Abb. 1 Aus Schwaderbach
Der nun folgende Ortsteil »Grenzstraße« schneidet genau das sächsische Untersachsenberg von dem böhmischen Schwaderbach ([Abb. 1]), dessen graues katholisches Gotteshaus inmitten verstreuter Holzhütten aufragt. Der Weg erreicht bei Grenzstein 600 den Ort Obersachsenberg. Beim Waldgut Obersachsenberg weder links, noch rechts abbiegen, sondern den steilansteigenden Grenzweg geradeaus. Oberhalb der zweiten, struppigen jungen Buche, unweit der letzten, höchsten Hütten von Schwaderbach und Aschberg, da, wo die im Schnee verschütteten Steingeröllmauern des Gipfelplateaus beginnen, steht in etwa neunhundert Meter Seehöhe der Grenzstein 606. Hier stoße den Wanderstab in die kristallene Kruste des Hartschnees; hier halte inne und schaue rückwärts. Denn hier bei Grenzstein 606 am Westhange des Aschberges, nicht auf dem Gipfel des Aschberges, ist, meiner persönlichen Auffassung nach, der bedeutendste Aussichtspunkt des gesamten Vogtlandes.
Abb. 2 Blick gegen Böhmen
Im zweiten Jahrgange seiner Monatszeitschrift »Das Vogtland und seine Nachbargebiete« warf Kurt Arnold Findeisen die Preisfrage auf: Welches ist der hervorragendste Aussichtspunkt des Vogtlandes? Ich beteiligte mich an dem Preisausschreiben, sprach dem Silberbacher Spitzberg die Siegespalme zu und heimste einen Preis ein. Heute, zehn Jahre später, bin ich andrer Ansicht. Ich habe seitdem auf meinen Wanderfahrten kreuz und quer durchs Vogtland mancherlei Neues geschaut, aber nirgends einen Fernblick gefunden, der sich messen könnte mit dem vom Grenzstein 606 aus. Nach Einheitlichkeit, Geschlossenheit, Großzügigkeit und Eigenart steht für mich auch heute noch der Silberbacher Spitzberg an erster Stelle. Aber die allseitig geschlossenen, starren Waldkonturen und der Blick auf ein beinahe unbebautes Gelände verleihen der Rundschau vom Granitgipfel des Spitzberges etwas unsagbar Totes, Einsames, Gedrücktes. Es fehlt das Belebende menschlicher Wohnstätten, das Abwechselnde in Form und Farbe, das Frohe und Freudige. Und gerade das bietet der Blick vom Grenzstein 606 aus in überreichem Maße. Die zahllosen, verstreuten Häuschen und Hüttchen von Schwaderbach und Quittenbach, von Ober- und Untersachsenberg, von Brunndöbra, Steindöbra und Georgenthal, die stattlichen Gotteshäuser und Schulgebäude im Tal, die schmucken Stätten der Industrie und anheimelnde Landhäuser im Heimatstil geben dem Bilde etwas ungemein Liebliches. Graue Sträßchen und schmale Fußsteige ziehen im Sommer von Haus zu Haus durchs grüne Gelände. Wedelnde Wäsche auf schwanken Leinen in den Farben der nahen Tschechoslowakei, weiß, blau und rot, flattert im Bergwind vor den Hütten. Überall wird das Grün der Hänge und Hügel unterbrochen und belebt von bunten Farbflecken.
Heut’ freilich ist alles in einfache Formen und einheitliche Farben gegossen. Wuchtig hebt sich Terrasse über Terrasse, reiht sich Kuppe an Kuppe ([Abb. 2]). Alle Einzelheiten verwischt, alles Kleinliche getilgt, die ganze weite Winterwelt in blendender Größe als Einheit vor uns hingestellt.
Abb. 3 Neuschnee am Aschberg
Im Westen glutet blutigrot der Feuerball der scheidenden Sonne. Rasch senkt sich Dämmerung über das Waldland. Wie mit krallenden Fingern kriecht und klettert die Dunkelheit aus den Tälern herauf zu meinem sonnigen Hochsitz. Und dann kommt das Schönste. Wie ein Lichtlein nach dem anderen in tausend Fensterchen aufglimmt, wie mählich die Linien der Ferne und die Umrisse der Nähe zergehen, wie aus der stärker einsetzenden Nacht immer zahlreicher und deutlicher die stillen Lichter aufflammen und wie schließlich ein irdisches Sternenheer in schier überirdischer Schönheit uns entgegenleuchtet. In den Tälern die Lichtflecken gehäuft, an den Hängen die Lichtfünklein weiter voneinander entfernt, auf den Höhen hier und da ein einsames Leuchten. Und ganz in der Weite der fleckenlose, fahle Schein fernabgelegener größerer Ortschaften. Das Bellen eines Hundes, das Rattern eines Eisenbahnzuges, sonst kaum ein Geräusch in weiter Runde.
Kurz vor der Schlafenszeit der Waldbewohner erreicht die Schönheit des Lichterglanzes ihren Höhepunkt. Und dann verlöscht ein Fünklein nach dem anderen. Nur einigen wenigen fleißigen Arbeitsbienen oder wohl auch fröhlich-faulen Zechern leuchten die letzten Lichter, bis auch diese verlöschen und rabenschwarz die Bergnacht über dem Grenzgebirge liegt.