Es lockt, der Biela zu folgen und nicht gleich nach Olbernhau zurückzukehren. Freilich führt ihr Lauf durch feuchte Wiesen, und man tut besser, der nahen Straße zu folgen, die abwärts nach Reukersdorf führt. Da steht man dann erfreut vor dem dortigen Gasthof »Zum Erbgericht«. Ein prächtiges Beispiel heimatlicher Bauweise in Fachwerk, an dem auch die echten erzgebirgischen Schiebefenster, für jeden Wind unangreifbar, aus Gründen der Heimatliebe noch erhalten sind.
Abb. 2. An der Reichsgrenze. Blick von der Kirche Oberneuschönberg auf Brandau und (am Horizont links) Katharinaberg in Böhmen
Auf der weiten Wiesenfläche haben schwarze Haufen den Blick gefesselt. So wandert man zu ihnen hinüber und steht bald vor großen Torfstichen. Als nach dem Kriege die Kohlen so knapp und teuer waren, konnten kaum genug der schwarzen Ziegel geliefert werden. Wir schreiten über glucksendes Erdreich an schwärzlich schimmernden Lachen vorbei und stehen plötzlich vor einer vier Meter hohen Wand, von der der Torf senkrecht abgegraben worden ist. Und hier blicken wir wieder in die Werkstatt der Natur, die in jahrtausendlangem Wirken diesen Boden schuf. Ganz deutlich sehen wir, wie drei Vegetationszeitalter hier übereinander liegen; dreimal erkennen wir eine Schicht von Baumstämmen untergegangener Wälder, auf denen dann die Zeit eine meterhohe Moorschicht gehäuft hat, bis auf deren Oberfläche wieder ein Wald erwuchs, den dann ein Naturereignis auch wieder zu Boden schmetterte.
Abb. 3. Kleinneuschönberg. Altes Haus auf Felsen
Flußauf und flußab ist nun das Tal durchwandert. Wohl möchte man gern von Olbernhau über die südliche Höhe nach Zöblitz und Marienberg zu wandern, aber es zieht uns heute nach der anderen Seite flöhaaufwärts. Und da wir dem Zuge der Bahn nicht folgen wollen, wandern wir nördlich den Hang empor, dem Walde zu. Ein steiler Steig führt den Auschänkberg hinauf, der seinen Namen von einer Schänke hat, die einstmals dort in der Aue lag. Die Höhe gibt noch einmal einen schönen, weiten Blick über das ganze Tal, dann nimmt uns der Wald auf. Der Heimatfreund freut sich, gleich hier ein Stück praktischen Heimatschutzes zu sehen. Wo der Steig auf die alte Saydaer Poststraße stößt, steht eine mächtige, wohl zweihundert Jahre alte Linde. Weithin spreizt sie ihre starken Äste, so weit, daß die vom Alter geschwächten ihr eigenes Gewicht nicht mehr zu tragen vermögen. Da hat die Forstverwaltung von Pfaffroda jeden einzelnen fein säuberlich gestützt, so daß der alte Baum in unveränderter Schönheit ragen und grünen kann.
Bald nimmt der Dom eines Buchenwaldes den Wanderer auf. Gewaltige Stämme streben zu beiden Seiten der Straße empor, und in jungem grünem Laub spielt golden die Sonne. Ein altes Weiblein, so echt in ihrem Kostüm der Märchenhexe, daß man fast an Kostümierung glauben könnte, sucht mit gebeugtem Rücken, auf den Stock gestützt, nach dürrem Holz. Ein Specht klopft fröhlich hämmernd an den Stämmen. Er findet wenig hier, denn die Stämme sind noch gesund, trotz ihrer dreihundertzehn Jahre. Und sie sollen auch stehenbleiben, solange die Kraft in ihnen quillt. Aus Gründen der landschaftlichen Schönheit hat sie der Besitzer von jedem Holzschlag ausgeschieden und gewissermaßen zum Bannwald erklärt.
In den dunklen Fichten, die sich dann anschließen, muß man den Schwedenweg suchen, wenngleich keine Spur mehr von ihm erkennbar ist. Er hat seinen Namen daher, daß im Jahre 1639 hier eine schwedische Nachhut von dem Förster Graß aus Grünthal überfallen und mehrere Schweden erschossen wurden. Aber der schwedische Kapitän, der seine Frau in einer Kalesche mitführte, riß sie zu sich aufs Pferd und rettete sich verwundet nach Sayda. Zehn Tage später traf ein großer Trupp schwedischer Reiter in Olbernhau ein und vollzog ein schweres Strafgericht, indem er den unschuldigen Ort in Brand steckte.
Und da kommt auch noch eine andere Erinnerung an Kriegszeiten: Bis hierher drangen im August 1813 nach der Schlacht von Dresden die noch einmal siegreichen Franzosen verfolgend vor. Biwaks bedeckten die Höhen über Olbernhau, König Murat von Neapel nahm im Schloß Pfaffroda Quartier. Drei Tage blieb der Feind, dann wandte er sich der eigenen Schicksalswende zu, die ihn im Oktober bei Leipzig traf. Der Kanonendonner von Leipzig wurde, wie alte Aufzeichnungen erzählen, hier noch deutlich vernommen.