Abb. 11 Alte Faktorei des Zwitterstocks
(aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von Weicker und Wiese)
Die zweite Blütezeit Graupens fällt in die letzten Jahrzehnte des sechzehnten Jahrhunderts, als die Stadt sich 1584 von jeglicher Grundherrschaft losgekauft hatte und zur kaiserlichen freien Bergstadt emporgestiegen war. Der würdelose Kaiser Matthias stieß sie leichtfertig von dieser Höhe wieder herunter, indem er sie an den Grafen Sternberg verschenkte (1616). Danach vernichteten tyrannische Bedrückung und die Leiden des Dreißigjährigen Krieges in Graupen allen Wohlstand und beeinträchtigten auch den Bergbau. Trotzdem lieferten die Gruben noch länger als zwei Jahrhunderte das feine Zinn, aus dem die anmutigen Formen des egerländischen Zinngeschirrs gegossen und ziseliert wurden: die Innungshumpen, Bierkannen, Rosenteller, denen man in den Museen der nordböhmischen Städte so gern begegnet. Von 1728 bis 1734 wurden in Graupen sechshundertzweiundneunzigeinhalber Zentner Zinn gewonnen. Der gesamte Reingewinn dieser sieben Jahre für die Gewerkschaft betrug zweitausendvierhundertachtundsechzig Gulden, während Graf Clary als Grundherr zweitausendachthundertzweiundzwanzig Gulden an Zehnten und dann nochmals vom Reingewinn achthunderteinundsiebzig Gulden erhielt. Von 1795 bis 1856 wurden in Graupen neunzehntausenddreihundertfünfundsiebzig Zentner Zinn, also jährlich im Durchschnitt nur dreihundert Zentner erzeugt. Drum kamen dort außer den üblichen Handwerkerinnungen auch solche auf, die einen Ersatz für den verfallenden Bergbau bieten sollten, so 1752 die Innung der Strumpfwirker und seit 1807 die »Leinen- und Kattunweberei«. Der Stolz der Stadt blieb außer der stattlichen Pfarrkirche und dem hölzernen fünfhundertjährigen, von Bergzimmerlingen zusammengefügten Glockenturm ([Abb. 14]) die lange Zeile ihrer alten Patrizierhäuser in der Hauptstraße. Aber der große Brand vom 5. August 1904 legte sie in Asche. Glücklicherweise sind wenigstens einige von ihnen übriggeblieben, die uns einen Begriff von dem alten Graupen zu erwecken vermögen. Breitbeinig stehen sie da, mit dem Rücken an die Felswand gelehnt. Über dem zweistöckigen massiven Unterbau erheben sich unter dem weit herabreichenden Schindeldach drei bis vier kunstvoll angeordnete Bodengeschosse, das mittelste zeigt eine große Luke mit dem Windekran, durch den außer dem Wiesenheu auch die Kaufmannsgüter hinaufgezogen wurden ([Abb. 15] u. [16]).
Abb. 12 Alte Schmelzhütte am Schwarzwasser (zwischen Altenberg und Geising)
(aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von Weicker und Wiese)
(Aufnahme von Walter Möbius, Dresden)
Abb. 13 Altes Haus in Graupen
Über dem Geschichtlichen und Wirtschaftlichen darf bei Graupen die reine Mitgift der Natur nicht vergessen werden, die Landschaft, in die es hineingestellt ist. Sie ist von besonderem Reiz. Denn die Graupener Schlucht ist in erster Linie das Ergebnis eines gewaltigen Einsturzes, bei dem rechts und links von der stehengebliebenen Kuppe des Mückenberges weit größere Teile einer Porphyrplatte abbrachen und donnernd in die Tiefe stürzten, so daß ihre grün überwucherten Trümmer heute die Graupener Schlucht wie mit einem schirmenden Mantel umgeben. So zeigt die Schlucht, der mittäglichen Sonne voll geöffnet, aber vor den rauhen Nord- und Ostwinden geschützt, in ihrer unteren Hälfte ein fast südliches Wachstum: in den Gärten blühen die feinsten Rosen, gedeihen alle Sorten von Edelobst. Wer eben noch auf der Höhe des Mückenberges die zerzausten Wetterfichten im rauhen Winde stöhnen hörte, der freut sich beim Niederstiege nach Graupen der linden Luft, die sich ihm entgegendrängt, der traubenschweren Weinrebe, die sich ans Hausgemäuer schmiegt und der majestätischen Walnußbäume, die rings um die malerischen Ruinen der Rosenburg aufragen. Diese Trümmer erzählen aber auch eine eindringliche Geschichte von schwerer Not und bitterm Leid, das die deutsche Bevölkerung der alten Bergstadt getragen und im treuen Verein mit den deutschen Brüdern, die vom Gebirgswall helfend niederstiegen, abgewendet hat …