Abb. 2 Baumallee zum Schloß Großhennersdorf bei Herrnhut
Auch die sächsische Lausitz kann ein altes Schloß aufweisen, das schwer bedroht in seinem Bestand erscheint. Wer von Herrnhut kommend, die große Staatsstraße nach Zittau zu entlang wandert, dem wird ein Stündchen hinter Herrnhut eine reizvolle Baumallee auffallen, die zur Linken hinüber zum Dorfe Großhennersdorf führt. Verlockt ihn der dunkle Laubengang der seltsam verschlungenen Bäume ([Abb. 2]) zum Abschweifen vom Wege, so kommt er bald beim alten, stattlichen Kretscham des Dorfes an, wird aber zunächst vergeblich um sich schauen, was eigentlich das Hauptziel der stolzen Baumpromenade gewesen sein mag. Schließlich wird er, nach einigem hin und her, auf ein altes Wasserschloß stoßen, daß unter Bäumen versteckt, umgeben von ausgetrockneten Wassergräben, umzogen von einer verfallenen Brüstungsmauer stumm und verlassen dahinträumt. Der Stumpf eines verwitterten Turmes, dessen dereinstige, lustige Barockkugelhaube den Stürmen seit langem zum Opfer fiel, bewacht den einzigen Zugang, den wir über eine alte Steinbrücke hinweg erreichen ([Abb. 3]).
Abb. 3 Schloß Großhennersdorf bei Herrnhut Turmpartie
Hier öffnet sich sofort ein reizvoll malerischer Durchblick in den rechteckig umgrenzten kleinen Schloßhof, den an zwei Seiten Rundbogenhallen umrahmen und den einige sonnendurchleuchtete, herbstlich bunte Bäume beschatten ([Abb. 4]). Das Gesamtbild wird ursprünglich viel bewegter gewesen sein, als noch die oberen Galerien in Fachwerkbögen sich ebenfalls nach dem Hofe zu öffneten und Einblick in die Verbindungskorridore gestatteten, von denen aus auch die Festsäle des Obergeschosses zugänglich waren. Es sind deren zwei, die nebeneinander liegen und durch zwei Geschosse hindurchreichen. Heute sind sie ihrer Decken beraubt und anstatt auf barocke Deckengemälde in verschnörkelter Stuckfassung blickt das Auge in das offen zutage liegende Gerippe des mächtigen Dachstuhles. Der sechsfenstrige Ecksaal mit seinen beiden Erkerausbauten bietet noch immer wunderschöne Fernblicke auf das Lausitzer Land, und wir hören gerne, wie der alte Führer berichtet, daß der junge Graf von Zinzendorf hier als Kind gespielt habe, betreut von der Frau Großmutter, der alten Exzellenz von Gersdorf. Hier hat er auch mit seiner jungen Gattin im Jahre 1722 geweilt, als er die ersten böhmischen Ansiedler auf seinem Grund und Boden am Hutberge, dem späteren Herrnhut besuchte. Hier haben auch vom 29. Juli bis 10. August 1748 die Sitzungen der vom Landesherren ernannten Kommission stattgefunden, die zu prüfen hatte, »ob die Lehre der Evangelischen Brüdergemeinden für übereinstimmend mit der Augsburger Konfession zu halten sei.«
Abb. 4 Schloß Großhennersdorf bei Herrnhut Hofansicht
Rund um den kleinen Hof ziehen sich die gewölbten Wirtschaftsräume, die alten Ställe und Keller im Erdgeschoß, die großen und kleinen Kammern der Obergeschosse, nicht alle zu gleicher Zeit, sondern nach Bedürfnis nach und nach im sechzehnten bis achtzehnten Jahrhundert entstanden. Barock umrahmte, einfache Stuckdecken und Stuckkamine, Reste gemalter Tapeten sind alles, was von der Innenausstattung erhalten ist. Noch besteht eine reizvolle alte Wendeltreppe in einer Hofecke, noch ist die breitere Haupttreppe von der Eingangshalle beim Turme her begehbar ([Abb. 5] Grundriß des Obergeschosses), aber nur wenige von den Räumen sind noch in wohnlichem Zustand und ein Zug des Verfalls geht durch das ganze Schloß.
Abb. 5 Schloß Großhennersdorf bei Herrnhut Grundriß des Obergeschosses