Abb. 1. Die Streitlinde. Von Norden aus gesehen

So ist der Baum gewiß ab und zu der Schauplatz manch einer Dorffestlichkeit gewesen, wenn er auch nicht in der Dorfmitte stand. Was mag er in den fünfhundert Jahren alles erlebt haben! Im Schmalkaldischen Kriege wurde bei Rochlitz ein Treffen geliefert, in dem Kurfürst Johann Friedrich gegen Markgraf Albrecht von Brandenburg kämpfte und diesen trotz seiner siebentausend Mann starken Heeresmacht besiegte. Kaiserliche, Schweden und Kurfürstliche mögen im Dreißigjährigen Kriege oft an unserer Linde vorübergezogen sein, um das Schloß Rochlitz zu besetzen oder die Besatzung zu befreien. Im Siebenjährigen Kriege sah der Baum Preußen und Österreicher vorüberziehen. 1812 lagerten in ihrer Umgebung Franzosen, Bayern und Italiener, die sich auf dem Wege nach Rußland befanden. Wer zählt die ungeheuren Scharen, die im Jahre 1813 von Napoleon und von den Verbündeten hier vorübergeführt wurden! Oft drang dann nach 1870 der helle Klang der Feldtrompeten der 18er Ulanen vom nahen Exerzierplatz in Königsfeld zu unserem Baume herüber.

Daß dieser nicht das Opfer menschlicher Zerstörung, insbesondere der rohen Soldateska geworden ist, hat er sicher seinem etwas abseits von der Verkehrsstraße gelegenen Standorte zu verdanken. Von der Straße aus ist die Linde durch eine Bodenwelle verdeckt. Ein schmaler Feldrain, nur für Kundige auffindbar, führt nach ihr hin.

Der Eindruck, den man von Norden her empfängt ([Abb. 1]), ist noch nicht so trostlos. Wesentlich trauriger mutet der Anblick von Süden aus an. ([Abb. 2.]) Die Aufnahmen von Westen und Osten ([Abb. 3] und [4]) zeigen mit erschreckender Deutlichkeit den Verfall unseres Naturdenkmals.

Abb. 2. Die Streitlinde. Von Süden aus gesehen

Ist dieses überhaupt noch zu retten und was ist zu seiner Erhaltung zu tun? Diese Fragen veranlaßten den Verfasser dieses, an den Vorstand des Landesvereins »Sächsischer Heimatschutz« zu berichten und um Abordnung eines Baumsachverständigen zu bitten. Der Besitzer der Streitlinde, Herr Graf zu Münster, hatte sich in liebenswürdigster Weise bereit erklärt, alles zur Erhaltung derselben zu tun. Am 27. Februar hatte Herr Obergartendirektor Hofrat Bouché die Güte, in Gemeinschaft des Besitzers und des Vertrauensmannes sich an Ort und Stelle von der Beschaffenheit des Baumes zu überzeugen.

Abb. 3. Die Streitlinde. Von Westen aus gesehen

Dem Gutachten möge folgendes entnommen werden: Leider ist der Verfall schon sehr weit vorgeschritten. Die früheren Besitzer des Rittergutes Königsfeld haben offenbar nicht das lebhafte Interesse für Heimatschutz gehabt, wie es der jetzige Eigentümer in hervorragender Weise bekundet. Der Stamm ist bis weit hinauf hohl, hat viele Löcher und morsche Stellen; das gleiche gilt auch von den Hauptästen. Ein Hochwinden des abgebrochenen Astes in seine frühere Lage ist unmöglich, da der Stamm – wie erwähnt – hohl und wenig widerstandsfähig ist und keinen Gegenhalt bieten kann. Jetzt stützt sich der herabgebrochene Teil auf einige in den Erdboden eingespießte Äste. Es soll nun versucht werden, ihn an mehreren Stellen zu untermauern. Die Astlöcher will man durch eine mit Zement überputzte Drahtwand verschließen, nachdem die Höhlungen vorher ausgekratzt und mit Teer ausgestrichen worden sind. Beim Beseitigen des Mulms im Inneren des Stammes muß sehr vorsichtig verfahren werden, daß die aus den oberen Ästen herausgewachsenen Ademtixwurzeln nicht beschädigt werden. Sie führen diesen aus dem Bauminnern die Nahrung zu. Die noch unversehrten Äste sollen auch Stützen erhalten, um einem Abbrechen vorzubeugen.