Meisterhaft ist seine Beherrschung der Luft. Sie umspielt alles Dargestellte auf seinen Bildern und gibt ihm die körperliche Erscheinung. Sie wird selbst zur Erscheinung. Sie rieselt durch das Goldlaub herbstlicher Birken, sie zittert über dem Sande in heißer Mittagssonne, sie liegt als feiner duftiger Schleier über der Ferne und hüllt kahle Bäume an trüben Tagen in melancholischen Flor. Ueber morgenkühlen Wasserspiegeln steigt sie als silberner Atem auf und zwischen den feuchten Stämmen stimmungsschwerer Tauwetterlandschaften dampft sie als weicher Brodem. Wundervoll, nur in der Reproduktion leider nicht wiederzugeben, glitzert die geradezu kristallisierte Luft im Geäst der vom Rauhreif verzauberten Bäume. Man denkt an Alexander von Villers schönen Satz: »Die Sonne wäre außerstande, den dichtesten Busch im Walde so innerlich zu beleuchten, wie dieser Staub des Himmels es mit seiner weichen Ruhe vermag.«

Ebenso meisterhaft, wie Altenkirch den Zauber des Lichts und der Luft bezwingt, ist die Sicherheit, mit der er sein Bild aus dem großen Raum der Landschaft herauslöst. Es ist nie ein Zuviel und nie ein Zuwenig. Immer gibt er ein in sich beruhendes Bild. Das ist nicht leicht. Liebhaberphotographen wissen davon zu erzählen, wie oft eine Aufnahme sie enttäuschte, weil sie noch nicht den richtigen Bildausschnitt zu finden verstanden. Altenkirch zählt zu den Malern, die uns Schönheit noch im einfachsten Stück Natur überhaupt erst sehen lehren. Oder ist es nicht überraschend, wie schön ein morastiger überschwemmter Weg, in dessen Tümpeln blauer Himmel und herbstliche Birken sich spiegeln, auf einmal sein kann, wenn er ihn uns zeigt?

Mit diesen Fähigkeiten vereint sich in Altenkirch jene malerische Phantasie, unter der Liebermann die den malerischen Mitteln am meisten entsprechende Auffassung der Natur versteht. »Je ausdrucksvoller durch die Form oder durch die Farbe oder durch beides zusammen der Maler sein inneres Gesicht auf die Leinwand zu bringen imstande war, desto größere, stärkere Phantasietätigkeit war zur Erzeugung seines Werkes nötig«. Das heißt also: malerische Phantasie ist die Kraft, die das seelische Erlebnis des Malers mit den Mitteln seiner Kunst sichtbar macht und in uns ein gleiches Erlebnis wach ruft. Es ist die Uebertragung der Seele des Künstlers in sein Werk. Er gibt uns, was ihn bewegte, und es bewegt uns. Sein Werk berührt unser Innerstes nicht, wenn der Maler nicht innerlich beteiligt war, als er es schuf. Der Dichter Hans Bethge schrieb einmal: »Calame hat auf großen Gemälden mächtige Szenerien des Hochgebirges im Aufruhr der Elemente dargestellt, aber unser Herz bleibt kalt dabei wie Hundeschnauze. Cézanne hat auf Bildchen, die nicht größer sind als ein paar Handflächen, einige Aepfel gemalt, und die mystischen Tiefen wehen uns ergreifend daraus entgegen, wir fühlen ein Stück Ewigkeit in überirdischem Glanz«.

Altenkirch malt die heimatliche Landschaft, wo sie am schlichtesten ist. Schlicht und still wie er selbst. Er malt die tragische Einsamkeit knorriger Kiefern unter stürmenden Himmeln, das Spiel der Sonnenlichter unter sommerlich sausenden Linden. Er malt das Erschauern, die reglose Unergründlichkeit eines Teiches im Waldschatten, die blanke Spiegelung herbstlicher Birken in den Tümpeln eines überschwemmten Weges. Er malt den Durchblick in blaue Fernen im Rahmen einiger Stämme, die zarten Versprechungen eines Vorfrühlingstages im Flußtale, den zitternden Glanz eines Sommermorgens unter weißen Wolken. Er malt die stille Sommerlegende eines Sandweges zwischen blühenden Heideteppichen, die graue Melancholie einiger herbstlicher Obstbäume an einsamer Landstraße. Er malt die prangende Pracht des Winters und die dunklen Wolkenberge eines Gewitterhimmels. Das alles malt er als Impressionist. Seine Bilder geben schlicht ein Stück schlichter Natur ohne tiefsinnige Philosophie. Und doch spricht aus seinen Bildern tiefes inneres Erleben. Er malt keine Bilderrätsel, mit denen der Betrachter ohne fremdwortreiche Erläuterung ihrer mysteriösen Bedeutung nichts anzufangen weiß. Er malt ganz einfach den Baum, die Straße, den Teich, den Sand, den Schnee. Auch der einfache voraussetzungslose Beschauer findet in seinen Bildern die Welt wieder, in der er selber lebt. So sind Altenkirchs Bilder gemeinverständliche Kunst und sie sind auf ihre Art und in ihrer künstlerischen Sprache dem schlichten Empfinden so wenig fremd wie die Bilder, die Van Gogh meinte, als er sich vornahm, Bilder zu malen, die den Matrosen gefallen sollten.

Altenkirch malt Baum und Straße, Teich und Schnee. Aber er gibt mehr. Ihm ist es weder um das photographisch getreue Abbild noch um die Darbietung artistischer Künste zu tun. Er gestaltet mit den Mitteln seiner Kunst jenes tiefere Erlebnis, das uns die heimatliche Natur noch in ihrem bescheidensten Winkel lieben läßt. Er hat den innigen Zusammenhang der uns umgebenden Natur mit uns selber erfaßt. Und auch der einfache Beschauer seiner Bilder empfindet das tiefere Erlebnis, das in diesen Bildern sichtbaren künstlerischen Ausdruck gefunden hat, das Erlebnis des seelischen Verbundenseins, das uns noch in jedem Baum ein verwandtes Sein ahnen läßt.

Altenkirchs Hellerlandschaften zeigen, wie unendlich viele, unendlich feine Reize in einer Landschaft verborgen liegen, die als reizlos geschmäht und gemieden wird. Spaziergänger, die die »Wüste« des Hellersandes mißmutig und eilig überwinden, wundern sich über den Maler in farbenbeklexter Jacke, der da seine Staffelei vor einem fahlgelben Sandstrich mit einer zerzausten Birke und einer Wolke darüber aufstellt. Sie ahnen nichts von der Schönheit der anonymen Landschaft, die gar nicht berühmt ist, die erst Maler für sie entdecken müssen und die ihnen nun vor einem Bilde aufgeht. Sie verdanken einem Künstler die Offenbarung, daß die Heimat auch noch in ihrem unberühmtesten Winkel schön und liebenswert ist. Und wenn man die Maler nennt, die uns die Augen für die Schönheit der heimatlichen Erde geöffnet und geschärft haben, wird man immer auch Otto Altenkirch nennen und ihm danken müssen.

Vom Wisent
Mit Mitteilungen über seine Geschichte in unserem sächsischen Vaterlande

von Rud. Zimmermann Dresden

Mit 7 Abbildungen, zum Teil nach photographischen Naturaufnahmen des Verfassers

Der unglücksreiche Ausgang des letzten Krieges hat auch Europas größte Säugetierart und das eine sich bis auf unsere Tage gehaltene seiner beiden ehemaligen Wildrinder, den Wisent, dem Untergang nahegebracht. An zwei Stellen nur, in dem eigenartigen Urwaldgebiet von Bialowies (Bjelowjesch) in Westrußland und im Kaukasus noch in freier Wildbahn vorgekommen, wurde der durch die Kriegshandlungen stark gelichtete, von der deutschen Militärverwaltung nach der 1915 erfolgten Einnahme von Bialowies aber sorgfältig gehütete und auch wieder höher gebrachte Restbestand ein Opfer der Nachkriegswirren: russische Bauern knallten ihn zusammen, während im Kaukasus die Rätetruppen in den Jahren 1918 und 1919 mit Maschinengewehren und unter Aufbietung ganzer Regimenter als Treiber und Schützen unter dem Bestande derart gewüstet haben, daß er ebenfalls als verloren gelten kann, selbst wenn sich doch noch einige Tiere den Verfolgungen entzogen haben sollten. Für eine Nachricht aus Rußland, daß im Bezirke Bobrujsk, Gouvernement Minsk (ca. dreihundert Kilometer östlich von Bialowies) eine Anzahl versprengter Wisente gesichtet und unter Schutz genommen sein sollten, ließ sich bisher ebensowenig eine Bestätigung beibringen wie für die Mitteilung des während des Krieges sich in besonderer Mission in Persien aufgehaltenen Tiermalers Peter Paschen, daß möglicherweise in einem unserer Kenntnis sich bisher entzogenen Bestande der Wisent noch in Nordpersien freilebend vorkommt. Wir besitzen daher mit Sicherheit zunächst nur noch gegen sechzig sich in Zoologischen Gärten und privaten Wildparks befindliche Wisente. Um diesen kleinen Rest vor dem allmählichen, ohne besondere Vorsichtsmaßnahmen auch unabwendbaren Aussterben zu bewahren, hat sich im August vorigen Jahres die »Internationale Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents« (Vorsitzender Direktor Dr. K. Priemel, Frankfurt a. M., Zoologischer Garten) gebildet, die unter den noch vorhandenen Tieren planmäßig züchten und versuchen will, einen wieder größeren Bestand heranzuziehen und bei günstigem Erfolg unser Tier wieder in freie Wildbahn überzuführen. Die Aussichten für die Bestrebungen der Gesellschaft sind die besten, und es wäre nur zu wünschen, daß ihr reiche Erfolge und die baldige Verwirklichung ihrer Pläne beschieden sein möchten. Unser Sachsen hat ein besonderes Interesse an der Erhaltung des Wisents; spielt dieser Urwaldrecke in der Geschichte des Landes doch eine nicht unbedeutende Rolle. Freilich nicht mehr als wildlebendes Tier – als solches ist er frühzeitig schon ausgestorben –, sondern, wie wir später noch sehen werden, als gehegtes und besonders zu den in Sachsen so prunkvollen Kampfjagden viel verwendetes Tier. –