Von den einunddreißig für Deutschland nachgewiesenen Kriechtier- und Lurcharten gehören dreiundzwanzig, also über zwei Drittel, auch der sächsischen Tierwelt an. Es sind dies von den Kriechtieren die Zaun- und die Berg-(oder Wald-)eidechse, die Blindschleiche, die Ringel- und die Glatte (oder Hasel-)Natter sowie die giftige Kreuzotter als in Sachsen ziemlich weitverbreitete Arten. Ihnen reihen sich noch die Würfelnatter als eine dem Süden angehörende, in Sachsen bei Meißen nachgewiesene, entweder verschleppte oder längs der Elbe aus Böhmen eingewanderte Art und die verschiedentlich (so in der Leipziger Gegend, bei Rochlitz und an der Elbe) gefundene Sumpfschildkröte an. Das Vorkommen der letzteren ist noch recht umstritten; die Mehrzahl der Tierkundigen führt es auf Aussetzungen zurück und vertritt damit eine Anschauung, die ich persönlich jedoch nicht für alle gemeldeten Funde teilen kann und worüber ich mich ausführlicher bereits an anderer Stelle ausgelassen habe[2]. Die Lurche sind in Sachsen durch den Wasser- und den größeren Seefrosch, den man früher nur als eine Varietät des ersteren ansah, heute aber wohl allgemein als eine eigene Art anerkennt, den Gras- und den Moorfrosch, die Erd-, die Grüne (oder Wechsel-) und die Kreuzkröte, den Laubfrosch, die Rotbauch- und die seltene, nur lokal vorkommende Gelbbauchunke (ein Nachprüfen des Vorkommens ist dringend erwünscht!), die Knoblauchskröte, den Feuersalamander, den Kamm-, den Berg- und den Teichmolch vertreten. Von den übrigen deutschen Arten fehlen unserem Sachsenlande die in Süd- und Westdeutschland vorkommende und wohl aus dem Süden eingewanderte Mauereidechse, die ebenfalls dem Süden entstammende, an einigen wenigen Orten nur beobachtete Smaragdeidechse, die bei Schlangenbad im Taunus und bei Schlitz in Oberhessen sowie noch an einigen anderen Orten sich findende Äskulapnatter, die wiederum ein Tier des Südens und als solches entweder bei uns eingewandert oder nach einer anderen Lesart durch die Römer eingebürgert worden ist, sowie die der Kreuzotter ähnliche, ebenfalls giftige Aspisviper, die bei Passau und an einigen Stellen im oberen Teile Badens nachgewiesen worden ist; der lokal in Süddeutschland beobachtete Springfrosch, die interessante Geburtshelferkröte, der auf die bayerischen Alpen beschränkte und an einigen anderen Orten Süddeutschlands vorkommende Alpensalamander, der vor einer Reihe von Jahren von einem sächsischen Lurchpfleger bei Dresden ausgesetzt worden ist, über dessen Vorkommen aus jüngerer Zeit aber keine Nachrichten mehr vorliegen, sowie der Leistenmolch.
Abb. 1 Kreuzotter, Ruhestellung
Über die Verbreitung einer Anzahl der vorgenannten Arten innerhalb der weißgrünen Grenzpfähle sind wir bei weitem noch nicht in der wünschenswerten Klarheit unterrichtet; an der sicheren Festlegung ihrer Vorkommen kann sich jeder ernste, sich für unsere Tierwelt interessierende Naturfreund beteiligen und dabei durch ihm vielleicht unbedeutend scheinende Beobachtungen, der Wissenschaft doch recht nützliche Dienste leisten.
Abb. 2 Kreuzotter, Angriffsstellung
Der Moorfrosch z. B., der im nordsächsischen Flachlande weit verbreitet und besonders dessen ausgedehnten Teichgebieten eigen ist, steigt von hier aus auch in das Hügelland und unsere Mittelgebirge empor – das von mir festgestellte Vorkommen von Limbach gehört hierher –, und wird schließlich, obwohl er eigentlich ein Tieflandbewohner ist, an geeigneten Stellen selbst in höheren Lagen noch angetroffen, wie die von mir gemachten Funde des Tieres an den Großhartmannsdorfer Teichen, südlich Freiberg, beweisen. Die genaue Festlegung seiner südlichsten Verbreitungsgrenze, die zu ziehen uns heute in Ermangelung der notwendigen Unterlagen noch nicht möglich ist, wäre tiergeographisch aber von großem Werte. – Die Unterscheidung von unserem Grasfrosche, dem er äußerlich so auffallend ähnelt, daß er als eigene Art erst in verhältnismäßig später Zeit erkannt worden ist, und dann auch lange noch ein Streitobjekt gebildet hat, wird den Anfänger allerdings noch einige Schwierigkeiten bereiten, ihm mit Sicherheit aber möglich sein, sobald er beide Arten einmal gleichzeitig nebeneinander gehabt hat und miteinander hat vergleichen können. Der Moorfrosch unterscheidet sich vom Grasfrosch durch die etwas schmalere Stirn und die spitzer auslaufende Schnauze, durch den stets ungefleckten Bauch (beim Grasfrosch ist er fast immer dunkel gefleckt) und untrüglich durch den sogenannten Fersenhöcker, eine längliche, schwielenartige Erhebung an der Wurzel der inneren Zehe der Hinterfüße, der allen Fröschen eigen ist und ein sicheres Artmerkmal bildet. Beim Moorfrosch ist er stark und hart, schaufelartig seitlich zusammengedrückt und immer länger als die halbe Innenzehe, beim Grasfrosch dagegen ist er schwach und weich und bildet einen länglich-stumpfen Wulst von jederzeit geringerer Länge als die Hälfte der Innenzehe.
Abb. 3 Kletternde Ringelnatter
Ähnlich wie beim Moorfrosch ist die genaue Festlegung der Südgrenze des Vorkommens auch von der Grünen und der Kreuzkröte vonnöten. Die Grüne Kröte ist eine häufige Erscheinung in der gesamten Leipziger Tieflandsbucht, aus der sie zum mindesten auch bis ins sächsische Mittelgebirge aufsteigt; ich konnte sie bei Göppersdorf bei Burgstädt als an den bisher bekannten südlichsten Fundort nachweisen. Dann tritt sie wieder zahlreich im Flußgebiet der Elbe auf, in dem sie in der ganzen weiten Umgebung Dresdens vorkommt und stromaufwärts bis über Pirna hinauf ihr Vorkommen ausdehnt. Aus dem Osten unseres Landes waren Vorkommen unserer Art im Schrifttum bisher zwar noch nicht festgelegt, doch fehlt sie ihm keineswegs, sondern verbreitet sich von der Elbe aus in östlicher Richtung, zum mindesten über das gesamte Oberlausitzer Teichgebiet, in dem ich sie in den letzten Jahren wiederholt als durchaus nicht selten feststellen konnte. Aus dem Gebiete zwischen Mulde und Elbe ist sie bisher noch nicht nachgewiesen worden, wahrscheinlich, weil dieses bisher so herzlich wenig ihre Beobachtungen auch bekannt gebende Naturbeobachter aufzuweisen gehabt hat. Die Kreuzkröte kommt zunächst in der unmittelbarsten Umgebung Leipzigs vor, scheint sich aber von hier aus nicht wie die Grüne Kröte weiter südwärts zu verbreiten – mir wenigstens glückte bisher trotz jahrelanger Nachforschungen der Nachweis ihres Vorkommens hier noch nicht –, wird aber dann wieder, durch ein räumlich recht großes Gebiet vom Leipziger Vorkommen getrennt, von Chemnitz erwähnt und konnte von mir im Sommer 1919 in großer Zahl auch bei Limbach festgestellt werden. Das Chemnitz-Limbacher Vorkommen scheint ein völlig in sich Geschlossenes, inselartiges zu bilden. Dann ist sie auch, wiederum durch das Gebiet zwischen Mulde und Elbe von den westsächsischen Vorkommen getrennt, in der Umgebung Dresdens nachgewiesen. Aus der Lausitz war sie bisher nicht bekannt, dürfte aber wohl auch hier noch an manchem Ort nachzuweisen sein, nachdem ich sie im Sommer 1924 bei Königswartha aufgefunden habe.