Abb. 2 Zimmermannmühle in Oberleutersdorf (Eibauer Flur) mit Wohnhaus des Windmüllers
Mit dieser Verordnung fiel auch der drückende Mühlzwang. Neue Mühlen wurden gebaut, und zwar Windmühlen. Daß einige Jahre vorher schon vereinzelt Windmühlen aufgerichtet wurden, mag seinen Grund darin haben, daß man mit Bestimmtheit auf eine Aufhebung des Mühlzwanges in nächster Zeit rechnen konnte, auch nicht alle Windmühlen in dieser Landschaft auf Zittauer Grundeigentum standen. Die Windmüller standen in keinem guten Ansehen bei dem Rat der Stadt Zittau. Wauer schreibt in seiner »Geschichte der Industriedörfer Eibau und Neueibau«: Einen auffallenden Vorsprung hatte Eibau ferner vor manchem Nachbardorfe betreffs der Windmühlen. Erst im Jahre 1803 erteilte der Rat die Erlaubnis, in Ebersbach eine Windmühle zu errichten, während Eibau bereits seit 1759 auf dem Bäckerberge und dann auf dem Röteberge und Kieferberge je eine Windmühle besaß. Als aber die letztgenannte abbrannte, zeigte der Rat deutlich, daß bei Erteilung dieser Windmühlkonzessionen nicht etwa das Bedürfnis oder der Vorteil der Dorfuntertanen entschied, sondern daß auch hierbei die Interessen der Stadt im Vordergrunde standen. Der Rat erlaubte weder 1792 noch 1795 die abgebrannte Windmühle auf dem Kieferberge wieder aufzubauen, da er selbst einmal einen derartigen Plan ausführen könne; die Windmüller verdienten überhaupt keine Begünstigung, hieß es, denn sie zahlten nur vier Thaler Zins und entrichteten auch diese geringe Abgabe nicht pünktlich, während sie andererseits den Ratsmühlen Konkurrenz machten. Erst unter dem Einfluß der Revisionskommission, welche ja auch im Mühlwesen Zittaus bedeutsame Änderungen mit sich brachte, wurde das anders: 1804 erlaubte infolgedessen der Rat wiederum, auf dem Mundgute in Eibau eine Windmühle zu errichten. Eine Anmerkung Wauers beim Windzins (4 Taler) lautet: »Hieraus erklärt es sich vielleicht, daß bei der Kriegssteuer von 1779 für die Hufe nur 1 Thaler, für einen ganzen Garten 6 Groschen, für ein Haus 1 Groschen, für eine Windmühle aber 16 Groschen gezahlt werden mußten.« Die Beerbergwindmühle zahlte auch nur 4 Taler Windzins, wie der Chronist von 1857 uns berichtete. Etwas verwunderlich lesen wir darum die Nachricht über die Erbauung der Windmühle in Spreedorf. (Weise, Nachrichten aus der Vergangenheit und Gegenwart der Gemeinde Ebersbach, II. Teil.) Dort heißt es: »Im Jahre 1803 wurde die erste hiesige Windmühle, ohnweit des Schlößchens, erbaut; auch diese wurde mit einem Wind- oder Mahlzins belegt. Wegen Erbauung einer Windmühle beim oberen Spreedorf 1842, auf Wünsches Bauerngute, wird bei dem Genehmigungsgesuch der Stadtrat zugleich gebeten, daß der Windzins möglichst niedriggestellt werde. Diese Mühle hatte zuvor in Altendorf bei Schandau gestanden. Der Mangelwerkbesitzer Büchner unternahm deren Aufbau hier.« Bemerkenswert ist die Nachricht, daß die Windmühle zuvor an einem anderen Orte gestanden hat. Die Annahme liegt nahe, daß Windmühlen in jenen Zeiten »versetzt« worden sind, sei es bedingt durch Verkauf oder ungünstige Windverhältnisse, die nach dem Erproben am ersten Standorte fühlbar wurden. Angefügt sei noch die Anmerkung Wauers betreffs der Röthemühle. »1790 ließ der Käufer des Nüfeltschen Gutes seinem Bruder einen unbrauchbaren Fleck hinten ›auf dem Berge an dem Kottmarwalde‹ unentgeltlich ab, um darauf eine Windmühle zu errichten. Der Müller hatte alljährlich folgende Abgaben zu leisten: a) an Zittau 4 Thaler gewerblichen Zins; b) ans Bauerngut 1 Thaler 8 Groschen Ackerzins, 7 Pfennig Beitrag zur Steuer und 8 Pfennige Botengeld. Meister Nüfelt und seine ›Mahlgäste‹, welche also bei ihm ihr Getreide mahlen ließen, durften dagegen den Fußsteig von der Windmühle hinten bis an die Ruppersdorfer Grenze ungehindert benutzen.« Das Wort »Mahlgäste« verrät uns, daß die Kunden mitunter »zu Gaste« blieben, also zuweilen »stundenlang« warteten, bis ihre abgelieferten Körner ihnen als Mehl zurückgegeben wurden.
Abb. 3 Zimmermannmühle in Oberleutersdorf Im Hintergrund der Kottmar
Wenn nun besonders Windmühlen gebaut wurden, so hat das seinen Grund in der Tatsache, daß die Gegend von Neugersdorf, Hetzwalde, Leutersdorf, Eibau und Kottmarsdorf arm an natürlichen triebkräftigen Gewässern ist. Der alte Chronist sagt: »An Gewässern fehlt es uns ebenso; denn wir haben hier in Altgersdorf blos 1. den Spreegraben, 2. den Mühl- und Fluthgraben, 3. den Rothen-Mühlteich, 4. den Bleichteich und 5. die Kranichpfütze. Ein Fluß, oder auch nur ein Bach, geht leider durch unsre Fluren nicht. An Gewässern ist auch Neugersdorf ziemlich arm, weshalb ja auch seine Erbauung so lange Zeit problematisch blieb, denn es hat nur zwei große und einen kleinen Teich, nebst einigen Teicheln und Dorfgraben, welche bereits bei Angabe der Spreequellen erwähnt worden sind. Daß die Dorfgraben bei Weitem noch nicht die Breite eines Baches erreichen, ist bekannt. Am wasserärmsten ist die Vorderecke und der Berg. Es sind da nur einige von den Teicheln, von denen die Gründungsschrift sagt: man solle ›wieder Gruben und ausgebohlte Wasserkasten‹ machen, um Wasser zu sammeln, weshalb namentlich am Berge leicht Wassermangel eintritt.« Die genannten stehenden Gewässer reichten oft nicht aus, um einer Wassermühle das ganze Jahr hindurch Triebkraft zu liefern, denn sie waren meist nur Sammelbehälter des Regenwassers, lagen also in Bodenmulden. In der neuen Chronik von Neugersdorf lesen wir: »Da, wo jetzt der von dem Brauereibesitzer Bundesmann erbaute Eiskeller steht und oberhalb des Röthigschen, jetzt Rotheschen Hauses, befand sich früher der obere Mühlteich. Dort stand eine Mühle mit unterschlägigem Gange. Da aber zur heißen Sommers- und zur kalten Winterszeit wenig Wasser zum Betriebe vorhanden war, ist diese sogenannte Obermühle in der Zeit von 1740 bis 1750 außer Betrieb gesetzt, der Teich zugefüllt und in Wiese verwandelt worden.« Und die »Teichel« waren angelegt, um bei Feuersgefahr Wasser zu haben oder als Viehtränke zu dienen, wie aus folgender Nachricht ersichtlich ist. »Außerdem fand sich auf der Langewiese ein Teich vor, welcher zum Tränken des Viehes benutzt wurde. Als der Rat zu Zittau im Jahre 1775 ein Geräumigt von 1 Scheffel an Gottfried Gocht verkaufen wollte, in welchem dieser Teich gelegen war, erhoben die Altgersdorfer dagegen Protest, da die Pfütze mit ihrem laufenden Wasser zum Tränken des Viehes diene, ›sie seien keine Bauern und keine Gärtner, sondern nur reine Leineweber, mithin die Milch und Butter ihr größtes Labsal sei.‹ Außerdem wird Repert. III., Kap. 1, 3 der Kranichpfütze Erwähnung getan, welche ebenfalls zum Viehtränken benutzt wurde. Es waren von 3 Seiten Dämme errichtet, von der Westseite aus wurde das Vieh hineingetrieben. Als der Teich einmal geschlemmt worden war, wurde die Benutzung desselben von Zittau verboten, später aber auf Ansuchen des Richters und Gemeindeältesten im Jahre 1819 gestattet.« Für neue Wassermühlen in Neugersdorf waren außerordentlich kostspielige Kunstteiche nötig, um dauernde Triebkraft zu erhalten, denn die vorhandenen standen bereits an den Plätzen im Gelände, die von Natur aus zur Wasserstauung günstig lagen, um den »Mühlteich«, den Lebensnerv für die Mühle, das ganze Jahr hindurch triebkräftig zu haben. Ähnlich lagen die Verhältnisse in Hetzwalde, Neueibau, Oberleutersdorf, Spreedorf und Kottmarsdorf. Den neuerrichteten Mühlen in dieser Landschaft blieb in jenen Zeiten nur der Wind als Antriebskraft übrig. In den vielen Hügeln war eine Vorbedingung für den Windmühlenbetrieb erfüllt.
[Abbildung 1] zeigt uns eine von den noch in Betrieb befindlichen Windmühlen. Es ist die Windmühle zu Hetzwalde, im Munde der Einheimischen »Hetzemühle« genannt. Eine Besonderheit trug und trägt sie an sich. Hatte sie ehedem acht Flügel, so läßt sie zur Stunde fünf Flügel vom Winde bewegen. Ihre in nächster Umgebung noch »gehende« Windmühle, die Zimmermannmühle bei Oberleutersdorf, hat gegenwärtig auch fünf Flügel, seit 1917, bis dahin deren vier. [Abb. 2] u. [3]. Vier ist die gewöhnliche Flügelzahl. Auf die Frage, warum die Flügelzahl von acht auf fünf gebracht wurde, antwortete der »Hetzemüller«, es sei unpraktisch gewesen, der Wind habe sich »darin verfangen«. Die Flügel sind aus kleinen Brettern, den Windklappen, zusammengesetzt. Unser Bild 2 zeigt, daß jeder Flügel eine schmale und eine breite Reihe Windklappen aufweist. Bei der schmalen Reihe ist jede Klappe 60 Zentimeter, bei der breiten 1 Meter 10 Zentimeter lang. Die Windklappen sind beweglich. Starker Wind öffnet die »geschlossene« Fläche. Auch vom Innern der Windmühle aus kann der Müller mit Hilfe des Regulierkastens die Windklappen so stellen, daß der Windaufprall so geschieht, wie er ihn für seine Arbeit gerade braucht. Daß mitunter der Wind der Windmühle gegenüber ein gewalttätiger Herr werden kann, beweist die Tatsache, daß er der »Hetzemühle« 1921 drei Flügel, 1922 einen Flügel und 1923 wieder einen Flügel abbrach, so daß innerhalb drei Jahren alle fünf Flügel erneuert werden mußten. Damit sich die Flügel drehen, muß der Wind immer senkrecht auf sie auftreffen, nie von links oder rechts. Um dabei den Anprall auf das »Windmühlenhaus« etwas zu mildern, ist die Flügelwand möglichst schmal und mit den Seitenwänden durch abgeschrägte Flächen verbunden (siehe [Abb. 4]).
Der Wind wechselt seine Richtung. Die Flügel müssen also so gestellt werden können, daß er sie senkrecht trifft. Aus diesem Grunde ist die ganze Windmühle drehbar. Sie ruht auf einem ungeheuer starken Balken, der senkrecht auf einem in die Erde eingelassenen Steinblock steht. Gestützt wird der Balken durch einige andere fast ebenso starke. Dies Grundgerüst heißt Bock, die Windmühle eine Bockwindmühle. [Abbildung 5] zeigt die »Hetzemühle« von hinten. Aus der Windmühle ragen zwei Balken, einer schräg, der andere wagerecht. Der wagerecht herausstehende ist mit einem zweiten, der auf einem eisernen Rad ruht, verbunden. Diese Vorrichtung nennt der Windmüller den »Sterz«. Um ihn vor schädigenden Witterungseinflüssen zu schützen, wurde er mit einem Bretterverschlag umgeben. Das Ganze macht den Eindruck eines offenen Tores, besonders wenn man sich auf unserm Bild etwas nach links gestellt denkt. Auch aus der Ferne gesehen, wundert sich so mancher Wanderer über das »offene Tor« an der Windmühle. Bei anderen Windmühlen ragt der »Sterz« nur als ein langer Balken schräg aus der Mühle heraus. Der schräg herausstehende Balken auf unserm Bild ist ein Stützbalken. Um nun die Flügel in senkrechte Stellung zum Winde zu bringen, geht der Windmüller an den »Drehwagen« (siehe [Abb. 4]). Auf einem fahrbaren Gestell steht senkrecht die Achse eines Wellrades. Oben ist die Walze durchbohrt. Durch das Loch steckt der Windmüller eine Stange, die die Speiche eines Rades darstellt. Vom »Sterz« aus führt eine eiserne Kette (auf dem [Bild 5] am eisernen Rad sichtbar) zur Walze und wickelt sich darum, wenn der Windmüller mit Hilfe der Stange sie dreht. Dann nähert sich der »Sterz« dem Drehwagen, die Windmühle wird »gedreht«, in unserm Falle rechts herum. Das Gesetz am Wellrad ausnutzend, nach dem die Kraft nur der sovielte Teil der Last zu sein braucht, wie der Halbmesser der Welle vom Halbmesser des Rades, um einer Last das Gleichgewicht zu halten, läßt er die Stange (Speiche des Rades, Halbmesser!) auf der einen Seite möglichst weit aus dem Walzenloch herausstehen. So wird es ihm möglich, die Windmühle, die mit ihrer Inneneinrichtung eine bedeutende Last darstellt, nach Bedarf zu drehen. Der Drehwagen wird an einem der vorspringenden Steine, die im Kreise um die Mühle in die Erde gelassen sind, während des Drehens verankert. Ist der »Sterz« bis ziemlich an den Drehwagen gekommen, dann wird dieser bis zum nächsten vorspringenden Steine gefahren, festgemacht, und die Arbeit des Drehens beginnt von neuem. Dies wiederholt sich solange, bis die Windmühle die gewünschte Stellung einnimmt. Da ein großer Teil der Windmühlenlast auf dem Sterz ruht, so drückt das eiserne Rad erheblich auf den Erdboden. Um ein Eindrücken in denselben zu verhindern, was ja ein Neigen der Windmühle zur Folge hätte, läuft das Rad auf Steinfließen, die einige Zentimeter breiter als das Rad sind und einen Steinkreis um die Mühle bilden.
Abb. 4 Hetzemühle von der Flügelseite gesehen. Müller am Drehwagen