Unter den vernichtenden Wirkungen der Kriegshandlungen aber erlitt der 1914/15 noch so erfreuliche Bestand seine bis dahin schwerste Schädigung; eine anfangs 1916 von der deutschen Militärforstverwaltung vorgenommene Schätzung bezifferte die Menge der vorhandenen Tiere auf nur noch einhundertundfünfzig bis einhundertundsechzig, dem traurigen Abglanz eines besseren Einst! Was viele nicht zu hoffen wagten, geschah jedoch noch einmal: der Bestand erholte sich auch jetzt wieder und unter der sorgsamen Hege der Militärforstverwaltung stieg die Zahl der Tiere bis auf gegen zweihundert zur Zeit der erzwungenen Räumung des Gebietes. Die letztere aber vernichtete mit einem Schlage alle unsere Arbeit und besiegelte den endlichen Untergang des Bialowieser Wisents.
Über die ehemalige Höhe des Kaukasusbestandes sind wir weit unvollkommener unterrichtet; der russische Zoologe Filatow, der zum Studium des Tieres von 1909–1911 drei Reisen in den Kaukasus unternommen hatte, schrieb, daß die Zahl der hier vorhandenen Wisente »schwerlich weniger als hundert betragen, andererseits aber wohl kaum an tausend herangereicht haben dürfte«.
Das Waldgebiet von Bialowies, wenn ich hier noch einige wenige Worte darüber sagen darf, bedeckt eine Fläche von gegen dreizehnhundert Quadratkilometern und kommt damit an Größe fast dem ehemaligen Herzogtum Altenburg gleich. Es bildet ein einziges großes, zusammenhängendes Waldmeer, das im Norden, Westen und Süden größtenteils in Wiesen- und Feldlandschaften übergeht, im Osten aber in feuchte Niederungen, mit Erlen- und krüppelhaften Fichtenbeständen oder in weite baumlose Sumpfflächen ausläuft, die weiter östlich in den Pripjetsümpfen ihre Fortsetzung finden. Forstlich setzt sich der Wald zusammen aus der Kiefer als den verbreitetsten Waldbaum überhaupt und der meist sekundär auftretenden Fichte sowie einer Anzahl Laubholzarten: Hainbuche, Eiche, Winterlinde, Spitzahorn, Esche, Ulme, Birke, Aspe und Schwarzerle. Diese Bäume bringen es zu ganz erstaunlichen Wuchsleistungen und überraschen den Besucher des Waldes durch ihre gewaltigen Höhen ebensosehr wie durch die Schönheit ihrer Wuchsformen. Die größte von uns gemessene Fichte beispielsweise war zweiundfünfzig Meter lang, Höhen von fünfundvierzig bis sechsundvierzig Meter bei Stammstärken von einem Meter und darüber waren etwas ganz normales. Kiefern maß ich bis zu achtunddreißig Meter, Laubbäume, wie Eichen, Linden, Eschen usw. bis zu fünfunddreißig Meter und darüber und selbst Birken und Aspen blieben in ihrem Höhenwachstum nicht hinter diesen Maßen zurück. Überaus reizvoll war die große Mannigfaltigkeit und der bunte Wechsel der Bestandsformen. Üppigster Laubwald, in dem bald durch das Vorherrschen der Hainbuche ein ganz eigenartig wirkendes grünes Halbdunkel herrschte, das dem Photographen nur zu oft seine launischen Tücken offenbarte, und der an anderen Stellen wieder durch stärkeres Auftreten der Eiche und dem Einstellen der Kiefer ein lichterer wurde und dann eine nicht nur blütenreiche, sondern ganz besonders auch eine farbenbunte Bodenflora im Gefolge hatte, wechselte ab mit dunklen Fichtenbeständen, in denen die grüngoldenen Moospolster am Boden oft eine so eigenartige Wechselwirkung zu dem Silbergrau der flechtenüberzogenen Stämme bildeten; nassestem Bruchwald, in dem bald Fichten und Erlen überwogen, bald aber auch wieder andere Laubhölzer die Erle verdrängten oder die Fichte zur allein herrschenden Holzart wurde, und in dem das Eindringen oft überaus schwierig war, ja manchesmal fast zur Unmöglichkeit wurde, schloß sich trockenster Kiefernwald auf Sandboden an, in dem eingesprengte, weißstämmige Birken und unterständige Fichten nicht selten die malerischsten Wirkungen hervorbrachten. Dazwischen hinein schoben sich von Sauergräsern bestandene Moorwiesen, an deren Rändern Fichten und Erlen, Kiefern und Birken kümmerten, oder eigenartig wirkende Waldmoore, deren wachsende Sphagnumpolster mit dem Sumpfporst und der braunroten Moosbeere die beginnende Hochmoorbildung verrieten. Meistens fehlten zwischen den einzelnen Bestandsformen alle vermittelnden Übergänge; ein nur geringer, dem Auge gar nicht auffallender Bodenunterschied und der dadurch bedingte Wechsel in der Höhe des Grundwasserstandes ließen die eine Form fast immer unvermittelt und schroff aus der anderen hervorgehen. Begegnete man dann in diesem Wald dem Wisent, so konnte man sich in jene entlegene Zeiten zurückversetzt wähnen, in denen auch noch der deutsche Wald das gleiche Aussehen besaß und in seinem dämmernden Grün ähnliche Urwaldrecken ihr Wesen trieben. –
Die lange Zeit und bis fast in die Gegenwart hinein heiß umstrittene Frage, ob in Europa nur ein oder zwei Wildrinder vorgekommen sind, ist heute endgültig entschieden; wir wissen, daß zwei: der Ur und der Wisent, noch in historischer Zeit hier nebeneinander lebten. Neben aufgefundenen Resten des Ures, der sich bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein am längsten in Polen gehalten hat, besitzen wir auch einige alte Abbildungen von ihm[7], die uns aufs überzeugendste die grundlegenden Unterschiede zeigen, die ihn von seinem Vetter, dem Wisent, trennten.
Daß beide, der Ur sowohl wie der Wisent, ehedem auch unser heutiges Sachsenland bevölkerten, kann als unbedingt sicher gelten, wenn wir auch über ihr Vorkommen im Lande keinerlei geschriebene Kunde besitzen und daher leider auch ihrem Verschwinden bei uns heute nicht mehr nachkommen können. Am frühesten wohl ereilte dem Ur[8] sein Schicksal. Nach Szalay bis ins siebente Jahrhundert nach Christi die häufigste der beiden Wildrindarten, starb er in Süddeutschland aber schon im neunten oder zehnten Jahrhundert aus und dürfte um die Jahrtausendwende auch den meisten übrigen deutschen Gauen bereits gefehlt haben. Am längsten hat er sich in Deutschland in Ostpreußen gehalten; Szalay neigt aber im Gegensatz zu der verbreiteten Annahme, daß in einigen Wäldern daselbst noch um 1450 Ure wild lebten, zu der Auffassung, daß er auch hier schon im vierzehnten Jahrhundert ausgestorben gewesen ist und die späteren Erwähnungen des Tieres sich auf eingeführte masovische Ure beziehen. In Polen lebte er, wie schon erwähnt, noch etwas länger; er wurde hier zwar ebenfalls im dreizehnten oder vierzehnten Jahrhundert selten, kam in einigen kleinen Beständen aber doch noch bis zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts vor. Der letzte überhaupt starb im Jahre 1627. Wir gehen nach dem eben gehörten wohl kaum fehl, wenn wir das Verschwinden des Ures in Sachsen in die Zeit um die erste Jahrtausendwende verlegen.
Abb. 3 Bruchwald in Bialowies (Aufenthaltsgebiet des Wisents)
Länger als der Ur hat sich der Wisent gehalten; sein Vorkommen in freier Wildbahn ist für eine ganze Anzahl deutscher Landschaften noch für spätere Jahrhunderte als das des Ures belegt; der letzte freilebende deutsche Wisent ist um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts in Ostpreußen seinem Schicksal erlegen. Über sein Aussterben in Sachsen liegt ebenso wie über das des Ures ein ungelüftetes und vielleicht kaum noch zu lüftendes Dunkel; vielleicht, das er bei uns etwa gleichzeitig mit dem Ur verschwunden ist, möglich aber auch, daß er sich wie in anderen deutschen Gauen auch in Sachsen noch etwas länger zu halten vermocht hat.
Kunde von dem ehemaligen Vorkommen von Wildrindern in unserem Vaterlande geben uns noch einige auf »Auer« usw. lautende Ortsnamen, von denen Szalay in seiner fleißigen Zusammenstellung »Der Wisent im Ortsnamen« (Zoologische Annalen 7, 1915, Seite 1–80) aus Sachsen zehn (?) nennt und ihnen noch Weißensee bei Zittau (im Jahre 1360 = Wisensee) als möglicherweise, aber nicht unbedingt, auf den Wisent zurückgehend angliedert. Die Gemeinde Taura bei Burgstädt leitet ihren Namen ebenfalls von dem Ur (= Tur) ab und führt neuerdings (das sei hier zur Nachahmung in ähnlichen Fällen empfohlen) daher auch ein Wildrind in ihrem Gemeindesiegel. Es stellt allerdings nicht den Ur, sondern den Wisent dar.
Lange nach seinem Verschwinden aus freier Wildbahn begann der Wisent in unserem Vaterlande nochmals eine nicht unbedeutende Rolle zu spielen; er wurde, wie das auch anderwärts geschah, neu eingeführt und in besonderen Wisent-(Auer-)Gärten gehegt und gezüchtet; Szalay, dem besten Kenner der Geschichte des Wisents, verdanken wir darüber die umfangreiche und wertvolle Arbeit »Wisente im Zwinger« (Zoologischer Beobachter 57–60, 1916–1919). Unser Sachsenland hat an der Wisenthege einen besonders großen Anteil gehabt, und es bereitet nicht nur dem Zoologen viel Freude, sondern ist auch kulturgeschichtlich von großem Interesse, an der Hand der leider nur recht spärlich fließenden Quellen der Geschichte der Wisenthaltung weiter nachzugehen.