Vorfrühling

Muldental

Dann packt den jungen Malergesellen der alte deutsche Wandertrieb. Die Erzählung reisender Malergesellen in den Frühstückspausen zwischen Hobelspänen und Farbentöpfen hatten in ihm die Sehnsucht nach der Ferne geweckt. Altenkirch geht mit sechzig Mark in der Tasche auf Wanderschaft, die nach Rumänien, in die Türkei, nach Ägypten und über Italien und die Schweiz zurückführen soll. In Bukarest bleibt er hängen. In der rumänischen Metropole kennen die Gebrannten nur drei Malerwerkstätten, in denen es für geleistete Arbeit auch Lohn gibt. Altenkirch gerät als unerfahrener Neuling natürlich in eine der anderen. Statt Lohn zu zahlen, borgt der Meister seine Gesellen an. Dann brennt er durch. Ein Unglück kommt auch hier nicht allein: Altenkirchs Mantel mit sämtlichen Papieren wird gestohlen und verschwindet in irgendeinem Trödlerladen der farbigen Balkanstadt. Betrogen und bestohlen sucht der Malergeselle Hilfe beim deutschen Konsulat. Er erhält drei Franken und vom Konsulatsarzt die Versicherung, daß er tauglich sei und seiner Militärpflicht in Deutschland genügen müsse. Altenkirch erarbeitet sich das Geld für die Heimreise. Er malt Hintergründe für die Wachsfiguren eines Panoptikums – es sind Vorspiele seiner späteren Theatermalerei, ohne daß er das ahnt. Nebenher füllt er seine Skizzenbücher mit den bunten Erscheinungen dieser für ihn so abenteuerlichen Stadt. Ein Brief der Mutter ruft ihn in die Heimat zurück. Die Träume von Konstantinopel, Jerusalem, Kairo versinken. Die Kaserne der Ortelsburger Jäger nimmt den unsicheren Kantonisten auf. Altenkirch dient seine zwei Jahre ab. Und auch in der Schoßtasche des Waffenrocks steckt das Skizzenbuch.

Nach der Militärzeit nimmt er wieder Unterricht beim Maler Händler. Der schickt ihn eines Tages mit einem Bündel Zeichnungen und einem Empfehlungsschreiben zu Eugen Bracht, der damals an der Berliner Akademie das Atelier für Landschaftsmalerei leitete. Der große Traum wird Wirklichkeit. Altenkirch kann 1899 als Hospitant und später als Vollschüler in die Landschaftszeichenklasse Paul Vorgangs eintreten. Seinen Lebensunterhalt erarbeitet er sich immer noch als Malergeselle. Nach drei ungewissen, an Arbeit, Hoffnungen und Entbehrungen überreichen Jahren wird er, obwohl ihm die sonst geforderte Schulbildung fehlt, als Studierender der Akademie in das Atelier Brachts aufgenommen. Als Bracht nach einem Vierteljahr einem Ruf an die Dresdner Akademie folgt, nimmt er Altenkirch mit sich. Er bleibt Brachts Schüler und Assistent bis 1906. Gleichzeitig treibt er bei Emanuel Hegenbarth Tierstudien. Die Tiermalerei spielt später keine Rolle in Altenkirchs Schaffen, aber Hegenbarth beeinflußte sein Werden mindestens ebenso stark wie Eugen Bracht. Altenkirch lernte von ihm die feine Einfühlung, die malerische Vollendung, die Hegenbarths Bilder auszeichnet. Und wer Altenkirchs malerisches Werk kennt, konnte in der Hegenbarth-Gedächtnisausstellung, die der Sächsische Kunstverein im Herbst dieses Jahres in Dresden zusammenbrachte, erkennen, wie viel ihm dieser Meister gegeben hat, und es hat seinen Reiz, den Anregungen und ihren individuellen Wandlungen von Zügel zu Hegenbarth, von Hegenbarth und Bracht zu Altenkirch nachzuspüren.

Aus den Ateliers seiner Meister heraus ging Altenkirch schon als Schüler eigene Wege. An seinen Landschaftsstudien aus dieser Zeit kann man, wenn er sie einmal aus den Winkeln seines Ateliers hervorholt, beinahe den Monat bestimmen, in dem er sich von den manchmal fast zu »schönen« Farben Brachts freimacht und die herberen Farbenreize der Landschaft sucht, für die ihn Neigung und Hegenbarths Einfluß empfänglich macht. Er sucht die einfachere, herbere Landschaft, in der Brachts majestätische Baumschläge und die dekorativ geballten Wolken sich gleichsam schlichter geben. Er sucht und findet sie. Noch als Studierender entdeckt er 1903 den Dresdner Heller für sich, für seine Malerei. Es ist die scheinbar karge Landschaft, in der später seine Meisterschaft reifte.

Im Sommer 1906 verläßt er die Akademie – nun ist er Maler. Der große Traum ist erfüllt. Aber das Leben ist nicht leicht. Er schlägt sich kümmerlich durch. Als Malgebiet erwählt er sich die Muldenlandschaft um Siebenlehn, Reinsberg und Biberstein. Außer den Motiven für seine Malerei ziehen ihn zarte Fäden in das alte Studiengebiet – in Siebenlehn fand er die Gattin. Außer in der baumreichen Muldenlandschaft findet er seine Motive im Kamenzer Teichgebiet, um den Deutsch-Baselitzer Großteich, der Hegenbarths bevorzugtes Studiengebiet war. Es ist die Zeit der »Elbier«, denen zusammen mit Ufer, Dorsch, Fritz Beckert, Bendrath, Hegenbarth, Wilkens, Georg Erler auch Altenkirch angehört. Seine Kunst geht nach Brot. Es ist trotz mancher Bildverkäufe ein so karges Brot, daß Altenkirch nahe daran ist, der Kunst Lebewohl zu sagen und wieder auf die Bockleiter des Stubenmalers zu steigen.

In jenen kritischen Tagen kommt ihm der Zufall zu Hilfe. Altenkirch hilft dem Maler Georg Erler bei der Herstellung der Dekorationen für ein Fest des Dresdner Alpenvereins. Sein handwerkliches Können, die Vertrautheit mit dem Material, der Leimfarbe, kommt ihm dabei zu statten. Und als Erler der freigewordene Posten eines leitenden Theatermalers der damaligen Hoftheater angeboten wird, verweist er auf Altenkirch, der für diese Aufgabe alle Voraussetzungen mitbringt: künstlerische Berufung und handwerkliches Können. Graf Seebach, der damalige Intendant, und Geheimrat Dr. Adolph, der zu jener Zeit in der Theaterleitung tätig war, sahen, was Altenkirch konnte. Altenkirch selber traut sich nicht recht. Die Bescheidenheit des Malergesellen hemmt ihn. Graf und Geheimrat – vor den Trägern solcher Titel wird er schüchtern. Er schreckt vor dieser ihm ganz und gar nicht vertrauten Welt, vor ihren Formen, die ihm nicht geläufig sind, fast noch stärker zurück als vor der Aufgabe selbst. Aber Geheimrat Adolph handelte, und ehe sichs Altenkirch eigentlich versah, hatte er den unterzeichneten Vertrag schon in der Tasche. Nun war er Leiter des Malsaales der Königlichen Hoftheater mit einem Gehalt, daß ihm, dem ewig Darbenden, unermeßlich erschien.

Anfang 1910 trat er sein Amt an. Zehn Jahre lang hat er ihm vorgestanden, und in diesen zehn Jahren sind schier unzählige Dekorationen aus dem seiner Leitung unterstellten Malsaal hervorgegangen. Von ihm stammten nicht nur die Entwürfe. Er legte als erfahrener, mit dem Handwerk vertrauter Praktiker der Leimfarbentechnik selbst Hand an und mancher Rundhorizont trägt den unverkennbaren Stempel seiner künstlerischen Arbeit. Es sind landschaftliche Kolossalgemälde – der Prospekt im Rheingold mit der Götterburg auf steilem Felsen ist zweiundzwanzig Meter hoch und sechzig Meter breit.

Die Periode der Theatermalerei ist ein Abschnitt in Altenkirchs Schaffen, dem gerecht zu werden auf diesem knapp bemessenen Raum gar nicht möglich ist. Sein Name bleibt für immer verknüpft mit jener Epoche der Dresdner Theater, die die Aera Graf Seebach-Zeiß war. Und noch lange wird der erdfrische Duft seiner Flußlandschaft zu Fausts Osterspaziergang, die sonnige Weite seiner Böhmerwald-Landschaft in Shakespeares Wintermärchen, die prachtvollen Wartburg-Prospekte im Tannhäuser, die märchenhafte Gralsburg im Parsival, die in aller Pracht des Winters prangende Waldlandschaft in Humperdincks Königskindern, die riesigen Szenerien im Ring der Nibelungen – um nur einige der unzähligen Dekorationen von seiner Hand zu nennen – die Besucher der Oper und des Schauspielhauses entzücken.