Die alte Wanduhr hatte eben ausgeholt, die Stunde zu schlagen und zwei Augen blickten, wie erschreckt, auf ihr Zifferblatt. Ein Paar blaue, zärtliche Augen waren es, mit feuchtem Glanz und einer stummen Bitte, als wollten sie die alte Wanduhr ermahnen, sich nicht so anzustrengen und fein langsam vorzuschreiten, man merkte ja an dem Knarren und Rasseln, wie schwer es ihr wurde. – Ob sie dem alten Berthold gehörten? – Behüte der Himmel, wie könnt ihr so etwas denken! Es waren junge, kaum achtzehnjährige Augen und sie gehörten seinem Töchterlein, der Liesel, welche neben dem Tisch am Klöppelsacke saß. Sie hatte die fleißigen Hände in den Schoß gelegt und blickte verstohlen in das Halbdunkel, wo die Ofenbank stand. Nicht etwa, daß der alte Ofen so besonders merkwürdig gewesen wäre oder die alte Ofenbank etwa irgend etwas Interessantes geboten hätte, durchaus nicht. Übrigens waren das auch alte Bekannte, deren allerinnersten Herzensgeheimnisse sie schon wußte. Das war es also nicht. Aber es saß dort jemand, dem fortwährend die Pfeife ausging und der jeden Abend in notwendigen Geschäften zum alten Berthold herüberkam. Bald mußte er im Kalender etwas nachsehen, bald ein wenig Vogelfutter für den Grünitz holen, bald etwas fragen oder etwas ausrichten, er wurde gar nicht mehr fertig. Und dann setzte er sich noch ein wenig auf die Ofenbank, natürlich nur der Unterhaltung wegen und sagte kein Wort mehr. Das tat, außer dem Alten, überhaupt niemand, nur der graue Kater schnurrte gravitätisch, denn er hatte sich in die zu Boden gefallene Pelzmütze gesetzt, in deren riesigen Dimensionen es ihm außerordentlich behagte. Höchstens flüsterte noch das Rotkehlchen auf der Trockenstange am Ofen einmal vor sich hin, weil es vom Frühling träumte und vom grünen Wald. –

Also, die Uhr hatte ausgeschlagen und ächzte noch ein wenig hintennach von der Anstrengung. Ein verstohlenes Lächeln flog über das wettergebräunte Gesicht des Alten, denn in demselben Augenblicke waren zwei leise Seufzer hörbar, die das Bedauern zweier Anwesenden über den so schnell verflossenen Abend ausdrücken sollten. – Ich hoffe, ich brauche nicht erst zu erklären, daß nicht der Kater und das Rotkehlchen es waren, die auf diese Art ihren Gefühlen Luft machten.

»Du wolltst uns doch noch a Geschicht erzehln, Vater!« sprach plötzlich die Kleine und wurde feuerrot über ihre Kriegslist. Dabei klöppelte sie vor Verlegenheit so eifrig, daß der Klöppelsack diesmal dem Kater den Vorrang ablief, was musikalische Leistung anbetraf. »Aber bitt schie, kaa sette grusliche, sinst kaa m’r net eischlof’n.«

Der erzgebirgische Dialekt klang prächtig von diesen roten Lippen und das Dirnlein selber sah dabei aus wie eine Moosbeerenblüte droben vom Gebirgskamm.

»Iech denk m’r när, du kast öftersch net eischlof’n un’ denkst an Geschpenster, freilich warn se für dich net grod zum Fürchtn sei.«

Nein, es war nicht hübsch von dem Alten, daß er das gleich so frei heraussagte, und so behäbig dabei schmunzelte und die Verlegenheit der Kleinen noch ärger machte! Vom Ofen her kamen jetzt dichte Dampfwolken, als wenn frisch eingeheizt würde. Die Klöppel flogen durcheinander und ich möchte gerade nicht behaupten, daß immer jeder Schlag richtig war. Die wassergefüllte Glaskugel über dem Klöppelsacke warf ihr flimmerndes Licht auf ein Paar feine, zitternde Hände, die offenbar nicht recht wußten, was sie taten, während ein liebes Gesichtchen sich tief herabbeugte, ohne zu bedenken, wie schädlich das für die erwähnten blauen Augen sein mußte. Aber die Kleine hatte einen wackeren Bundesgenossen, der ihr zur rechten Zeit zu Hilfe kam. Der Kater hatte sich von seiner etwas ungewöhnlichen Lagerstätte erhoben. Pflichtgefühl und Tatendrang regten sich plötzlich in ihm, er stand eine Zeitlang erwartungsvoll da, jeder Zoll ein Held, dann plötzlich ein Satz, ein Schlag, ein stolzes Murren und er hatte die fetteste Maus beim Kragen, den berüchtigten Einbruchsdieb in Rotkehlchens Bauer und Liesels Küchenrevier.

»Hot mich doch de Miez do gleich of in Gedank’n gebracht,« lachte der alte Berthold, »’s is’ freilich schie a bis’l schpät, obr iech muß eich die Geschicht doch noch erzehln, wie m’r a Maus ze män Glück v’rholf’n hot.«

Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück, schmunzelte pfiffig und erzählte:

’s is’ freilich schie a hübsch paar Gahr har, do bie ich a mol vun män Schatz kumme, Gott hob se salig, un do is’ m’r ’s Harz asu schwar gewasn, daß ich net wu aus un ei wußt. Iech war dazemol a gung’s Bärsch’l un ho miech gerod asu durchgebracht in dar schlacht’n Zeit. Mei Schatz aber war ’s aanzige Kind a’gesass’ner Leit. Un wie uns dar ihr Vater aanistogs unner d’r Haustür ertappt hot, kloppet ’r mir asu ganz ruhig of de Achsel, lachet a weng un saaht: »Bartholdgust, war sich a Kuh kaaf’n will, muß erscht in Schtall hom!« Drauf ging ’r fort und iech schtand mutterseelnalaa do, denn mei Schatz war schu lang über alle Barg.

»War sich a Kuh kaaf’n will, muß erscht in Schtall hom!« Mir wollt’n die Wort net wieder aus’n Kopp un schwar ful m’rsch of’s Harz, wos f’r a armer Teifel iech war. Über dann Sinniern war ich aus’n Dorf nauskumme, immer wätter un wätter lief ich, bis in de Baarnbach naus, wu iech mich unner in Haselnußschtrauch hieleget un ze simeliern aafing. ’s war a wunnerschiener Harbsttoog. De Lärng gubeliert’n drum am Himmel, d’r Buch’wald sah fei rut und gahl aus un de liebe Sunn lachet asu freundlich, als wollt se ne Abschied vun Summer noch racht schwar mach’n. Iech soß dort’ un tat su racht wehmütig an mei Elend denk’n, an mein Vater un an mei alt’s gut’s Mutterle, die drüm of’n Gottsacker lieng, schie seit langer, langer Zeit. Wie se sich aa hatt’n plong müss’n, bis se endlich aa hiegange sei, wu m’r net wieder kimmt un endlich sei Ruh hot. Iech dacht dra, wie m’rsch aa asu gieh söllt, wie iech mich aa asu durchschlepp’n müßt, uhne Fraad, när in Armut un Harzelaad. Mir kam ’s Wasser in die Aang un ich hatt’s Gesicht in’s Moos gedrückt, dos mit sän rut’n Schpitzeln aus’n Aarzbudn vorgucket. Drum im Busch zankt’n sich de Nusser, d’r Wind fuhr durch’s treiche Laab vum Wald rüber. A klaans goldigs Kaaferle kletterte im Moos rim, sinst war alles ruhig un mir warsch, als söllt iech aa miet eischlof’n, wenn d’r Winter käm, wie das Kaaferle un jedes Pflanz’l un Kreitich, dos iech d’rnooch aa mei Ruh hätt’.