Ich lernte den Wisent im letzten Kriegsjahre in Bialowies kennen. Ueber meine Begegnung mit ihm habe ich wiederholt an anderer Stelle berichtet[3] und es sei hier daraus kurz das folgende wiederholt:
»Meine erste Begegnung mit dem Wisent erfolgte im Januar 1918, als ich von meiner Dienststelle im Westen zur Leitung photo- und kinematographischer Aufnahmen, die der Bund für Vogelschutz in Stuttgart vornehmen ließ, nach Bialowies beurlaubt worden war. Der erste Eindruck, den ich von den Tieren erhielt, enttäuschte allerdings etwas. Die Herde von siebzehn Stück, die auf einem Kahlschlag stand und der strengen Kälte und des hohen Schnees wegen von Zeit zu Zeit in Waldheu etwas Futter dargeboten erhielt, ließ wenig von der erwarteten und den Tieren sonst auch eigenen Wildheit ahnen. Die Winterfütterung des Wisents war unter russischer Herrschaft zu einer alle gebotenen Grenzen überschreitenden Regel geworden und hatte das Wesen und die Natur der Tiere in der denkbar ungünstigsten Weise beeinflußt. Der Wisent war verweichlicht worden, und die dabei alle Scheu vor dem Menschen abgelegten Urwaldriesen muteten manchesmal fast wie halbzahme Stallrinder an. Diese große Vertrautheit wurde dem Tiere besonders in der Zeit der Besitzkämpfe um das Waldgebiet zum Verhängnis; sie machte den Abschuß spielend leicht und manch einer der Recken erlag der tötlichen Kugel, vor der ihm eine größere Scheu sicher bewahrt hätte[4]. Unter der deutschen Verwaltung war allerdings mit der bis dahin geübten Fütterungsweise gebrochen worden; die Tiere, die sich so sehr an die Fütterung gewöhnt hatten, daß sie unter russischer Herrschaft bereits im Oktober, wenn der Wald ihnen noch hinreichende Aesung bot, an den Fütterungsstellen sich einfanden[5], erhielten nur jetzt mehr ausnahmsweise bei strengster Kälte und tiefem Schnee in mäßiger Weise (zumeist in gefällten Weichhölzern: Aspen usw.) Futter dargeboten. Der Erfolg dieser Methode war ein guter; der Wisent wurde wieder zäher und ausdauernder und man wird Escherich Recht geben müssen, wenn er einen großen Teil der günstigen Erfolge der deutschen Hege, die die Ergebnisse der zarischen wesentlich übertrafen, auf diese Abkehr von der ehemals geübten Fütterungsweise zurückführt.
Abb. 1 Zu Holze ziehender Wisentstier. Bialowies, Januar 1918
Die seinem Wesen gar nicht entsprechende große Vertrautheit, die der Wisent während der ersten Zeit der deutschen Verwaltung zeigte, hatte er zu meiner Zeit zwar größtenteils bereits wieder abgelegt, doch konnte er wenigstens winters über die ihm durch eine jahrelange Gewohnheit anerzogene Eigenheit nicht ganz verleugnen, und so mußte daher um diese Zeit sein Bild den Eindruck, den man von dem urigen Wilde hatte, noch immer ungünstig beeinflussen. Anders war es schon, wenn man ihn abseits von den Futterstellen im dichtesten Walde begegnete, ihm hier vielleicht beizukommen versuchte und dann zuschauen durfte, wie die Tiere, flüchtig geworden, durch den schneeverhangenen, winterlichen Wald dahinstürmten. Mit einer seltenen Deutlichkeit steht mir da noch das Bild einer Herde in Erinnerung, die ich wenige Tage später antraf und sich in so hastigen Fluchten meiner Gegenwart entzog, daß trotz der hohen, schalldämpfenden Schneedecke der Boden doch noch immer unter ihren Tritten dröhnte und lange noch, nachdem sie den Blicken entschwunden war, eine dichte Wolke von den unterwüchsigen Fichten aufgewirbelten Schnees den Weg bezeichnete, den sie genommen hatte. Und nicht minder unverwischbar in der Erinnerung haben sich dann die Begegnungen eingegraben, die ich in der sommerlichen Jahreszeit nach meiner im April 1918 erfolgten Versetzung nach Bialowies mit dem Tiere hatte und die mir das reckenhafte Wild in seiner ganzen ursprünglichen Schönheit und Wildheit zeigten. So stieß ich – aus der Fülle der Erinnerungen sei hier diese eine mitgeteilt – beispielsweise am 15. Mai 1918 in einem von unterwüchsigen Fichten reichlich durchsetzten Laubholzbestand, der von drei Seiten von schwer zu begehendem Sumpf- und Bruchwald umgeben war, mit der vierten aber an einen freien, noch aus russischer Zeit herrührenden Kahlschlag angrenzte, auf eine ruhende Herde von schätzungsweise fünfzehn bis zwanzig Köpfen. Die Tiere hatten sich am Boden niedergetan oder standen, der lästigen Insekten wegen lebhaft mit den Wedeln peitschend, im Schatten der Bäume. Ein starker Stier, neben einem im Winter beobachteten Einzelgänger wohl der stärkste der von mir gesehenen, stand etwas abseits und uns – in meiner Begleitung befand sich noch einer unserer Jäger – am nächsten; er schien mit dem ihm zweifellos zukommenden Amt des Alterspräsiden noch das des Wächters der Herde zu bekleiden. Die Entfernung zwischen uns und der Herde mochte etwa zweihundert Meter betragen. Vorsichtig pirschten wir uns von Baum zu Baum bis auf vierzig bis fünfzig Meter an sie heran. Der Stier war, trotz aller beobachteten Vorsicht beim Anpirschen doch schon etwas unruhig geworden, er hob – wie ich glaube deutlich gehört zu haben, unter einem leisen, verhaltenen Grollen – windend den ursprünglich gesenkten Kopf und peitschte erregter mit dem Wedel. Seine Unruhe schien auch auf einige der ihm zunächst befindlichen Kühe übergegangen zu sein, wenn eine nur geringe Wendung ihrer Köpfe in der Richtung unseres Standortes einen dahingehenden Schluß gestattete. Immerhin blieb uns Gelegenheit, das sich für immer ins Gedächtnis eingegrabene Bild, das die Herde in den urwüchsigen Bestande bot, in dessen grünem Dämmer einige leuchtende Sonnenflecken umherirrten, längere Zeit auf uns wirken zu lassen. Erst als wir uns von neuem, jetzt allerdings ein weites Stück fast deckungslos, weiter anzupirschen versuchten, kam ein erhöhteres Leben in die Tiere. Die uns am nächsten stehenden Kühe trotteten, ursprünglich allerdings noch recht gemächlich, als hielten sie die Gegenwart von Menschen gar nicht für so bedeutend, rückwärts, die am Boden ruhenden erhoben sich und folgten ihnen nach, bis dann auf einmal, völlig unvermittelt, alles zu einer wilden Flucht wurde. Nur der Stier stand noch an seinem Platze, regungslos, uns zugekehrt und den Kopf tief gesenkt. Dann richtete er ihn hoch auf, blähte unter deutlich grollendem Schnaufen die Nüstern – es sah aus, als ob er uns annehmen wollte, und ich muß gestehen, daß in diesem Augenblick ein leichtes Zittern meinen Körper durchlief –, wandte sich aber dann rückwärts, zunächst ebenfalls noch ganz bedächtig, so wie es anfangs auch die anderen Tiere getan hatten, stürmte aber dann nach dieser gemächlichen Wendung in um so hastigeren Fluchten, daß Erdreich und Laub hoch emporwirbelten, der eben den Blicken entschwindenden Herde nach. »Heute habe ich es begriffen, was der Wisent für den Wald bedeutet, und mehr denn je wünsche ich, daß dieses an ferne Urzeiten erinnernde Wild ihm auch dauernd erhalten bliebe. Mit dem Schwarzwild – die vorhergegangene, unverhoffte Begegnung mit der führenden Bache in der Wildnis des Sumpfwaldes hat dieses Empfinden nur noch verstärkt –, dem Rotwild und dem sich hoffentlich wieder einstellenden Elch würde der Wald für den Zoologen und Jäger ein Paradies werden, wie es in Europa ohnegleichen wäre«. Nicht ohne eine große Wehmut wiederhole ich heute, nachdem wir alle unsere an Bialowies geknüpften naturschützerischen Hoffnungen haben zu Grabe tragen müssen, meine damals unter dem frischen Eindruck des eben Gesehenen und Erlebten niedergeschriebenen Worte.
Abb. 2 Wisent im Winter Bialowies 1918
Das Dröhnen des Bodens, das Knacken brechender Zweige und junger Bäumchen, das hinter den Flüchtigen herklang, war verstummt. Vorsichtig folgten wir der Herde, die in einem, namentlich von jüngerem Holze dicht bestandenen Erlenbruch verschwunden war, in der Erwartung, sie nochmals zu Gesicht zu bekommen. In dem Bruch, das – wie die aufgefundenen Spuren bewiesen, den ständigen Aufenthalt der Herde bildete –, war aber leider nicht mehr an die Tiere heranzukommen. Obwohl in ihm die Deckung eine ganz vorzügliche war, war doch bei der Dichte des Pflanzenbestandes und dem manchesmal kaum zu bewältigendem alten Fallholz das Vordringen nicht immer ganz lautlos zu bewerkstelligen. Noch ehe wir es erwartet hatten, kaum vierhundert Meter vom ersten Standort der Herde entfernt, erhob sich dicht seitlich von uns ein Getöse, das das vorher Gehörte noch übertrumpfte, in das laute Knacken und Brechen grünen und dürren Holzes klangen deutlich grollende Schnauftöne hinein: die Herde, an die wir, wie wir aus den Spuren feststellen konnten, bis auf nur knappe zehn Meter herangekommen waren, war zum zweiten Male vor uns flüchtig geworden.« –
Einige Angaben über die Größe des ehemaligen Wisentbestandes dürften hier nicht uninteressant sein.
Nach der sehr sorgfältigen Zusammenstellung von B. Szalay[6] betrug die Zahl der in Bialowies vorhandenen Wisente im Jahre 1832 siebenhundertsiebenundsiebzig Stück, sie stieg von da an ständig, bis sie mit eintausendachthundertachtundneunzig Stück im Jahre 1857 ihre Höchstzahl überhaupt erreichte. Dann sank sie wieder, vor allem auch unter den Wirkungen der polnischen Revolution, bis auf nur noch fünfhundertachtundzwanzig Stück im Jahre 1872. 1882 war der Bestand wieder auf sechshundert angewachsen, verminderte sich in den folgenden Jahren aber von neuem (1885: dreihundertvierundachtzig und 1889: dreihundertachtzig Stück) und hatte danach mit etwa siebenhundert Stück im Jahre 1899 eine nochmalige erfreuliche Steigerung erfahren. Ebenfalls wieder mit gegen siebenhundert wird der Bestand für die Jahre 1903 und 1909 angegeben, worauf er aber infolge einer Wildseuche, die als Folge einer geradezu unsinnigen Übervölkerung des Waldes mit Wild auftrat, auf kaum sechshundert Stück im Jahre 1911 zurückging. Doch erholte er sich auch jetzt wieder; für 1914 bezifferte Escherich auf Grund vorgefundener russischer Unterlagen die Zahl der vorhandenen Tiere auf siebenhundertsiebenunddreißig und für 1915 gibt ihn Szalay (nach Oberst von Spieß) mit siebenhundertsiebenzig an.