Hier oben steht man wie auf einer stolzen Kanzel und der Blick wandert weit hinaus über die Dächer des Bergmannsdörfchens zu den Hängen des Muldentales aufwärts und abwärts mit seinen Wäldern und zu den sanft geschwungenen Höhenlinien des fernen Horizonts, oder zu dem buschigen Wiesengrunde dort unten mit der alten Kaue ([Abb. 10]), und zu dem dichten Waldesgrün dort drüben über den braunen Wellen der Äcker, an deren Rande weiße Birkenstämme leuchten. Im Grunde dort strömt die Mulde im raschen Laufe, die Poesie stiller landschaftlicher Schönheit und idyllischer Abgeschlossenheit und Ruhe mit der Prosa werktätiger Arbeit und schaffender rastloser Energie vereinend.
Abb. 12. »Alte Hoffnung Gottes« Kleinvoigtsberg. Oberes und Niederes Pochhaus
Es zieht uns hinunter zum Muldenufer, um dort den unteren Teil des Werkes, die Aufbereitungsanlagen in ihren Bauten und inneren Einrichtungen kennenzulernen.
Abb. 13. »Alte Hoffnung Gottes« Kleinvoigtsberg. Scheidebank
Auch hier sind die Bauten alle wie aus einem Guß und tragen das unverkennbare echt bergmännische Gepräge. Sie sind aus dem Boden gewachsen, wie es der Betriebsvorgang erforderte, ihre Form und Gestalt ist genau dem praktischen Zwecke angepaßt und doch oder vielleicht gerade deshalb ist eine so natürliche, eindrucksvolle, unbewußt malerische, für den sächsischen Erzbergbau bezeichnende Tagegebäudegruppe entstanden. ([Abb. 11.]) Die Gebäude sind dem Arbeitsgange folgend sozusagen stufenförmig angeordnet. Wie bereits erwähnt, wird nur das taube Gestein bis zur Mündung des Treibeschachtes oben im Treibehause geschafft. Das Erz wird bis zu einem wenig über dem Muldenufer liegenden Stollen getrieben und von dort auf einer Huntebahn im überdeckten Gang dem Lagerhaus, dem Steinbrecher und der Scheidebank, und weiter den Pochwerken ([Abb. 12]) und der Stoßherdwäsche zugeführt. In der Scheidebank wird mit dem Fäustel das Erz von dem anhaftenden Gestein grob gereinigt, geschieden. Auf einer Rutsche wandert das Erz zur Scheidebank, an der heute nur vier Männer arbeiten. ([Abb. 13.]) Der blau und silbern flimmernde Bleiglanz, dessen breite schwere Bänder aus dem toten grauen Gneis herausgeschlagen und zerkleinert werden, wird in den eisernen, eimerartigen Gefäßen zur weiteren Verarbeitung fortgeschafft. Das Erz funkelt dort auf der Scheidebank im hereinflutenden Sonnenlicht, als wäre ein Nibelungenhort dort ausgebreitet. Daß auch das Innere einer Werkstatt und einer Fabrik, eines Arbeitssaales nicht öde und reizlos sein muß, können wir hier erkennen. Kultur der Arbeitsstätte. Es ist ein Bild von malerischem Reize, in dem die Schätze der Tiefe in besonders eindrucksvollem Glanze sich zeigen, so »daß es nicht nur den Obern Freude macht, die es recht gerne sehen, wenn man ihn’n schöne Erze zeigt, an Silber und an Bleien reich!« sondern auch uns! Doch dieser Glanz ist bald verschwunden und dahin, wenn das eitle prangende Erz in das Pochwerk kommt. Unter den stampfenden Schlägen der Stempel des Pochwerkes wird das, was eben wie blankes Silber oder in den Farben des Regenbogens gleißte und schillerte, zu einem unansehnlichen grauen Sand. – »Ach wie bald, ach wie bald, schwindet Schönheit und Gestalt!« Auch das Pochwerk des Lebens zerhämmert ja mit seinen fallenden Stempeln soviel trügerischen Glanz, soviel eitelen Schimmer, soviel schillernde Hoffnungen, soviel blankes edles Wollen und läßt nur grauen Sand oft übrig. Wenn dieser Sand nur recht kräftigen wertvollen Erzgehalt hat, dann mag man auf den äußeren Glanz wohl verzichten.
Abb. 14. »Alte Hoffnung Gottes« Kleinvoigtsberg. Naßpochwerk im Niederen Pochhaus
Von weitem hören wir schon das rhythmische Pochen der fallenden Stempel, unter deren Wucht das Erz zermalmt wird. ([Abb. 14.]) Dieses Pochwerk ist eine sehr einfache urtümliche Maschine. Schon Georg Agrikola schildert und zeichnet sie in seinem berühmten Werke über den Bergbau im Jahre 1610 in genau derselben Weise ([Abb. 15]), wie sie uns heute hier in voller Tätigkeit vor Augen steht. Wo findet man wohl noch eine Industrie auf deutschem Boden, deren Maschinenkonstruktion weit über dreihundert Jahre in derselben Form in Tätigkeit ist? Es ist dieselbe Anordnung wie bei den alten Hammerwerken des Erzgebirges, wo die gewaltigen Schwanzhämmer durch eine vom Wasserrade gedrehte ungefüge Daumenwelle gehoben werden und krachend auf den Ambos niederfallen. Der Frohnauer Hammer bei Annaberg, in dem 1496 die Gründung und Stadtanlage Annabergs beraten wurde, und der Freibergsdorfer Hammer bei Freiberg zeigen heute noch in der Zeit der Dampfhämmer und elektrischen Hämmer diese Anordnung. Auch hier bei unserem Pochwerk ist diese einfache wuchtige Maschine in voller Arbeit.