Abb. 2. Krokuswiesen bei Drebach im Erzgebirge
Die schmal-lanzettlichen Blätter und die Dreizahl im Blütenbau beweisen die Zugehörigkeit der Gattung Krokus zur Klasse der Einkeimblättrigen, die auch viele andere frühblühende Gartenstauden mit lineal-lanzettlichen Blättern in sich begreift.
Alles weist auf die Verwandtschaft mit Tulpe und Lilie hin, und der Botaniker, welcher auf »Ordnung« in seinem Reiche sieht, hat auch unseren Krokus in die Ordnung der »Lilienblütigen« (Liliiflorae) eingestellt. Dabei hat er aber bei der Fülle der Gattungen und Arten in allen Erdgebieten und bei gelegentlicher Abweichung vom eigentlichen Bauplan drei verschiedene Verwandtschaftskreise, sogenannte Familien, aufgespürt: Lilien-, Narzissen- und Schwertliliengewächse (Liliaceae, Amaryllidaceae und Iridaceae). Während wir bei den Liliengewächsen den grünen mittelständigen Fruchtknoten im Innern einer jeden Blüte leicht wahrnehmen können, haben die beiden anderen Familien zum Schutze vor schädigenden Insektenbesuchern dieses Gebilde unter die Blütenteile gestellt, so daß wir in dem unterständigen Fruchtknoten einen Entwickelungsfortschritt sehen dürfen. So tut es auch unser Krokus, und an genügend entwickelten Blüten kann man den unterständigen Fruchtknoten an kurzem Blütenstiel, zwischen den grünen Blättern versteckt, auffinden. ([Abb. 1] frk.) Auf ihm sitzt die langröhrige, sechsteilige lilae Blütenhülle, von denen die drei äußeren Zipfel schmal und etwas dunklerlila sind, als die inneren ([Abb. 2]). An ersteren ist etwa in Höhe der Kronenröhre innen je ein Staubblatt angewachsen, so daß die Krokusblüte wie all die schönblütigen Schwertliliengewächse, nur drei Staubgefäße zeigt, während die verwandten Narzissengewächse deren sechs besitzen. Vom Fruchtknoten aus erhebt sich, die Kronenröhre durchwachsend, ein langfädiger Griffel bis an die Staubbeutel oder darüber hinaus ([Abb. 1]), welcher an seiner Spitze eine dreiteilige orangegelbe, keilig verbreiterte Narbe ([Abb. 1] n) trägt. Die hellgelben, am Grunde pfeilförmigen Staubbeutel sind einem weißen Faden angeheftet.
Als nahe Verwandte der Gattung Krokus sind auch die als Beetschmuck gepflanzten Gladiolen anzusehen.
Diese ganze Verwandtschaft weist hin auf den Süden und Osten Europas als Ursprungsland, und es gibt tatsächlich im Mittelmeergebiet und Orient etwa achtzig verschiedene Krokusarten. Von hier aus haben sie wohl den Gebirgsbogen vom Balkan bis zu den Pyrenäen besiedelt. Hierunter gehört auch der oben erwähnte Heilsafran (Crocus sativus), dessen orangefarbene Narbe sogar die Blütenhülle überragt und unter dem Namen »Safran« von alters her zum Färben benutzt wurde. Er ist auf Dörfern heute noch ein Mittel, die Kuchen schön gelb zu färben und ihnen infolge eines ätherischen Öles einen eigenartigen Geschmack zu verleihen: »Safran macht die Kuchen gäl!« Zu einem Pfund Safran gehören die Narben von vierzigtausend Blüten.
Der Name Krokus ist chaldäischen Stammes, wo Kroke »der Faden« heißt. Dies beweist, wie schon in frühester Zeit die fädigen Narben bekannt und geschätzt waren, aber nicht bloß in ihrer färbenden Wirkung; auch eine gewisse Heilkraft schrieb man diesen Narben zu, und noch immer wird der »Safran« in den Apotheken zu Salben und Parfüms verwendet. Nannte doch der alte Römer den Safran »das einzige wirklich gut riechende Ding«. Plinius rühmt von ihm sogar, daß nach Genuß von Safran der Wein nicht trunken mache. Daher wohl auch die Gewohnheit, bei Trinkgelagen Kränze von Krokusblüten zu tragen!
Dies alles gilt von dem im Herbste blühenden südeuropäischen Crocus sativus.
Es wird uns nun interessieren, welcher Art unser Drebacher Krokus angehört, und da hat sich nach meinen Ermittelungen etwas eigenartiges herausgestellt: Infolge der frühen Blütezeit und der einzigen Blütenscheide ([Abb. 1]) gehört der Drebacher Krokus sicherlich in den Formenkreis des Frühlingssafrans (Crocus vernus Wulf.). An der Stelle, wo die trichterig-glockige Blütenhülle in die schmale dunkelviolett gefärbte Röhre übergeht, befindet sich innen ein Safthaarbüschel; die Röhre besitzt also einen bärtigen Schlund ([Abb. 1] sh), im Gegensatz zu dem Krokus des Riesengebirges: Crocus Heuffelianus Herb. mit glattem Schlund. Nun bleiben noch zwei Unterarten der Vernus-Gruppe: einmal unsere hauptsächlichste Gartenform mit ansehnlicher Blüte und einer die Staubbeutel überragenden Narbe: Crocus neapolitanus Gawl, das andere Mal die Alpenform mit kleinerer weißer oder lilaer Blüte und einer nicht über die Staubbeutel reichenden Narbe: Crocus albiflorus Kit.
Unser Drebacher Krokus ist sicher eine von der Gartenform »neapolitanus« abzuleitende Lokalrasse, hat aber, wohl infolge der Selbstverbreitung innerhalb bald dreier Jahrhunderte, besondere Merkmale angenommen.
Er ist durch kleinere Blüten und schmälere Blütenzipfel der Alpenform ähnlich geworden, und er besitzt nicht die von »neapolitanus« angegebenen »am Grunde weichhaarigen Staubfäden«, seine Staubfäden sind kahl. Seine Färbung ist ziemlich gleichmäßig: Von der dunkelvioletten Kronenröhre zieht sich an jedem Kronenblatt ein dunkler Fleck nach oben ([Abb. 2]). Dunkler sind auch die Spitzen der schmäleren äußeren Zipfel. Ich fand bei den meisten der untersuchten Pflanzen nur drei grüne Laubblätter vor, während der eigentliche vernus meist mehr als drei entwickelt! Die grünen Laubblätter zeigen auf der Unterseite parallel dem Rande zwei auffallende Rinnen, über welche uns ein Blattquerschnitt ([Abb. 3]) am besten Auskunft gibt. An diesem sehen wir, daß das Blatt in eigenartiger Weise mit seinen Rändern nach der Unterseite eingerollt ist. Solche Rollblätter deuten auf das Streben hin, das Innenwasser möglichst wenig nach außen verdunsten zu lassen. Es ist eine Art Verdunstungsschutz, der für trockene Sommer, aber auch für den scheinbar feuchten Vorfrühling angebracht ist. Ich sage »scheinbar« feucht! Die Bodenkälte verhindert nämlich die Wasseraufnahme durch die Wurzeln, hält also die Pflanze trocken, so daß die Blätter gezwungen sind, mit ihrem vorhandenen Lebenswasser möglichst sparsam Haus zu halten.