Alles wird mein!«
(Fontane.)
Abb. 16. »Alte Hoffnung Gottes« Kleinvoigtsberg. Aufbereitung, Stoßherde
Ja, auch solche einfache Maschine des Bergbaues mit ihrem uralten Konstruktionsgedanken kann uns etwas sagen und ein Gleichnis sein besonderer Art, ein Gleichnis, ein Bild, wie im Bergbau immer wieder sich Gleichnisse und Bilder aufdrängen und uns Gedanken wecken, die in die Tiefe und in die Höhe führen. Der Bergbau, der in die Tiefe führt, lehrt die sinnende Seele verstehen und ahnungsvoll fühlen, daß alles Irdische nur ein Gleichnis ist. –
Abb. 17. »Alte Hoffnung Gottes« Kleinvoigtsberg. Aufbereitung, Schlammhalde. Drahtseilbahn mit dressierten Hunten
Wir wenden uns weiter zur Stoßherdwäsche im nächsten Werkgebäude, wo das vom Pochwerk zu Mehl oder Schlamm zermalmte Erz durch fließendes Wasser weiter gereinigt wird. ([Abb. 16.]) Auch diese Einrichtung scheint in ihrer urwüchsigen Einfachheit so recht ein Gedanke schlichten Bergmannsgeistes alter Zeit zu sein, nicht viel komplizierter wohl als wie die Vorrichtungen, die den ersten Silbergräbern von Freiberg vielleicht schon zum Erzewaschen dienten. Das mit Wasser aufgeschlämmte Pochmehl fließt als »Pochtrübe« zu und wird zunächst in nach unten verjüngten Spitzkästen, dann auf den Stoßherden im fließenden Wasser nach Korngröße und spezifischem Gewichte gesondert. An Ketten hängen wie Schaukeln große, etwas geneigte Holzböden, die Stoßherde, über welche aus Verteilungsrinnen die Pochtrübe hinwegrieselt. Das fließende Wasser spült allmählich den leichteren tauben Gneis- oder Quarzsand im trüben, schmutzigen Abfluß weg, während die schweren Erzkörnchen liegen bleiben. Unterstützt wird diese Reinigung durch rüttelnde Stöße, welche die Schaukel in eine kurzatmige, langsame Bewegung versetzen. Auch hier ist es eine Daumenwelle, deren Daumen die Herde vordrücken und im Abgleiten gegen ein Widerlager zurückfallen lassen. Es sind mehrere solche Stoßherde hintereinander bzw. nebeneinander angeordnet, teils um ausschalten und wechseln zu können, teils auch, um einen höheren Reinigungsgrad zu erreichen. Ein eigenartiges Poltern und Stoßen, Knarren und Ächzen erfüllt den Raum. Doch mag diese Maschine noch so poltern und wichtig knarren, wir glauben doch auch hier die Stimmen einer längst vergangenen, verklungenen Zeit zu hören, über deren technische Errungenschaften die moderne Technik mit Riesenschritten fortgeschritten ist. Wir glauben es nicht, daß dieser Stoßherd treu seine Arbeit verrichten kann, sondern, so wenig im »tauben« Gestein der Grube und der Scheidebank unbeachtete, verschmähte und verloren gehende Erzadern fehlen, sondern auf die Halde wandern, so wenig das altertümliche Pochwerk das letzte Körnchen Erz vom Steine zu lösen vermag, so wenig wird der Stoßherd es vermögen, das Erz treu und rein in ganzer Menge zu bewahren, den Weizen von der Spreu zu sondern, hie reines Erz zu halten, dort reinen Schlamm wegzuspülen.
Drüben an der Halde, wo der ausgewaschene Wäschsand dicht am Waldrand gestürzt wird und weiß und gelblich, rötlich und hellgrau zwischen Wiesengrün und Waldesdunkel leuchtet, vermag man auch ohne Mikroskop kleine silbergraue Schuppen und Spuren verlorenen Erzes zu finden. Wie viele Tonnen wertvollen Erzes mögen so durch die unvollkommenen Arbeitsvorgänge im Laufe der Jahre verloren gehen, Werte, die wir in unserem armen Vaterlande nicht entbehren können, die unserer Wirtschaft nicht verloren gehen dürfen. Wirtschaftlich arbeiten und mit der geringsten Kraft die höchste Leistung, den höchsten Nutzen erzielen, das ist die Aufgabe der modernen Zeit, das ist der Weg, um uns und unsere Heimat und Vaterland wieder emporzuheben.
Unten im Schacht vor Ort arbeitet heute der Häuer noch wie vor Jahrhunderten, indem er das lange Eisen des Bohrers ansetzt ([Abb. 18]) und mit geschwungenem Fäustel, langsam drehend, das Eisen tiefer treibt, bis das mühsam gebohrte Loch für den Sprengstoff die gehörige Tiefe hat. Wie bald wird da auch der geübte und fleißige Arm matt, wenn im lang herausgeholten sicheren Pendelschlag mit dem »Baumelfäustel« das Eisen im zähen Gneis nur langsam vorrückt. Wieviel Eisen werden stumpf, von denen ein ganzes Bündel den Häuer auf die Strecke vor Ort begleitet. – Kann es ein stärkeres Zeugnis für die Abbauwürdigkeit und Ergiebigkeit der Grube geben, als daß, trotz aller Widrigkeiten der Wirtschaftslage, der Silberentwertung, trotz Fehlens moderner wirtschaftlicher Betriebseinrichtungen und maschineller sparsam arbeitender und höchste Nutzwirkung sichernder Vorkehrungen, daß trotz der unwirtschaftlichen Arbeit und Aufbereitungsverfahren nach Urväterweise diese Grube sich noch halten konnte und Ausbeute gibt bis auf den heutigen Tag? –