Die Mark ist Otto Altenkirchs Heimat. In Ziesar, einem kleinen ereignislosen Städtchen bei Magdeburg, stand seine Wiege in der Behausung eines kleinen Sattlermeisters. Altenkirch ist später mit Malkasten und Staffelei auch in seine Heimat gegangen, und rund um das Ackerbürgerstädtchen entdeckte er die heimatliche Landschaft gewissermaßen noch einmal: flach hingebreitetes Land, verlorene Gehöfte unter aufragenden Bäumen, blinkende Wasser, in denen sich die Wolken spiegeln. Es stellte sich heraus, daß durch alle seine Bilder, so verschieden sie nach Motiv und Stimmung sein mögen, immer wieder die Heimat durchschimmerte. Wo deutsche und vornehmlich sächsische Landschaft die stillere und verhaltenere Sprache seiner Heimat redete, dort hat er sie aufgesucht, geliebt und gemalt. Und die nährenden Wurzeln seines künstlerischen Tuns führen in ihren letzten zarten Verästelungen in den Boden der märkischen Heimat.

Winterwald

Hirschfeld

In Ziesar trabt Altenkirch acht Jahre lang mit den Kindern der Kleinbürger und Bauern in die Volksschule damaliger Primitivität. Immerhin gibt es in dieser Schule schon einen Zeichenlehrer und Altenkirch macht die Entdeckung, daß man die Welt zeichnend und malend darstellen kann. Irgendwelche schlechte Öldrucke, vor denen er bewundernd steht, bekräftigen das und begeistern ihn. Und nun macht er vor den alten Gemäuern Ziesars die ersten Zeichenversuche, die seinen Lehrer so stark von einem vorhandenen Talent überzeugen, daß er Altenkirchs Vater rät, den Jungen Maler lernen zu lassen. Der Sattlermeister befolgt den Rat auch. – Altenkirch kommt nach Beendigung seiner Schulzeit in die Lehre zu einem Berliner Dekorationsmaler, dessen Stolz es ist, daß seine Werkstatt im Rufe steht, tadellose Fußbodenanstriche zu liefern. Die Lehrjahre verstreichen – Altenkirch »verstreicht« sie mit Ringpinsel und Bernsteinlack. Er arbeitet elf, zwölf, ja vierzehn Stunden täglich und schiebt den Malerkarren durch die Straßen Berlins in jener guten alten Zeit, als noch niemand sich um das Schicksal der Lehrlinge kümmerte. In heimlichen Stunden erwachen immer wieder noch ganz gestaltenlose Träume. Wer sieht einem armen geschundenen Lehrling an, daß der Kuß der Muse auf seiner Stirne glüht? Die tausendmal geschriebene Geschichte vom häßlichen Entlein schreibt das Leben immer wieder von neuem. Altenkirch bittet seinen Lehrmeister um die Erlaubnis, in die Zeichenstunde der Berliner Fortbildungsschule gehen zu dürfen. Es wird ihm erlaubt. Altenkirch ist glücklich. Er lernt, er zeichnet und malt nachts, Sonntags, in allen Freistunden. Seine Mitschüler machen ihm klar, daß er gar nicht so schuften brauche, das werde gar nicht verlangt. Für sie ist die Sonntagsschule nur eine begreiflicherweise begrüßte Gelegenheit, der Sonntagsarbeit in der Werkstatt des Meisters zu entgehen. Der Lehrer aber wird auf Altenkirch aufmerksam. Er hatte die Gepflogenheit, die talentierten seiner Schüler in die vorderen zwei Reihen zu setzen und sich nur um diese zu kümmern. Die übrigen, von denen er wußte, daß bei ihnen eine noch so eifrige Bemühung des Lehrers nicht vorhandene Talente nicht wecken könnte, vertaten im Hintergrunde ihre Zeit. Wie in einer Lesebuchgeschichte taucht dieser Lehrer über ein Menschenalter später, kurz vor Altenkirchs fünfzigstem Geburtstag noch einmal auf: als Besuch in Altenkirchs Atelier, in dem er vor den Gemälden seines ehemaligen Sonntagsschülers steht und fragt und Notizen macht für den Unterricht an der Kunstschule, zu deren Lehrer er selber sich heraufgearbeitet hat. Beide, der Lehrer und der Schüler von damals sind nun Professoren, und die mitgekommene Gattin des Lehrers formuliert die Pointe dieser Anekdote: »Sehen Sie – erst haben Sie von meinem Mann gelernt und nun lernt mein Mann von Ihnen.«

Überschwemmter Weg

Im Kamenzer Teichgebiet

Die Lehrjahre vergehen. Altenkirch ist nun Malergeselle. Am Tage arbeitet er auf Neubauten, die in Berlin wie Pilze aus der Erde schießen. Die Freistunden widmet er der sehnsüchtig erstrebten Kunst. Sein Lehrer im Zeichenkursus der Fortbildungsschule ist jetzt der Maler Hugo Händler, der wertvollen Einfluß auf den Gesellen ausübt. Auch er kreuzt später noch einmal, und zwar entscheidend Altenkirchs Weg.