Die ersten nachweisbaren Wisenteinführungen in Sachsen erfolgten zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts; eine Angabe von Koepert in dessen »Jagdzoologisches aus Altsachsen[9]«, daß 1717 der Wisent in Sachsen zuerst genannt wird, ist ein Irrtum und mutet etwas eigentümlich an, nachdem er unter seinen Quellen auch von Schimpff aufführt, der den älteren Nachweis beibringt. Wenn Szalay (»Wisente im Zwinger«) es für nicht ausgeschlossen hält, daß bereits unter der Regierungszeit Friedrichs des Weisen (1486–1525), der Hochmeister des Deutschordens in Preußen wurde und daher in engere Fühlung mit dem Lande kam, das die ersten Wisente lieferte, Wisente in Sachsen eingeführt worden sind, so fehlen uns dafür doch (Szalay weist selbst darauf hin) jegliche Unterlagen. Erst unter dem tierliebenden und leidenschaftlich der Jagd huldigenden Kurfürsten Johann Georg I., der an Stelle eines noch im vorhergegangenen Jahrhundert errichteten Löwenzwingers 1612 ein eigenes Löwenhaus bauen und den alten Jägerhof bedeutend vergrößern und verschönern ließ – die Weihe desselben fand 1617 statt – hören wir von Wisenteinführungen; von Schimpff berichtet uns, daß der Kurfürst eine wertvolle Menagerie errichtete und für diese »weiße Rehe, schwarze Füchse, Gemsen, Auerochsen, barbarische Schafe, Renntiere, Dromedare, indianische Mäuse, nordländische Katzen und Paviane« aus »aller Herren Länder« kommen ließ. Die Auerochsen sind natürlich Wisente gewesen, die ohne allen Zweifel aus Ostpreußen bezogen wurden.

In einem Verzeichnis des von seinem Nachfolger, dem Kurfürsten Johann Georg II., während der Jahre 1657–1680 erlegten Wildes werden sechs »Büffel« als zur Strecke gekommen aufgeführt, und es ist wohl möglich, daß wir unter diesen Wisente zu verstehen haben. Szalay vermutet, daß sie »der Kurfürst gewiß im eigenen Wildparke züchtete und jagte«. Unter seinen Vorfahren scheinen nach Ausweis des von diesen erlegten Wildes Wisente noch nicht gejagt, aber möglicherweise schon zu den damals so beliebten Tierkämpfen und Kampfjagden, die unter August dem Starken und seinem Nachfolger in Sachsen ihre größte Blüte erlangten, verwendet worden zu sein. Das »Theatrum europaeum«, 1685, z. B. berichtet, daß am 3. Februar 1651 auf dem Schloßhof zu Dresden eine »Hatz« abgehalten wurde, bei der »ein Beer mit einem grimmigen Büffel-Ochsen sehr lustig und wohl gekämpffet« hat. Unentschieden muß hierbei noch bleiben, ob unter dem Büffelochsen bereits ein Wisent oder ein Hausbüffel zu verstehen ist, da beide Tiere zu den Kampfjagden Verwendung fanden und wenigstens in den späteren Berichten dann auch immer auseinandergehalten werden. So hören wir z. B., daß zu einer 1721 im Löwenhaus zu Dresden veranstalteten Kampfjagd ein Löwe, ein Tiger, drei Bären, vier hauende Schweine, ein Keiler, eine Bache, ein Auer- und ein Büffelochse verwendet wurden, während auf einer anderen, 1739 im Jägerhof abgehaltenen, zwei Bären, ein Auerochse und ein Stier auf dem Platze blieben, und von einem vierten, am 8. Februar 1740 veranstalteten Kampfjagen es unter anderem heißt: »Der Auerochs gab der Mauleselin mit den Hörnern einen Stoß, womit er ihr den Leib aufschlitzte«. Die in den Berichten erwähnten Auerochsen sind immer Wisente gewesen.

Abb. 4 Der Ur nach Herberstains »Moscovia«, Wien 1557 (»Die gemain nent den Bisont, ich aber Aurox«)

Unter Friedrich August dem Starken (1694–1733) und seinem Nachfolger, Friedrich August II. (1733–1763), die beide neben der sächsischen Kurwürde ja auch noch die polnische Königswürde bekleideten, geschahen die Wisenteinführungen im großen; sie erfolgten in der Hauptsache wohl oder sogar ausschließlich aus Polen, dem neuen Herrschaftsgebiete der beiden Fürsten, das an Wisenten ja noch sehr reich war. Ob, wie Szalay auf Grund eines am 21. Juli 1733 veröffentlichten kurfürstlichen Patents, in dem es heißt: »Nachdem wir entschlossen, unterschiedene Stücke Auer und dergleichen Wild aus dem Auergarten bei Königsburg in das Freie zu lassen«, annimmt, damals auch noch preußische Tiere vorhanden waren, möchte ich vorläufig hier noch unentschieden lassen; ich vermute, daß der Ausdruck »Königsburg« gar nicht auf Königsberg in Preußen zu beziehen ist, sondern eine lokale, mit Moritzburg (dem »Königsschloß«) in Verbindung stehende Bedeutung hat, wie ich an einer anderen zeitgenössischen Stelle Schloß Moritzburg als die »Königsburg« bezeichnet fand. Zwei Jahre vorher war ja auch erst ein Transport Wisente aus Litauen (Polen) eingetroffen.

Die in dem eben genannten Patent erwähnte Aussetzung ins Freie geschah in der Liebenwerdaer Heide (nördlich Elsterwerda, in der heutigen Provinz Sachsen); Koepert berichtet darüber, daß der Kurfürst im Juni 1733 den Oberhofjägermeister von Wolffersdorff den Auftrag dazu erteilt hat, und gibt dann das Bestätigungsschreiben des letzteren wieder, in dem es u. a. heißt: »Ew. Kgl. Hoheit haben gestrigen Tages mir mündlichen gnädigst Befehl zu erteilen beliebet, daß ich neunundvierzig Stück derjenigen Auer, so seither in dem Auergarten im Amte Moritzburg erhalten werden, nach Liebenwerda und dasiger Gegend ins Freye schaffe« usw. Über den weiteren Verlauf der Aussetzung erfahren wir aber leider nichts; eine Nachprüfung der Koepert als Quelle gedienten, nach ihrem Standort im Hauptstaatsarchiv von ihm bedauerlicherweise aber nicht näher bezeichneten Archivalien und im Anschluß daran weitere Nachforschungen waren mir bisher noch nicht möglich. Bemerkenswert ist es aber, daß bei der Auflösung des Auergartens zu Kreyern die nach v. Schimpff unterm 29. Juli 1793 das Hofjournal verzeichnet, der dabei noch vorhandene Bestand an Wisenten ebenfalls nach der Liebenwerdaer Heide überführt worden ist.

Abb. 5 Der Wisent nach Herberstains »Moscovia«, Wien 1557 (»Die gemain nent den Auroxen, ich aber den Bisont«)

Zeitlich vielleicht ungefähr zusammen mit der ersten Aussetzung des Wisents in der Liebenwerdaer Heide oder nur um ein weniges später erfolgte ein weiterer Aussetzungsversuch in Grethen bei Grimma, über den wir als einzige bisher bekannte zeitgenössische Quelle Doebels 1746 erschienene »Jäger-Practica« besitzen. Es heißt dort in Kap. 3 (Vom Auerochsen): »… sondern es sind auch welche im Freien bei Grehden vor einigen Jahren ausgesetzt worden[10]«. In dem sich dieser Angabe unmittelbar anschließendem Satze: »Die Vermehrung ist aber doch so stark nicht von denselbigen hier in Deutschland, als wo sie in ihrem ordentlichen Vaterlande sein. Ob sie gleich alle Jahre brunften, so gehen und bleiben sie doch sehr vielfältig gelte«, die sich zunächst ganz allgemein auf die in Deutschland überhaupt gehegten Wisente bezieht, ist aber wohl gleichzeitig auch ein Urteil über die Grethener Tiere mit enthalten, über deren weitere Geschicke wir dann aber ebensowenig etwas erfahren, wie über die bei Liebenwerda ausgesetzten Wisente.

Die im Lande eingeführten Tiere fanden zunächst wohl in Moritzburg Aufnahme, wo bereits vor dem Jahre 1703 einige Stallungen vorhanden waren, die auf einem alten Baurisse des Schlosses ausdrücklich als Auerochsen- und Büffelställe bezeichnet sind. Im Jahre 1727 richtete man dann an der Dresden–Großenhainer Straße auf Kreyener Revier (westlich von Moritzburg) einen eigenen Auergarten ein, an den heute noch die Auerschänke die Erinnerung aufrecht erhält. Über die Zahl und die Zeiten der erfolgten Wisenteinführungen sind wir bisher nur auf das allerdürftigste unterrichtet; sicherlich sind die vorhandenen Quellen, die uns hierüber Auskunft geben können, bei weitem noch nicht erschlossen. Von Koepert hören wir nur, daß im Jahre 1731 eine Anzahl Wisente aus Litauen in Kreyern eintraf und Freiherr von Friesen (Beiträge zur Jagdchronik des sächs. Hofes. Tharandter Forstl. Jahrb. 15, 1863, 304) vermeldet, daß nach dem Hofjournal vom 14. April 1747 der Posthalter Opfermann »von Warschau anhergekommen sei und zwei Auerochsen in Kasten mitgebracht habe«. Auch über die Mengen der in Moritzburg und Kreyern vorhanden gewesenen Tiere erfahren wir nur wenig; nach Koepert befanden sich 1740 im Friedewalder (Kreyener) Auergarten fünfundzwanzig junge Wisente, im November 1742 elf ebenfalls junge in Moritzburg. Diese Angaben und vor allem auch die Zahl der 1733 nach Liebenwerda überführten Tiere (neunundvierzig Stück) lassen auf das Vorhandensein von zeitweilig recht ansehnlichen Mengen schließen. – Die Auflösung des Kreyener Auergartens erfolgte, wie wir bereits hörten, im Jahre 1793 und die damals in ihm noch vorhanden gewesenen Wisente wurden nach der Liebenwerdaer Heide überführt. Mit dieser Nachricht endet für uns die Geschichte der Wisenthege in Sachsen; ihre Kenntnis ist, wie aus unseren Darlegungen hervorgeht, noch eine recht lückenhafte, und dem Historiker bietet sich daher eine dankbare Aufgabe dar, sie weiter klarzulegen. Insbesondere wäre es von großem Wert, weitere Kunde über die in der Liebenwerdaer Heide und bei Grethen erfolgten Aussetzungen und ihre Erfolge zu erhalten. –