt durch Buchen ([Abb. 4]) ein steiler Zickzackweg die etwa zweihundert Meter Steigung zum Windberg hinauf. Der Blick von seiner Höhe, insbesondere von dem so wuchtig und richtig in die Landschaft gestellten König-Albert-Denkmal aus, ist unerwartet mannigfach und eigenartig, besonders durch den unvermittelten Gegensatz von rein industriellen Gegenden und weitem, stillem Land, etwa über Tharandt oder nach Kipsdorf und Frauenstein zu. Den Abstieg nach Deuben nehme man aber auch am Tage nicht abseits der Wege, denn der Steilabhang nach Westen zu ist zum Teil von alten Bergwerksgängen durchzogen, die dichtes Laub manchmal völlig überdeckt. Bei Dunkelheit oder Schnee zumal würde es dem Wanderer leicht schlechter ergehen können, als Görge dem Fiedler, der im Windberge den Zwergen einst zum Tanz aufspielen mußte und dafür die ersten Kohlen erhielt, die sich ihm – wir können es so gut verstehen – in Gold verwandelten.

Abb. 4 Im Buchenwald des Windberges

Die Mittagstunde ist unterdes herangekommen. Danach wandern wir noch von Deuben über Hainsberg-Coßmannsdorf auf Pfaden, die jeder selbst sich suchen mag, auf jene friedvolle Hochfläche hinauf, auf der, wie auf einer Insel von einigen Kilometern Durchmesser, fast allenthalben von tiefeingeschnittenen Tälern umgeben, ein stilles Bauerndorf so zeitlos um sein feinbehelmtes Gotteshaus sich lagert, wie nur irgendwo in Franken oder Schwaben. Wir treten still in die Kirche mit ihrer seit zwei Jahrhunderten fast unversehrten, ganz einheitlichen Ausstattung. Nur siebzehn Pastoren hat sie in fast vierhundert Jahren gehabt. Und der kluge Totengräber, der mit viel richtigem Gefühl die alten Heiligenfiguren aus katholischer Zeit seiner Kirche aus dem lehrreichen Museum im Großen Garten zurückwünscht, hat wohl auf dem Friedhofe allein mit der eindrucksvollen dichten einen Reihe Lebensbäumen ringsum nicht allzuviel zu tun, die Toten so tief unter die Erde zu betten, wie sie sich im Leben über sie erhoben haben. Ja früher, als noch nicht Coßmannsdorf eigene Parochie war, da gab es für den Totenbettmeister mehr zu schaffen, zumal als 1869 die vierhundert Bergknappen in den Windberg zur letzten Schicht gefahren waren und so mancher von den Verunglückten im Lederwams auch hier oben in Somsdorf seine Ruhe fand.