Die erste Nachricht, die wir von der Pfaueninsel haben, ist, daß der Große Kurfürst ein Kaninchengehege auf ihr errichten ließ. Später, im Jahre 1685, machte er den »Kaninchenwerder« dem Alchimisten Kunckel zum Geschenk. Kunckel war gerade aus kursächsischen Diensten mit den bekannten Worten: »Kann Kunckel Gold machen, so bedarf er kein Geld; kann er solches nicht machen, warum sollte man ihm Geld geben?« entlassen worden, als ihm von Friedrich Wilhelm auf der Insel ein neues Laboratorium errichtet wurde. Diese Anlagen standen dicht am nordöstlichen Ufer. Es war aber nicht mehr der Stein der Weisen, den Kunckel hier zu finden hoffte; aus rotem Rubinglas, damals noch einem sehr wertvollen Schatz, sollten Kristallgläser für die kurfürstlichen Kellereien hergestellt werden. Niemand außer dem Kurfürsten durfte die Insel betreten, und es war Vorsorge getroffen, daß auch der große Alchimist und seine Gehilfen nicht ans Land zu gehen brauchten. Es wurde ihnen gestattet, frei zu brauen, zu backen und Branntwein zu brennen, sogar eine Mühle wurde ihnen auf dem Kaninchenwerder errichtet. Da Kunckel seinem neuen Herrn nie versprochen hatte, Gold zu machen, sondern im wesentlichen beauftragt war, Gläser herzustellen, so blieb sein Verhältnis zum Großen Kurfürsten ungetrübt. Die wissenschaftlichen Erfolge seiner kostspieligen Tätigkeit sind nur gering, und 1688 verließ er die Insel wieder, um in schwedische Dienste zu treten. Er ist also nur drei Jahre auf dem Werder geblieben.

Abb. 2 Das Schloß an der Westspitze der Pfaueninsel

Ein volles Jahrhundert blieb jetzt die Insel unbeachtet liegen im Schutze ihres ausgedehnten Schilfgürtels, der damals noch viel breiter war als heute. Dieses fast undurchdringliche Röhricht mit seinen Scharen von Wasserhühnern und Enten lockte Ende des achtzehnten Jahrhunderts Friedrich Wilhelm II., der ein leidenschaftlicher Jagdliebhaber war, herbei. Dabei mag er auch die Insel selbst betreten und so die Bekanntschaft mit diesem schönen Fleck Erde gemacht haben; sicher ist, daß er in seinen späteren Jahren häufig mit den Damen des Hofes von Potsdam herübergekommen ist. Unter den reich mit Gold gestickten orientalischen Zelten, die ihm von einem türkischen Fürsten zum Geschenk gemacht worden waren, hat es damals oft genug frohe Feste auf dem einsamen Kaninchenwerder gegeben. In diesen Jahren gewann die Gräfin von Lichtenau (Frau Rietz) einen großen Einfluß auf die Ausgestaltung der Insel. Der Plan zu dem Schlößchen, das sich an der Westspitze erhebt, wird ihr zugeschrieben. Es ist eine künstliche Ruine mit zwei Türmen, die oben durch eine eiserne Brücke miteinander verbunden sind. Auf einer Reise nach Italien soll die Gräfin ein derartiges verfallenes Schloß gesehen haben. Noch ehe der Bau beendet war, starb Friedrich Wilhelm II. Sein Nachfolger führte den Plan zu Ende.

Abb. 3 Pfaueninsel: Alte Zirbelkiefer (Pinus cembra) beim Schloß

Nach den Stürmen der französischen Herrschaft verweilte Friedrich Wilhelm III. gern und häufig auf der Insel. Er kaufte sie vom Potsdamer Waisenhaus, in dessen Besitz sie inzwischen gekommen war, und scheute auch sonst keine Kosten, um ihre Schönheit zu vermehren. 1821 kaufte er in Berlin eine gewaltige, aus dreitausend Stöcken bestehende Rosensammlung aus dem Nachlaß des Dr. Böhm, die in mehreren Zillen nach der Insel verfrachtet wurde. Sieben Jahre später, 1828, legte er dort eine Menagerie an; gleichzeitig ließ er eine Anzahl Pfauen auf die Insel bringen. Von jetzt ab bürgerte sich der Name Pfaueninsel ein, der die alte Bezeichnung Kaninchenwerder bald verdrängte. Zu den Pfauen kamen Fasanen und andere fremdländische Hühnervögel. Die Menagerie enthielt Bären, Löwen, Alligatoren sowie Schafe und Ziegen aus Asien. Dem großen Gartenkünstler Lenné, dem die Gegend auch sonst noch viel verdankt, gebührt das Verdienst, die Anlagen um die Käfige herum den Lebensgewohnheiten und der Heimat der Tiere angepaßt zu haben. Auch die Gegend in unmittelbarer Nachbarschaft des Schlosses wurde von Lenné in einen Park nach englischem Muster umgewandelt. In Paris wurde die Foulchironsche Palmensammlung gekauft und ebenfalls auf die Insel geschafft. Schadow errichtete dazu im Jahre 1830 ein geschmackvolles Palmenhaus, das auf indischen Säulen ruhte. Damals ließ Friedrich Wilhelm III. auch zum Gedächtnis an die früh verstorbene Königin Luise eine schlichte Säulenhalle in dem östlichen Teil der Insel erbauen. An die frohen Stunden, die der Hof hier verlebte, erinnert noch heute die russische Rutschbahn unweit des Schlosses. Die Pfaueninsel war auf der Höhe ihres Rufs. Mit Recht konnte Kopisch schreiben: »Eine Fahrt nach der Pfaueninsel galt den Berlinern als das schönste Familienfest des Jahres, und die Jugend fühlte sich überaus glücklich, die munteren Sprünge der Affen, die drollige Plumpheit der Bären, das seltsame Hüpfen der Känguruhs hier zu sehen. Die tropischen Gewächse wurden mit manchem Ach! des Entzückens bewundert. Man träumte, in Indien zu sein, und sah mit einer Mischung von Lust und Grauen die südliche Tierwelt, Alligatoren und Schlangen, ja das wunderbare Chamäleon, das opalisierend oft alle Farben der blühenden Umgebung wieder zu spiegeln schien.«

Abb. 4 Pfaueninsel: Allium paradoxum an der Fährstelle

Mit dem Jahre 1840, dem Todesjahr Friedrich Wilhelms III., verblaßte der Ruhm der Pfaueninsel. Die Menagerie kam nach Berlin, wo sie den Grundstock des neuen Berliner Zoologischen Gartens bildete, und die kostbare Rosensammlung wurde nach Sanssouci gebracht. So verlor die Pfaueninsel ihre damals wichtigsten Anziehungspunkte. Aus der weiteren Geschichte der Insel ist zu berichten, daß der Prinz von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I., in den unruhigen Märztagen 1848 einige Zeit auf der Insel zubrachte. Erwähnenswert ist ferner die Vorführung, die die große französische Tragödin Rachel am 15. Juli 1852 vor Friedrich Wilhelm IV. und Nikolaus gab. Es war eine Szene aus Athalie. Ein kleines Standbild der Rachel erinnert noch heute an dieses Ereignis. 1880 brannte das Palmenhaus bis auf die Grundmauern ab. Aber die herrlichen Parkanlagen blieben unversehrt und erfuhren dauernde Fürsorge; und auch die letzten Reste der urwüchsigen Natur der Insel sind erhalten und jetzt vor rücksichtsloser Ausbeutung und Zerstörung gesichert.