Welch ungeheurer Reichtum vor allem an niederen Tieren sich noch heutigentags auf der Insel findet, ist durch die Untersuchungen des Zoologen Dr. Stichel bekannt geworden. Er hat gezeigt, daß die Pfaueninsel eine ganze Anzahl von Tieren aufzuweisen hat, die sonst in der Mark Brandenburg nur vereinzelt oder selten beobachtet worden sind. Nicht weniger als hundertzwanzig Wanzenarten hat er auf der Insel feststellen können. Die übrigen Gruppen der Insekten sind ähnlich, wenn auch nicht ganz so zahlreich vertreten. Die Ringelnatter, die bei Berlin wegen der unsinnigen Verfolgungen, die sie zu erleiden hat, schon äußerst selten geworden und daher kürzlich unter Schutz gestellt worden ist, wird auf der Insel noch regelmäßig angetroffen. Mannigfaltig ist auch die Vogelwelt der Insel, die besonders Dr. Helfer beobachtet hat. Von den Singvögeln seien erwähnt: Nachtigall, Haus- und Gartenrotschwanz, Schwarz- und Singdrossel, Zaunkönig, Drossel-, Teich-, Sumpf- und Schilfrohrsänger, fünf Meisenarten, Kleiber, Hausbaumläufer, Mönchsgrasmücke, Buch- und Grünfink, Rohrammer, Haussperling, Kernbeißer, Star, Dohle, Nebel- und Saatkrähe, Rauchschwalbe, Trauer- und Grauer Fliegenfänger, ferner Grünspecht, Großer Buntspecht, Pirol, Eichelhäher, Rotrückiger Würger und Kuckuck. Die Raubvögel sind vertreten durch Turmfalk, Mäusebussard, Schwarzen und Roten Milan. Auf dem Wasser und zwischen dem Schilf tummeln sich Bläßhuhn, Haubentaucher, Tafelente, Schellente, Stockente, Kleine Rohrdommel und Lachmöwe; früher kamen dazu auch der Höckerschwan (halbwild auf der Havel gehalten) und der Gänsesäger.

Abb. 5 Pfaueninsel: Lerchensporn (Corydallis cava)

Selbst die Kleinlebewelt der Havel ist reich an Arten wie an Individuen, was in der zum Teil sehr geringen Strömungsgeschwindigkeit der Havel sowie in der Zufuhr mineralisierter Abwässer (von Berlin) begründet ist. Das reiche Plankton kommt wieder anderen Tieren zugute; Moostierchen und Süßwasserschwämme wachsen hier zu so großen Kolonien heran, wie sie bei Berlin selten gefunden werden. Die Untersuchung Dr. Stichels ist es auch gewesen, die den ersten Anstoß zur Schaffung dieses Naturschutzgebietes gegeben hat. Die Ergebnisse veranlaßten vor fast zwei Jahren eine Reihe von Hochschullehrern, bei der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen den Schutz des Gebietes anzuregen. Der auffallende Reichtum an Arten wird in erster Linie durch die große Zahl der Biocönosen (Lebensgemeinschaften) verursacht, die sich bei der großen Verschiedenheit der Entwicklungsbedingungen herausgebildet haben. Man braucht nur daran zu denken, daß die Insel stellenweise bis mehr als zwanzig Meter über die Havel herausragt, daß sie sowohl steile, stark besonnte Abhänge wie schattigen Laubwald und helle, trockene Wiesen hat, um eine Vorstellung von der Mannigfaltigkeit der Lebensbedingungen zu bekommen.

Diese Mannigfaltigkeit spricht sich auch in der natürlichen Pflanzenwelt aus, doch sei hier zunächst auf die angepflanzten Gehölze eingegangen. Es ist ganz erstaunlich, welche Fülle von wertvollen und zum Teil äußerst seltenen Bäumen und Sträuchern als Ziergehölze auf die Insel verpflanzt worden ist. Leider verbietet es der Raum, sie alle in einer langen Liste mit Namen anzuführen, und so mögen nur die wichtigsten von ihnen genannt sein. Erwähnenswert ist vor allen Dingen eine ganz prächtige, alte Zirbelkiefer (Pinus cembra), die schon von weitem durch ihre volle, dunkelgrüne Krone auffällt, und die wohl die schönste ihrer Art im norddeutschen Flachland ist. Sie steht allein auf einer weiten Rasenfläche und hat sich deshalb nach allen Seiten hin regelmäßig entwickeln können. Eine entfernte Verwandte von ihr, die Weymouthskiefer (Pinus strobus), erreicht eine ähnliche Größe. Dicht dabei stehen riesige Exemplare vom Mammutbaum (Sequoia gigantea), von der Zeder und von Ginkgo biloba. Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch einige Eiben, die zu Hecken zurecht geschnitten sind, und die zusammen mit über mannshohen Büschen vom Buchsbaum auf den weiten Grasflächen stehen. Von den Laubbäumen des Parks verdienen Tulpenbäume (Liriodendron tulipifera) und die Flügelnuß (Pterocarya) besondere Beachtung. Ein weiterer Zierstrauch, Ptelea trifoliata, der in Nordamerika heimisch ist, verwildert sogar und breitet sich von Jahr zu Jahr mehr aus.

Unter diesen oft von weither geholten Bäumen breitet sich besonders im Frühjahr ein dichter Blütenteppich aus. In günstigen Jahren erscheinen schon im Februar die weißen Becher des großen Schneeglöckchens (Leucojum vernum), hierauf kommen die weißen und lila Blüten des Lerchensporns (Corydallis cava), die wieder von der weißen und der gelben Anemone (Anemone nemorosa und A. ranunculoides) abgelöst werden. Dann ist auch für Allium paradoxum die rechte Zeit. Dieser Lauch, der in den Kaukasusländern und in Sibirien wild vorkommt, hat sich am Südufer der Insel, wohin er verpflanzt worden ist, ganz erstaunlich vermehrt, so daß er sich an heißen Tagen durch seinen Geruch recht unangenehm bemerkbar macht. Seine Blüten sind oft sehr verkümmert und zurückgebildet, dafür kommt es aber in den Blütenständen zu einer reichlichen Ausbildung von Brutzwiebeln, durch die sich die Pflanze auf vegetativem Wege vermehrt. Sie rollen die Abhänge hinunter ins Wasser und verbreiten so, da sie schwimmen können, den Lauch weit die Havel abwärts. Andere Pflanzen, die einem beim Rundgang durch den Park auffallen, sind Milchstern (Ornithogalum umbellatum und nutans), Haselwurz (Asarum europaeum), Wintergrün (Vinca minor), Salomonssiegel (Polygonatum multiflorum) und Türkenbund (Lilium martagon). Diese Arten sind zwar sämtlich angepflanzt, sie erhalten sich aber jetzt in einem halbwilden Zustand und sind völlig eingebürgert. Hierher gehört auch die kleine Selaginella apus auf einem Beet unmittelbar hinter dem Fährhause, ein zierliches, unscheinbares Pflänzchen mit niederliegendem Stengel, das in Nordamerika einheimisch ist. Mit Vinca minor zusammen überzieht der Efeu (Hedera helix) große Strecken des Bodens, stellenweise klettert er auch an den Baumstämmen empor.

Trotz aller dieser Anpflanzungen hat ein großer Teil der Pfaueninsel, die ganze östliche Hälfte, noch viel von seinem ursprünglichen Charakter aufzuweisen. Hier bilden besonders die großen, gewaltigen Eichen den schönsten Schmuck des Naturschutzgebietes, schon von weitem erkennt man sie, wenn man sich der Insel nähert. Sie gehören zu den prächtigsten der Berliner Umgebung und haben sicher sämtlich ein Alter von mehreren hundert Jahren erreicht. Ja, die mächtigste von ihnen, die Königs-Eiche, ist sogar auf eintausend Jahre geschätzt worden. Am Ostufer breiten sich sonnige und trockene Wiesen aus, die die natürliche Vegetation derartiger Standorte gut bewahrt haben. Frühlingssegge (Carex verna), Heinsimse (Luzula pilosa), gelbe Fingerkräuter (Potentilla rubens und P. Tabernaemontani), der knollige Steinbrech (Saxifraga granulata) und das kleine Hungerblümchen (Erophila verna) zeigen ihre Blüten im Frühjahr, später werden sie durch die klebrige Pechnelke (Viscaria viscosa) und einen Ehrenpreis (Veronica prostrata) verdrängt.

An feuchteren Stellen, nach dem Ufer hin, wechselt die Flora erheblich, doch zeigt diese Zone kaum etwas Bemerkenswertes. Sie wird beherrscht von der Sumpfdotterblume (Caltha palustris), dem Wiesenschaumkraut (Cardamine pratensis), dem Baldrian (Valeriana dioica) und den leuchtend lila-purpurnen Blüten vom Knabenkraut (Orchis latifolia). Noch mehr nach dem Wasser zu wird die Pflanzenwelt wieder artenreicher. Zwischen den Schilfbeständen kommt der große Hahnenfuß (Ranunculus lingua), die Brunnenkresse (Nasturtium amphibium), Schwarzwurz (Symphytum officinale) und anders vor. Hier sind auch an mehreren Stellen die schwimmenden, fast kreisrunden Blätter und gelben Blüten einer sonst recht seltenen Pflanze zu finden: der Seekanne (Limnanthemum nymphaeoides).

Wie aus dem Gesagten hervorgeht, ist es aus ästhetischen Gründen wie auch für die wissenschaftliche Forschung und den Unterricht von hohem Wert, daß die Pfaueninsel mit ihren Schätzen unangetastet erhalten wird.

Naturschutzgebiet Pfaueninsel