Also verweile man hier, bis talauf und talab der weite Grund durchwandert ist. Das rührige Olbernhau zeigt so recht, wie neues Leben sich neue Form geprägt hat. Noch vor dreißig Jahren eine kleine beschauliche Landgemeinde, die sich eng um das den Kern bildende Rittergut am Markt schmiegte, ist es jetzt eine Stadt von zwölftausend Einwohnern, die ihre Arme in Gestalt langer Straßen an den Hängen hin schon bis zu den Nachbardörfern ausstreckt. Schade, daß bei der Stadtwerdung im Jahre 1902 die prächtige Baumallee der Freiberger Straße dem Ehrgeiz, eine »städtische« Straße darzustellen, zum Opfer fiel. – Die unschönsten Gebäude sind, wie überall, wo der Aufschwung in den neunziger Jahren einsetzte, Amtsgericht und Reichspost: Aus rohen Ziegeln nach rohem Schema roh erbaut. – Von Altem ist nicht viel mehr vorhanden, nur wenige der alten Häuser stehen noch, so besonders am Markt, wo aus steilen Dächern lustige Reihenfenster blitzen. Und der Kirchturm steht noch so rund und gemütlich da, wie er um 1590 erbaut wurde, und wie ihn Theodor Körner beschrieb.

Der kam als junger Bergstudent von Freiberg gar oft hier durch, um im kurfürstlichen Kupferhammer Grünthal, der alten »Saigerhütte«, Studien zu machen. Eine halbe Wegstunde talaufwärts liegt dieses alte Werk, heute zu einer bedeutungsvollen Anlage erweitert, und vom alten Eingangstor, mitten zwischen kleinen Häuschen und großen neuen Gebäuden, grüßt noch das kursächsische Wappen. Aber wo Körner einst durch einsame Wiesen und Felder wanderte, begleiten heute Reihen von Häusern den Weg.

Dicht hinter dem Kupferhammer steigen Felsen steil empor, und von hohem Hange grüßt eine Kirche weit ins Tal, den Blick auf sich ziehend. Unwillkürlich kommt es einem in den Sinn: »Droben stehet die Kapelle«. Steigt man hinauf, so lohnt ein Blick von lieblichster Weite: Nach Westen das Tal mit Olbernhau, darüber dunkle Fichtenwälder in immer höher sich schiebenden Kulissen, im Süden der Eingang zum Natzschungtal, unweit dessen die schwarzen Türme und Halden des Anthrazitwerkes herüberdrohen. Nach Osten, zu Füßen der Waldberge von Rothenhaus, leuchtet aus grüner Matte das seltsam langgezogene Reihendorf Brandau, und weiter oben thront wieder Katharinaberg. Aber schon Brandau ist böhmisch und sein guter alter Name heute in Brandovo umgewandelt. Die Flöha, die hier unten dicht am Berghange fließt, ist Reichsgrenze.

Ein Gefühl, als ob man hier oben unabhängig von Grenzen sei, die Menschenhand gezogen, überkommt einen an der Kirche, die so frei hinüberschaut ins andere Land. Und dies Gefühl mag auch die Männer beseelt haben, die als erste sich hier niederließen. Emigranten aus Böhmen waren es, die um ihres protestantischen Glaubens willen die Heimat verlassen mußten, da ihnen der Westfälische Friede dort keinen Glaubensschutz gewährte. Mit dem breiten Strome heimatloser Flüchtlinge, der sich damals nach Sachsen und weiterhin ergoß, kamen auch acht Familien aus der Herrschaft Dux herüber. Sie fanden in dem Besitzer des Rittergutes Pfaffroda, dem Berg- und Amtshauptmann Caspar v. Schönberg, einen gütigen Förderer, der ihnen kurz entschlossen hier ihm gehöriges Land gegen eine geringe Summe (wir würden heute sagen: ein Bezeigungsgeld) abtrat. So entstand hier im Jahre 1651 die erste Siedlung, die zum Danke für ihren Gründer und Förderer den Namen Oberneuschönberg erhielt. 1658 und 1669 erhielt sie weiteren starken Zuzug aus Böhmen, was den Erzbischof von Prag, Fürst Waldstein, so verdroß, daß er sogar dem Kurfürsten Johann Georg mit Repressalien drohte. Aber hier, jenseits der böhmischen Grenze, galten die glaubensschützenden Bestimmungen des Westfälischen Friedens. So konnten die Heimatlosen Heimat finden und 1659 erst eine hölzerne, 1692 dann an gleicher Stelle eine steinerne Kirche bauen. Mit Absicht mögen sie sie so hart an die Grenze gestellt haben, daß sie wie eine Burg ins böhmische Land hinüberragte, und ehern mag zum erstenmal von hier das Lied hinübergeklungen haben: Ein feste Burg ist unser Gott! –

Abb. 1. Olbernhau. Kirche am Marktplatz

Talab von Olbernhau liegen zwei Dörfer ähnlichen Namens: Nieder- und Kleinneuschönberg. Auch hier gab Caspar v. Schönberg das Land an Exulanten, auch hier bewies er die gleiche Fürsorge für ihr Wohl, indem er alle drückenden Abgaben fernhielt und sogar (1655/59!) Gewerbefreiheit und Freizügigkeit gewährte. Noch stehen in den drei Neuschönbergischen Dörfern mehrere der alten Wohnstätten, die die ersten Ansiedler errichteten, kleine Häuschen, die grad Unterkommen für eine Familie boten. Und es ist charakteristisch, daß sie fast alle dort errichtet sind, wo ein Felsen zutage tritt – kleine Burgen endlich gefundenen Friedens – eine Versinnbildlichung des Wortes:

Wer Gott dem Allerhöchsten traut,

Der hat auf keinen Sand gebaut.

In sanftem Bogen windet sich durch Kleinneuschönberg die Biela der Flöha zu. Ihr Name verrät, daß, wie so oft im Gebirge, ehe dort Ansiedlungen entstanden, die Slawen den Wasserläufen die Namen gegeben haben. Man sieht es dem unscheinbaren Bächlein nicht an, daß ehemals Perlen darin gefischt worden sind. Noch 1912 wurde eine Muschel mit einer rosa Perle hier gefunden, und wenn ihr Wert auch von Fachleuten nicht hoch geschätzt wird, dem Heimatfreund ist sie zehnfach wert. Die alten Valen sollen diesen Reichtum genau gekannt und auch nach goldreichem Sand gesucht haben. Aber die Nachrichten darüber verlieren sich in sagenhaftem Dunkel.