Abb. 4 Waldwand

So stehe ich lange, lange mit schmauchendem Pfeiflein am Grenzstein 606, sehe den Wintertag schwinden und die Winternacht heraufziehen, sehe das Lichtermeer des südvogtländischen Musikwinkels kommen und gehen und steige in später Stunde hinab zu den Wohnstätten der schlafenden Waldbewohner. –

Abb. 5 Straße Klingenthal–Auerbach (Steindöbra)

Am anderen Morgen, in aller Herrgottsfrühe, geht’s empor zum Gipfel des Aschberges. ([Abb. 3.]) Winterpracht! Rauhreif liegt über den Höhen. Jede junge Fichte eine Kristallkrone, jede Kiefer ein Gespenst, jedes Wacholderbäumchen eine duftigzarte Filigranarbeit. Alle Formen einseitig verzerrt. Die dünnen Stangen des Wildgatters sind zu breiten Brettern, die Bretter zu Balken geworden. Am Boden ragen die starren Stengel des Wegerichs, die buschigen Schäfte der Schafgarbe und zierlich mit Eisnadeln besetzte Dolden über die Schnee-Ebene. An der unbewaldeten Seite des Gipfels ziehen zahllose parallele Skifahrerfährten geradlinig dahin. Die glatten Felsen des Kulminationspunktes mit der Triangulierungssäule (939,5 Meter) sind an der Wetterseite mit gewellten Eisplatten bekrustet. Von Böhmen herüber schieben sich Nebelschwaden vor und geistern zwischen einseitig bereiften Fichtenstangen. ([Abb. 4.]) Und nun steuere ich weglos nach der Senke zwischen Aschberg und Großem Rammelsberg, um bei Grenzstein 624 die von Obersachsenberg nach Morgenröthe führende Waldstraße zu erreichen. Die Nebelfetzen wachsen an zu Wolkenbalken, und da die von Schneemassen überwuchteten Grenzsteine kaum erkennbar sind, ist größte Aufmerksamkeit erforderlich. Trotz der frühen Morgenstunde ist die Waldstraße belebt von Skifahrern, die auf leichten Brettern nach der rechts des Weges gelegenen Kurt-Seydel-Sprungschanze gleiten. Der mächtige Holzbau, heute überzuckert mit Rauhreif und Neuschnee, wurde 1923 vom Wintersportverein »Aschberg« errichtet und bietet prächtige Blicke hinab ins Tal und empor zu den Waldhängen des 962,7 Meter hohen Rammelsberges. Ich aber biege links ab und folge den blauen Zackenzeichen des Erzgebirgskammweges bis zur Staatsstraße »Klingenthal–Auerbach« ([Abb. 5]). Im »Buschhaus« zu Mühlleithen halte ich Mittagsrast und breche, um vor Anbruch der Dämmerung den Abendzug in Muldenberg zu erreichen, zeitig auf. Mein Nachmittagsziel ist der 941,3 Meter hohe Kiel. Es ist dies kein eigentlicher Berg, sondern ein Gebirgsstock, der sich in einer Gesamtflächenausdehnung von fünfundzwanzig Quadratkilometern stufenförmig aus den Tälern des Steinbaches, der kleinen Pyra, der Boda, des Sau- und Silberbaches, also im Wasserscheidengebiet Mulde–Eger, aufbaut und von einem Vasallenkranz von zwölf Vorbergen umgürtet wird. Das Aschberggebiet mit seiner dichten Besiedelung, mit seinen Skihütten und Sprungschanzen tritt von Jahr zu Jahr mehr aus seiner Wintereinsamkeit heraus. An klaren Wintersonntagen wimmeln seine Hänge von skifahrenden Naturgenießern. Am Kiel, bei Winselburg und um den Schneckenstein, steht schweigend der weite Winterwald. Der Massensportbetrieb konnte hier noch nicht festen Fuß fassen. Es fehlen die waldlosen, geneigten Flächen, und wenn auch hier und da zwischen weitständigem Hochwald eine Blöße lagert, so gibt es am Kiel doch zu viele Fichtendickungen, die dem Sportsmanne das Fortkommen erschweren. Und doch lockt mehr als eine breite Schneise den Fahrer zu Tal. ([Abb. 6.]) Weite Fernsichten lassen die Höhenwanderer nicht los, obwohl schon dämmerig lange Baumschatten über den Weg huschen.

Abb. 6 Am Kiel

Außer den sieben Häuschen von Winselburg gibt es am Kiel keine Siedlung. Die blinkenden Fenster der allerobersten Hütte schauen weit hinaus nach Norden und Osten, hinüber zu den Waldbergen des westlichen Erzgebirges, auf Kuhberg und Auersberg ([Abb. 7]), die von hier aus bei starkem Schneebehang des Hochwinters nicht als graue Waldrücken erscheinen, sondern als leuchtendweiße Schneewände über tieferliegende dunkle Vorberge und Talgründe emporragen.